Neue Messung So hebt sich Grönland

Weil Grönlands Gletscher tauen, drücken sie nicht mehr so stark auf den Untergrund - und der steigt deswegen langsam auf. Mit einem Netz aus gut 50 GPS-Stationen haben Forscher den Effekt so präzise wie nie vermessen.

Anders A. Bjørk

Wenn Sie morgens Ihr Bett verlassen, ist im Kissen vermutlich noch der Abdruck ihres Hinterkopfes zu sehen - schließlich hat dessen Gewicht in der Nacht stundenlang darauf gedrückt. Sobald das nicht mehr der Fall ist, verschwindet der Abdruck - je nach Füllung des Kissens nach und nach. So ähnlich muss man sich einen Prozess vorstellen, der in ehemals vergletscherten Regionen der Erde abläuft: Dort hebt sich der Boden, sobald das Gewicht der auf ihm lastenden Eismassen durch Abschmelzen sinkt.

Der Boden Skandinaviens strebt durch diese sogenannte Postglaziale Landhebung pro Jahr im Schnitt um rund zehn Millimeter nach oben, schließlich war die Region vor rund 20.000 Jahren noch von kilometerdicken Eismassen bedeckt. In Teilen Nordkanadas kann der Effekt noch deutlich stärker ausfallen - und auch das heute großteils noch dick vergletscherte Grönland lag früher noch unter deutlich mehr Eis.

Deshalb hebt sich der Boden auch dort. Im Fachmagazin "Science Advances" präsentieren Forscher um Shfaqat A. Khan von der Technical University of Denmark dazu nun neue Messungen eines umfangreichen GPS-Messnetzes. Diese ermöglichen auch genauere Abschätzungen zu der Frage, wie stark Grönlands Eis aktuell abschmilzt - und damit zum Anstieg der Meeresspiegel beiträgt: Nach den Berechnungen der Forscher liegt der Eisverlust bei 272 Milliarden Tonnen pro Jahr, Berechnungsgrundlage ist der Zeitraum zwischen 2004 und 2015.

Vorhersagen müssen korrigiert werden

Besonders stark hebt sich der Boden den neuen Messungen zufolge im Nordosten Grönlands - um bis zu 12 Millimeter im Jahr. Nach Ansicht der Forscher haben bisherige Modellrechnungen dazu eine geologische Besonderheit außeracht gelassen: Vor rund 40 Millionen Jahren glitt dieser Teil der Erdkruste im Zuge der Plattentektonik über einen Hotspot im Erdmantel hinweg. Dadurch wurde er etwas abgeschmolzen und ist heute dünner als etwa in Skandinavien. Heute liegt übrigens Island mit seinen Vulkanen und heißen Quellen über diesem Hotspot.

Die Messdaten belegten, dass die mit GPS gemessene Landhebung deutlich höher sei als in bisherigen Modellrechnungen, so die Wissenschaftler. So müssten etwa Vorhersagen zum Abschmelzen, die auf den Schwerefelddaten des deutsch-amerikanischen Satelliten "Grace" basierten, leicht nach oben korrigiert werden - weil die Landhebung nicht ausreichend bei der Aufbereitung der Satellitendaten berücksichtigt wurde.

Demnach würden in Grönland knapp 20 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr mehr abschmelzen als bisher vermutet. Allerdings sind Rechnungen zur Menge des abgeschmolzenen Eises stets mit Unsicherheiten verbunden, sodass die neuen Ergebnisse die bisherigen auf jeden Fall nicht komplett auf den Kopf stellen.

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Grönland: Es taut

chs



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