Neuer Chefaktivist Naidoo Ex-Straßenkämpfer will Greenpeace umkrempeln

Er klingt sanft, lacht gern, wirkt entspannt. Doch der neue Greenpeace-International-Chef Kumi Naidoo eckt an. Hungerstreiken gegen den Klimawandel, Nachdenken über Genreis: Mit ungewohnten Vorstößen will der Südafrikaner neue Leidenschaft wecken - und zieht Kritik auf sich.

ddp

Von , Amsterdam


Das dreistöckige Haus steht in einem Problemviertel Amsterdams, inmitten einer riesigen Baustelle. Schicke Bürobauten wachsen in den Himmel und lassen das gedrungene Glasgebäude nur noch unscheinbarer erscheinen.

Hier, im zweiten Stock, arbeitet seit ein paar Wochen ein Mensch, der die Welt verändern will: grüner und gerechter soll sie werden, und das am besten gleichzeitig. "Der Kampf gegen die Armut und gegen die Folgen des katastrophalen Klimawandels sind zwei Seiten derselben Münze", sagt Kumi Naidoo in einem schmucklosen Konferenzraum, während sein iPhone mit kleinen Klicks ständig neue Mails vermeldet.

Vor ein paar Jahren hat Greenpeace International, die Weltzentrale des Ökoprotest-Konzerns, schon mal feudaler residiert. Zunächst in einem Jugendstilbau an den Amsterdamer Grachten, dann in dem schicken Loft eines ehemaligen Hafenspeichers. Naidoo, der neue Geschäftsführer von Greenpeace International, wird sich wohl tief im Amsterdamer Westen wohler fühlen.

Denn der 44-jährige Südafrikaner, der zur indischen Minderheit zählt, kommt aus der Armut eines Townships in Durban, was ihn biografisch schon ein großes Stück trennt vom Öko-Establishment der Industriestaaten. Seinen Kampf gegen das Apartheid-Regime begann er mit 14 Jahren, als seine Mutter Selbstmord beging. Nur einige wenige Jahre später stand er wegen seines Engagements auf einer schwarzen Liste der weißen Polizei-Schergen. Er floh, studierte in Oxford und kehrte erst nach dem Ende der Apartheid im Jahre 1990 zurück nach Südafrika. Der Tag, an dem Nelson Mandela aus der Haft entlassen wurde, sei einer seiner glücklichsten im Leben gewesen, sagt er. Schnell feierte Naidoo Erfolge als Aktivist für die Menschenrechte, unter anderem in der Organisation Civicus und als Berater von Ex-Uno-Generalsekretär Kofi Annan.

Der Klimawandel sei "das drängendste Menschheitsproblem"

Im Interview mit dem SPIEGEL (aktuelle Ausgabe - jetzt am Kiosk) macht er keinen Hehl daraus, dass er den politischen Kampf beherrscht wie kein anderer und dass er die eingetretenen Pfade der großen Umweltorganisation nicht unbedingt so weiterlaufen will. Noch Anfang des Jahres ging Naidoo in den Hungerstreik gegen die Unterstützung Südafrikas für das Unrechtsregime Simbabwes. Und auch solche Protestformen will er nicht ausschließen, wenn es beim Klimagipfel nächste Woche in Kopenhagen zu keiner Vereinbarung zur Reduzierung des Treibhausgas-Ausstoßes kommen sollte. Der Klimawandel sei "das drängendste Menschheitsproblem", sagt er, und er sei bereit, für dieses Umweltziel auch in den Hungerstreik zu treten. Ein Versagen der politischen Kaste in Kopenhagen würde auch bedeuten, dass die Kampagnen der Umweltorganisationen gescheitert seien.

Seine Tage als Straßenkämpfer haben ihn gelehrt, dass wahrhaft große Errungenschaften auch den Einsatz des eigenen Lebens verlangen - und gleichzeitig erinnert er sich noch heute an ein Gespräch mit einem Weggefährten aus diesen Zeiten, der ihm, dem Heißsporn, der notfalls als Märtyrer sterben wollte, gesagt hat: Ziel jeder Aktion müsse sein, zu überleben. "Das Tragische war, dass er zwei Jahre später erschossen wurde", erzählt Naidoo.

Die Stimme des Südafrikaners ist dabei sanft, er lacht gern, wirkt entspannt. Und das, obwohl die Greenpeace-Zentrale derzeit auf Hochtouren Aktionen in Kopenhagen und anderen Hauptstädten großer Klimasünder-Staaten plant. "Dies ist der kritische Moment, in dem wir die Welt hinein in eine grüne Wirtschaft stoßen müssen", schärft er seinen Mitstreiter im YouTube-Video ein.

Wird Naidoo, der erste afrikanische Greenpeace-Chef, den ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA, Barack Obama, treffen, um ihn zu einem Einlenken in Kopenhagen zu drängen? Auch daran arbeiten sie hinter den Kulissen in Amsterdam.

Doch so leidenschaftlich Naidoo in den Protestformen, so bedächtig ist er, was die Haltung seiner Organisation in Umweltfragen ist. Er hat Politik studiert, nicht Ökologie oder Chemie. Dafür aber will er sich nicht den Vorwurf machen lassen, nur aus ideologischen Standpunkten ins Feld gegen Umweltsünder zu ziehen. "Ich will alle unsere wissenschaftlichen Positionen noch einmal untersuchen lassen", verkündet er und erwähnt dabei sogar Heiligtümer der Greenpeace-Bewegung: den Kampf gegen die Endlagerung von Kohlendioxid aus Kraftwerken, ja und sogar die Gentechnik.

Bisherige wissenschaftliche Positionen kommen auf den Prüfstand

Angesprochen auf den Goldenen Reis, einer transgenen Züchtung, die unterernährte Kinder mit Vitamin A versorgen und damit vor der Erblindung retten könnte, erwidert er, über diese Sache unlängst nachgedacht zu haben.

Auch wenn er dabei signalisiert, dass sich nach der Überprüfung wohl in der Haltung nichts ändern wird: Er will sich nicht anhören müssen, blind gegen neue Entwicklungen zu sein. Indes, bei der Atomenergie ist er auch heute schon sicher: Die ist zu teuer und gefährlich.

Bei Greenpeace in Deutschland haben seine Äußerungen Unruhe ausgelöst. Der Kampf gegen die Gentechnik, das ist der heilige Gral jedweder grünen Bewegung. Und so meldeten sich nach Erscheinen des SPIEGEL-Interviews in der "taz" sogleich die Kritiker zu Wort: Der Goldene Reis diene den multinationalen Saatgutkonzernen lediglich dazu, sich ein besseres Image zu verpassen, findet der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Steffi Ober vom Naturschutzbund Nabu giftet, es sei "blöd, solche Vorlagen zu geben, die missinterpretiert werden können".

Greenpeace beeilt sich deshalb auf seiner Web-Seite mit einer Lesehilfe für das Interview. Man überprüfe sowieso ständig seine wissenschaftlichen Positionen, und zum Goldenen Reis schreibt die Organisation: "Die Entwicklung kostet Millionen, die für Programme ausgegeben werden könnten, die tatsächlich funktionieren und keine Umweltrisiken haben."

Kumi Naidoo jedenfalls startet mit Reformeifer bei Greenpeace International. Der Familienvater will auch die streng hierarchische Organisation von Greenpeace unter die Lupe nehmen, um zu prüfen, inwiefern es dort offener zugehen könnte. Ob sein Nachfolger nicht mehr von einem kleinen Gremium bestimmt, sondern von den Millionen Anhängern gewählt wird? Er lächelt einen Moment, bevor er antwortet. Sein Bauchgefühl sage ihm, dass es bei einer Organisation wie Greenpeace Grenzen bei der Mitbestimmung geben muss.



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Seite 1
Klo, 30.11.2009
1.
Zitat von sysopDer Druck auf die USA, China und andere Staaten steigt. Jetzt schlug der dänische Gastgeber in einem Verhandlungspapier vor, die CO2-Emissionen bis 2050 zu halbieren. Was soll die Welt Ihrer Meinung nach im Einzelnen beschließen?
Irgendwas. Aber man wird sich auch diesmal nicht durchringen können, irgendwas zu beschließen. Folglich wird auch diese Konferenz wieder eine sinnlose Farce.
Edgar, 30.11.2009
2.
Zitat von sysopDer Druck auf die USA, China und andere Staaten steigt. Jetzt schlug der dänische Gastgeber in einem Verhandlungspapier vor, die CO2-Emissionen bis 2050 zu halbieren. Was soll die Welt Ihrer Meinung nach im Einzelnen beschließen?
Eine kritische Reevaluierung der Daten, Methoden und Aussagen des 'Weltklimarats'.
Angler29, 30.11.2009
3.
Zitat von EdgarEine kritische Reevaluierung der Daten, Methoden und Aussagen des 'Weltklimarats'.
.....und als Konsequenz, dessen Abschaffung.
de.nada 30.11.2009
4.
Zitat von KloIrgendwas. Aber man wird sich auch diesmal nicht durchringen können, irgendwas zu beschließen. Folglich wird auch diese Konferenz wieder eine sinnlose Farce.
Na also was soll den schon beschlossen werden, wenn das so vom IPCC empfohlen wird wie am Ende des Artikels zu lesen ist ? "Der Weltklimarat (IPCC) hat von den Industriestaaten gefordert, die Emissionen bis 2020 um 25 bis 40 Prozent zu senken. Dazu sagte Steiner: "Es klafft noch eine große Lücke, aber sie beginnt sich zu schließen." Die geforderten 25 bis 40 Prozent seien von den Potentialen her "durchaus zu schaffen", wie diverse Studien gezeigt hätten." Das ist ja sehr genau angedeutet möchte man als Leser da ausrufen. Das Viertel der Weltbevölkerung das "God save the Queen" sagen kann, hat's da doch wesentlich einfacher.
saul7 30.11.2009
5. Die
Zitat von sysopDer Druck auf die USA, China und andere Staaten steigt. Jetzt schlug der dänische Gastgeber in einem Verhandlungspapier vor, die CO2-Emissionen bis 2050 zu halbieren. Was soll die Welt Ihrer Meinung nach im Einzelnen beschließen?
Welt möge verbindliche und effektive Beschlüsse fassen, um die herannahende Klimakatastrophe aufzuhalten. Dazu wäre es nötig, dass alle Staaten ihre Partikularinteressen hintanstellen. Ein Traum und wahrscheinlich unerfüllbar...
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