Neue Studie Forscher sagen schweres Erdbeben in Kalifornien voraus

Kalifornien gilt als extrem erdbebengefährdet - jetzt gibt es konkrete Berechnungen: Einer neuen Studie zufolge wird der US-Bundesstaat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten 30 Jahre von einem schweren Beben heimgesucht.


Los Angeles - Noch immer weiß niemand, ob sich "The Big One" mit messbaren Warnzeichen ankündigen wird: Jahrzehntelang haben Forscher daran gearbeitet, ein drohendes Megabeben in Kalifornien vorhersagen zu können: über die elektrische Spannung des Untergrundes, die Dehnung der Erdkruste oder Veränderungen des Grundwasserspiegels. Doch alle Verfahren haben sich bisher als unzuverlässig erwiesen.

Sicher scheint nur, dass das gefürchtete Beben kommen wird - mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit innerhalb der nächsten 30 Jahre. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, an der unter anderem der Geologische Dienst der USA (USGS) und das südkalifornische Erdbebenzentrum mitgearbeitet haben. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Erdstoß der Stärke 6,7 bis zum Jahr 2038 bei 99,7 Prozent. Ein noch schwereres Beben der Stärke 7,5 oder mehr sei zu 46 Prozent wahrscheinlich, meinen die Wissenschaftler.

Der Großraum Los Angeles ist nach den Berechnungen der Seismologen etwas stärker gefährdet als die Region um San Francisco im Norden des Staates. Aber die Werte unterscheiden sich nur minimal: Für die Bay Area um San Francisco sehen die Forscher die Wahrscheinlichkeit für ein Beben der Stärke 6,7 bei 63 Prozent, in Los Angeles liegt der Wert vier Prozentpunkte höher. Die Prognose beruht auf einem neuen Modell, das Informationen aus den Bereichen Seismologie, Erdbeben-Geologie und Erdvermessung verbindet.

Der Untergrund Kaliforniens gleicht einer gesprungenen Glasscheibe, zahlreiche geologische Störungen könnten Ausgangspunkte eines verheerenden Bebens sein. Am gefährlichsten erscheint den Forschern das südliche Segment der mehr als 1000 Kilometer langen San-Andreas-Verwerfung.

"Im zehnten Monat schwanger"

Der Bereich von Riverside, östlich von Los Angeles, könne im Zusammenhang mit der Erdbebenwahrscheinlichkeit als "im zehnten Monat schwanger" bezeichnet werden, sagte der Chef des Südkalifornischen Erdbebenzentrums, Tom Jordan. "Sie müssen sehen, dass das eine sehr lange Schwangerschaft ist, die ist mehr als überfällig." Der San-Andreas-Graben verursacht den Experten zufolge eigentlich alle 150 Jahre ein äußerst schweres Erdbeben, ein solches hat es aber seit 300 Jahren nicht mehr gegeben.

Aber auch der Bereich der Hayward-Falte rund um San Francisco gilt als höchst gefährlich. Dort stoßen zwei geologische Platten aufeinander, die eine bewegt sich tief unter der Erdoberfläche langsam nach Norden, die anderen nach Süden. Durchschnittlich alle 140 Jahre entlädt die Hayward-Verwerfung den angestauten "Stress" durch ein starkes Beben, das letzte fand 1868 statt - vor 140 Jahren. "Egal wie man es dreht, wir befinden uns haargenau in dem Zeitbereich, in dem es gemäß früherer Beben passieren sollte", erklärte der Seismologe David Schwartz vom Geological Survey in Menlo Park dem "San Francisco Chronicle".

"Immer wenn sich die Erde ein wenig bewegt, denken die Leute hier über Erdbeben nach, aber zehn Tage später haben sie es schon wieder vergessen, das sollten sie besser nicht", sagt Schwartz. Dabei wird Kalifornien immer wieder von Erdbeben erschüttert. Der letzte schwere Erdstoß im Süden des US-Bundesstaats hatte eine Stärke von 6,7 und ereignete sich im Jahr 1994. Die Northridge-Erschütterung in Los Angeles forderte 57 Menschenleben und richtete schwere Schäden an. Fünf Jahre zuvor waren bei einem Erdbeben der Stärke 6,9 in San Francisco 67 Menschen getötet und über 3000 verletzt worden.

Noch viel zerstörerischer verlief das Erdbeben, das am Morgen des 18. April 1906 San Francisco zerstörte. Die kalifornische Erdkruste riss entlang einer von Norden nach Süden verlaufenden Nahtzone auf einer Länge von 1280 Kilometern auf. Der Bruch war örtlich 500 Meter breit. Konservativen Schätzungen zufolge starben damals 3000 bis 4000 Menschen, Hunderttausende wurden obdachlos.

Die schwerste Erschütterung der Aufzeichnungen geht übrigens auf das Jahr 1857 zurück, als die Erde in El Tejon im Norden von Los Angeles mit einer Stärke von 7,9 bebte. Damals starben zwei Menschen - allerdings wohnten in ganz Kalifornien damals 360.000 Menschen, heute sind es hundertmal so viele.

chs/dpa/AP/AFP



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