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Arktis und Antarktis: Die große Schmelze

Foto: H.Pritchard / British Antarctic Survey

Neue Satellitendaten Warmwasser lässt polare Eisschilde schrumpfen

Mit bisher ungekannter Präzision haben britische Forscher den Eisverlust in Grönland und der Antarktis kartiert. Mit Hilfe von Satellitendaten konnten sie zeigen, wie stark vor allem warme Ozeanströmungen den Eisschilden zu schaffen machen - mit fatalen Folgen für den Meeresspiegel.

Cambridge - Es war sozusagen eine Sehschwäche. Während der Nasa-Satellit "IceSat" um die Erde kreist, registriert er zwar stetig mit seinem Laser-Messgerät Höhendaten zur Eisdickenmessung. Jede der Satellitenbahnen verläuft etwas versetzt zur vorherigen - um so nach einem genügend langen Zeitraum die Polarregionen vollständig abzudecken. Doch bisher konnten Forscher nur einen geringen Teil der zur Erde gefunkten Daten für Analysen nutzen - und zwar jeweils die von Punkten, an denen sich zwei Satellitenbahnen kreuzten. Allein dort waren die Angaben verlässlich genug.

Britische Forscher haben dieses Problem nun gelöst und mit zusätzlichen Daten aus der Zeit zwischen Februar 2003 und November 2007 ein besorgniserregendes Bild der Polarregionen gezeichnet. "Unsere Technik erlaubt es uns, Bereiche der Eisschilde zu analysieren, die bisher nicht zu sehen waren", sagt David Vaughan vom British Antarctic Survey im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er ist einer der Autoren eines Artikels, den das Fachmagazin "Nature" online veröffentlicht  - und der einen massiven Eisverlust in Grönland und weiten Teilen der Antarktis konstatiert.

"Der grönländische Eisschild ist genau wie einige Regionen in der Antarktis ein erwachender Riese", hatte Dänemarks Chef-Glaziologe Andreas Peter Ahlstrøm im Sommer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE gesagt und so vor gewaltigen Änderungen gewarnt. Die neuen Erkenntnisse sind ein eindrucksvoller Beleg dafür. Mit Hilfe von insgesamt 50 Millionen Messwerten (43 Millionen in der Antarktis und 7 Millionen in Grönland) konnten die britischen Forscher eine neue Karte des Eisverlusts in den Polarregionen herstellen (siehe Fotostrecke oben).

Fast alle eisbedeckten Küstenregionen Grönlands, vor allem der Südosten und der Nordwesten, sind vom Eisschwund betroffen. Auch große Gebiete in der Antarktis verlieren massiv Eis, nicht nur die Antarktische Halbinsel. Die Erkenntnisse überraschen kaum. Sie bestätigen frühere Messungen, sind in ihrer Detailauflösung aber bisher unerreicht.

"Die schnell fließenden Gletscher sind am stärksten betroffen"

Besonders tückisch: Die große Schmelze wird in manchen Regionen offenbar kaum mehr von den steigenden Temperaturen beeinflusst - sondern vor allem von warmen Ozeanströmungen, die ein noch viel verheerenderes Werk tun. "Die schnell fließenden Gletscher sind am stärksten betroffen", sagt Vaughan. In Zahlen ausgedrückt heißt das: Grönländische Gletscher, die schneller als 100 Meter im Jahr fließen, sind im selben Zeitraum durchschnittlich um 0,84 Meter dünner geworden.

Warmes, subtropisches Wasser, das durch Veränderungen des Nordatlantikstroms bis nach Grönland und in die Fjorde vor die Gletscher gelangt, nagt die Eisriesen an. Ein Forscherteam auf dem Greenpeace-Schiff "Arctic Sunrise", zu dem unter anderem Gordon Hamilton von der University of Maine und Fiamma Straneo von der Woods Hole Oceanograpic Institution gehörten, hatte das Wirken von subtropischem Wasser vor Grönland unlängst eindrucksvoll belegt. "Diese Messungen sind auch wichtig, weil sie uns zeigen, dass Grönlands Eisschild schnell von Veränderungen in den Weltmeeren erreicht wird", hatte Forscherin Straneo im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt.

Mit den neuen Satellitenmessungen zeigen Vaughan und seine Kollegen, wie sehr sich das auf die Eisdicke auswirkt: Die Forscher untersuchten in Grönland 111 schnell fließende Gletscher im Detail. Dabei konnten sie sehen, dass 81 dieser Eiszungen doppelt so schnell an Dicke verloren wie das sie umgebende, stabilere Eis. Von den Gletscherzungen setzt sich der Effekt zum Teil auch weit ins Landesinnere fort. An den Grönländischen Gletschern Jakobshavn, Helheim und Kangerdlugssuaq konnten die Forscher auch noch 100 Kilometer von der Spitze entfernt dramatische Veränderungen durch den schnellen Abfluss nachweisen - in Gebieten, die bis zu 2000 Meter über dem Meeresspiegel liegen.

Auch an einigen Gletschern auf der Westantarktischen Halbinsel stellten die Forscher einen besonders dramatischen Eisverlust fest. Die Gletscher Pine Island, Smith und Thwaites wurden um bis zu neun Meter pro Jahr dünner. Auch Zuwächse in Teilen der Antarktis konnten den Verlust nicht kompensieren. Auf eine entscheidende Frage bietet freilich auch die neue Studie keine Antwort, nämlich darauf, wie stark das Abschmelzen der Eisschilde den Anstieg der Weltweiten Meeresspiegel beschleunigen wird. Aktuelle Schätzungen gehen allein für Grönland von bis zu 35 Zentimetern in diesem Jahrhundert aus.

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