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03. Mai 2009, 09:27 Uhr

Neuer Grippe-Erreger

Erstmals Infektion bei Schweinen nachgewiesen

Woher das neue Grippevirus A/H1N1 stammt, ist noch immer nicht klar. Allerdings ist in Kanada zum ersten Mal auch eine Infektion bei Schweinen nachgewiesen worden. Die Tiere sollen sich bei einem kranken Bauern angesteckt haben, der zuvor aus Mexiko zurückgekehrt war.

Montreal - Erstmals haben sich in Kanada Schweine mit der derzeit bei Menschen vorkommenden neuen Grippe infiziert. Das Virus A/H1N1 sei bei einem Bestand in der Provinz Alberta nachgewiesen worden, teilte die kanadische Lebensmittelbehörde mit. Die Tiere hätten sich "sehr wahrscheinlich" bei einem Landwirt infiziert, der kürzlich aus Mexiko zurückkam.

Virustest: "Schweine können sich mit menschlichen Influenza-Viren anstecken"
AFP

Virustest: "Schweine können sich mit menschlichen Influenza-Viren anstecken"

Ursprünglich war vermutet worden, dass Schweinebestände in Mexiko der Ausgangspunkt für die aktuell um die Welt laufende neue Grippe sein könnten. Daher stammt auch der ursprünglich verwendete Name Schweinegrippe. Weil sich dieser Verbreitungsweg aber einstweilen nicht nachweisen ließ, wird von dem Namen mehr und mehr Abstand genommen.

Der betroffene kanadische Bauer war nach Angaben der Behörden am 12. April mit Grippe-Symptomen aus Mexiko zurückgekehrt und zwei Tage später wieder zur Arbeit erschienen. Inzwischen sei er wieder gesund. Auch den von ihm infizierten Tieren gehe es gut, erklärte die Behörde. Sicherheitshalber sei der Bestand aber unter Quarantäne gestellt worden. Für den Nachweis des Grippe-Virus sei ein Schnelltest angewandt worden, der eigentlich für Menschen entwickelt worden sei. Etwa zehn Prozent der rund 2200 Tiere in dem Betrieb seien infiziert gewesen.

Gemeinsame Solidaritätserklärung für Schweinefleisch

Die Übertragung von Grippeviren vom Menschen auf Schweine sei nicht ungewöhnlich, sagte Brian Evans von der Lebensmittelbehörde. "Schweine können sich mit menschlichen Influenza-Viren anstecken genauso wie mit Schweinegrippe-Viren oder der Vogelgrippe", so Evans. In Schweinen könnten sich nach Ansicht von Experten deshalb gefährliche neue Influenza-Viren mischen. Gleichwohl sei die Gefahr einer Übertragung von Viren vom Schwein auf den Menschen "sehr gering", beteuerte die kanadische Behörde. Schweinefleisch müsse ohnehin vor dem Verzehr gekocht werden.

Länder wie China oder Russland haben bereits vor einigen Tagen Handelsbeschränkungen für Schweinefleisch und Schweineprodukte aus Mexiko, den USA und Kanada erlassen. Internationale Organisationen haben mehrfach kritisiert, dass es dafür keinen Grund gibt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Welternährungsorganisation (FAO), die Welthandelsorganisation (WTO) und die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) verfassten dazu am Samstag sogar eine gemeinsame Erklärung.

Schweinefleisch sei nicht infektiös, wenn die Regeln der Hygiene beachtet würden, heißt es darin. Gleichwohl sei es wichtig, dass die Tierbestände von den Veterinärbehörden überwacht würden, um mögliche Zusammenhänge von Krankheitszeichen bei Schweinen mit Fällen von Infektionen beim Menschen zu erkennen.

Die neuartige Seuche, die sogenannte Schweinegrippe, wurde mittlerweile in 18 Ländern nachgewiesen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es inzwischen mehr als 650 bestätigte Fälle. Am stärksten betroffen ist nach wie vor Mexiko. Dort gibt es nach Angaben von Gesundheitsminister José Ángel Córdova 473 Infektionen. Die Zahl der Toten sei inzwischen auf 19 angestiegen. Gleichzeitig betonte der Minister, es gebe in Mexiko täglich weniger schwere Erkrankungen. "Die Sterberate sinkt", sagte er. Zuvor hatte Córdova von einer "Phase der Stabilisierung" in der Krankheitswelle gesprochen.

In Irland wurde am Samstag die erste Infektion öffentlich bestätigt. Es handele sich um einen Mann, der erst vor kurzem aus Mexiko zurückgekehrt sei, berichtete die Zeitung "Irish Times" in ihrer Online-Ausgabe. In Deutschland sind sechs Menschen infiziert. Zweimal wurde das Virus dabei innerhalb der Bundesrepublik von Mensch zu Mensch übertragen.

Die WHO hat davor gewarnt, das Virus könne sich trotz der derzeitigen leichten Entspannung der Lage zu einer Pandemie ausweiten. "Derzeit gehe ich weiterhin davon aus, dass eine Pandemie unmittelbar bevorsteht, weil wir sehen, dass sich die Krankheit weiter ausbreitet", sagte Michael Ryan, der für weltweite Warnungen zuständige Vertreter der WHO. Deshalb gehe seine Organisation weiter davon aus, die Pandemie-Warnstufe von derzeit 5 möglicherweise auch auf die höchste Stufe 6 anheben zu müssen.

chs/AFP/AP/Reuters

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