Neue Datierung Grand Canyon älter als bisher gedacht

Der Grand Canyon erregt erneut Aufsehen: Während sein Wasserstand durch die künstliche Flutung steigt, veröffentlichen US-Geologen neue Erkenntnisse über seine Entstehung. Demnach sind Teile des berühmten Schluchtensystems Millionen Jahre älter als bisher angenommen.


Die Besucherführer im Grand Canyon National Park müssen wohl umlernen. Bisher haben sie ihren rund fünf Millionen Gästen im Jahr erklärt, die beeindruckende Schlucht, die derzeit in einem spektakulären Großexperiment geflutet wird, sei fünf bis sechs Millionen Jahre alt. Erdgeschichtlich gesehen ist der Canyon damit ein Jungspund. Doch Erkenntnisse von drei Wissenschaftlern der University of New Mexico lassen vermuten, dass zumindest ein Teil des Gebiets um einiges älter ist als bisher angenommen.

Die Forscher haben mineralische Ablagerungen in insgesamt neun Höhlen des Parks untersucht. Im Blick hatten sie dabei wolkenförmige Gesteinsformationen, die sich unter Wasser nahe des Wasserspiegels bilden. Ihre Hypothese: Die mineralischen Überbleibsel sind entstanden, als ein Fluss durch das Gebiet floss. Weil der sich im Laufe der Jahre immer tiefer in den Fels geschnitten hat, ist auch der Wasserspiegel in den Höhlen gesunken. Die kalkhaltigen Gesteinsformationen an den Höhlenwänden blieben zurück und liegen mittlerweile längst oberhalb der Wasserlinie.

Die Forscher konnten nur mit großer Mühe an ihre Proben gelangen: Die von ihnen untersuchten Höhlen liegen im oberen Bereich der Steilwände des Canyons - in schwindelerregenden Höhen über dem Colorado River. Um sie zu erreichen, fuhr das Team mit einem Boot den Fluss entlang - und machte sich dann an interessanten Stellen mit Bergsteigerausrüstung auf den Weg nach oben, begleitet von Kletterprofis.

Mit Hilfe der Uran-Blei-Datierung untersuchten die Forscher später die von ihnen gefundenen Ablagerungen. Dabei fanden sie zwei aufsehenerregende Dinge heraus: Zum einen hat sich der Canyon offenbar in zwei Teilen geformt, zum anderen ist zumindest der westliche Bereich des Gebiets mit 17 Millionen Jahren etwa dreimal so alt wie bisher vermutet. Lediglich für den östlichen Teil des Canyon bleibt quasi alles beim Alten. Hier gehen die Forscher nach wie vor von einem Alter von ungefähr sechs Millionen Jahren aus.

Nach den Datierungen der mineralischen Ablagerungen kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass sich das Flusswasser im östlichen Bereich des Grand Canyon deutlich schneller in den Fels gefräst hat als im Westen. Sie vermuten nun, dass zwei verschiedene Flüsse an der Entstehung des Felstals beteiligt waren: zunächst nur im Osten der Colorado River, der noch heute die atemberaubende Landschaft durchströmt, und im Westen ein weiterer, bislang unbekannter Fluss.

Andere Geologen äußerten sich jedoch skeptisch. "17 Millionen Jahre, das ist unmöglich", sagte Joel Pederson von der Utah State University der "Washington Post". Es gebe keine Belege dafür, dass vor mehr als sechs Millionen Jahren größere Mengen an Sedimenten aus dem Canyon ausgespült worden seien. Das sei aber nötig, wenn sich der Fluss tatsächlich viel früher als bisher vermutet durch die Felsen gefressen haben sollte.

chs



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