Neue Satellitenbilder Der Regenwald stirbt langsam

Die tropischen Wälder werden einer aktuellen Studie zufolge deutlich langsamer vernichtet als bislang gedacht. Grund zur Entwarnung besteht trotzdem nicht. Im Gegenteil.
Von Alexander Stirn

Am 1. März 2002 startete die europäische Weltraumagentur Esa den Erdbeobachtungssatelliten "Envisat". Der Hightech-Würfel, immerhin acht Tonnen schwer, gilt als der anspruchsvollste und leistungsfähigste Erdbeobachter, den die Europäer jemals ins All geschossen haben. Er soll das Ozonloch überwachen, die polaren Eiskappen vermessen und den Regenwald im Auge behalten. Kurz: "Envisat" soll den Forschern dabei helfen, das Erdklima vor seiner endgültigen Zerstörung zu schützen.

Bei so viel Vorschusslorbeeren blieb Kritik naturgemäß nicht aus. Doch die scharfen Augen des Weltraumspähers werden offensichtlich mehr denn je gebraucht: Eine neue, jetzt in der US-Wissenschaftszeitschrift "Science" veröffentlichte Studie zeigt, dass das wahre Ausmaß der weltweiten Vernichtung des Regenwalds noch lange nicht erfasst ist.

Frédéric Achard und Kollegen vom Joint Research Centre der Europäischen Kommission im norditalienischen Ispra haben existierende Satellitenbilder und neue statistische Methoden kombiniert und die Geschwindigkeit berechnet, mit der der tropische Regenwald zerstört wird.

Den Kalkulationen der Forscher zufolge wird der Regenwald dabei langsamer vernichtet als bislang gedacht. Die jetzt ermittelte Rate liegt um 23 Prozent unter den zuvor angenommenen Werten. Grund zum Aufatmen gibt es trotzdem nicht. Noch immer verschwinde der Regenwald, so Co-Autor Hugh Eva, in "unglaublichem Tempo": Zwischen 1990 und 1997 wurden jedes Jahr rund 5,8 Millionen Hektar tropischer Wälder zerstört, deutlich mehr als die Fläche Niedersachsens. Weitere 2,3 Millionen Hektar - in etwa die Fläche Mecklenburg-Vorpommerns - gelten als sichtbar angegriffen.

Bislang dienten Schätzungen der Uno-Welternährungsorganisation FAO über die Vernichtung der Wälder als Berechnungsgrundlage. Doch diese Daten beruhen auf erdgebundenen Beobachtungen aus mehr als 200 Ländern. Länder, in denen oftmals weder exakte Vorgaben und wissenschaftliche Methoden existieren. Entsprechend vielfältig und ungenau waren die Ergebnisse. Während die FAO auf einen jährlichen Nettoverlust, der die Wiederaufforstung bereits mit einbezieht, von 6,4 Millionen Hektar kommt, ermittelten die EU-Forscher mit ihren statistischen Methoden einen Rückgang von 4,9 Millionen Hektar.

Um zu diesen Ergebnissen zu kommen, konzentrierten sich die Wissenschaftler auf so genannte Hot Spots: stark von Abholzung betroffene Regionen, die sogar auf den nicht besonders scharfen Satellitenbildern aus dem Jahre 1990 als solche zu erkennen waren. Darauf aufbauend wurden 100 Stichproben ausgewählt, die rund 6,5 Prozent der weltweiten Regenwälder ausmachen.

Dieses Vorgehen bringt den Wissenschaftlern allerdings Kritik ein: David Skole von der Michigan State University in den USA glaubt, wie "Science" berichtet, die Kollegen hätten die falschen Hot Spots erwischt. Besonders Regionen, in denen erst nach 1990 mit der Abholzung begonnen wurde, seien nicht erfasst worden. In einer noch nicht veröffentlichten Studie, die auf einem weltweiten Netz niedrig auflösender Satellitenbilder beruht, kommt Skole daher auch zu anderen Ergebnissen. Der Trend seiner Studie stimmt allerdings mit dem der Europäer überein: Die FAO-Schätzungen sind offensichtlich zu hoch.

Ein grundlegendes Problem, denn nicht nur die tatsächliche Vernichtung des Regenwaldes, auch die Unsicherheit über deren wirkliches Ausmaß, macht den Wissenschaftlern zu schaffen. Denn die Ausdehnung der Wälder steht in direktem Zusammenhang mit der globalen Klimaveränderung. So musste beispielsweise die "Zwischenstaatliche Kommission für den Klimawandel" (IPCC), eine Uno-Arbeitsgruppe von über 600 Klimaforschern, bei der Vorlage eines ihrer letzten Berichte einräumen, dass die Daten über die Abholzung des Regenwaldes mit einem Fehler von bis zu 50 Prozent in die Berechnungen der weltweiten Klimaveränderungen eingehen. Die Ergebnisse, oftmals komplizierte, äußerst sensible Klimamodelle, werden damit zwangsweise unzuverlässiger, schließlich gilt die Menge des Klimagases Kohlendioxid, die jährlich von Wäldern absorbiert werden kann, als Schlüsselfaktor bei der Erderwärmung.

Sowohl Achard als auch seine Kollegen setzen daher große Hoffnungen auf Satelliten wie Envisat. Die neuen Technologien, fallende Kosten und immer leistungsfähigere Computer könnten zu einem besseren Verständnis beitragen. Doch erst hoch auflösende, flächendeckende Satellitenbilder werden, so der Forscher, endgültig Gewissheit über die Geschwindigkeit der Abholzung schaffen.

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