Der Preis des Lebens: Was kostet die Welt?
Neuer Umweltreport So lohnt sich der Naturschutz
Im Naturschutz vollzieht sich seit einiger Zeit ein Paradigmenwechsel: Man will weg vom Jutetaschen-Image. Womöglich auch aus der Erkenntnis heraus, dass die vorgeblichen und tatsächlichen Entscheider von heute - Politik und Wirtschaft - nur noch eine Sprache verstehen: und zwar die des Geldes. Vor ökologischen Desastern zu warnen, hat bisher nur bescheidene Erfolge gebracht. Also zeigt man die ökonomische Komponente des Problems auf.
Deswegen gehen Umweltschützer verstärkt dazu über, die natürlichen Ressourcen der Welt mit einem Preisetikett zu versehen. So erkennt man, wie teuer es ist, wenn sie zerstört werden. Und man kann errechnen, dass es billiger ist, sie zu erhalten anstatt sie mühsam wieder aufzubauen - sofern das überhaupt noch möglich ist. Denn nicht nur beim Klimawandel sieht sich die Welt einer drohenden ökologischen und ökonomischen Katastrophe ausgesetzt. Auch kaputte Ökosysteme und Artensterben verursachen hohe Kosten. Jedes Jahr wird eine Urwaldfläche von der Größe der Schweiz gerodet, 3 bis 30 Arten verschwinden täglich von der Erde. Ein Massensterben ist im Gange, schätzt das Umweltprogramm der Uno (Unep) - hundertmal schneller als es aufgrund der Mechanismen der Evolution zu erwarten wäre.
Die Idee, Ökosysteme in Geldwerten zu bemessen, entstand vor zwei Jahren, bei einem Treffen der G-8-Umweltminister in Potsdam: Man gab eine Studie in Auftrag, die "Die Ökonomie der Ökosysteme und der Biodiversität" benennt (englisch: The Economics of Ecosystems and Biodiversity - TEEB ). Diese TEEB-Studie sollte so etwas wie der Stern-Report der Natur werden.
2006 hatte der britische Ökonom Nicholas Stern mit seinem Report für Erschütterung gesorgt: Kühl hatte Stern vorgerechnet, was es kosten würden, den menschengemachten Klimawandel zu begrenzen - und was das Nichtstun kosten würde. Die Zahlen sprachen für sich: Ein Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes wären für die wichtigsten Klimaschutzmaßnahmen nötig. Das Fünf- bis Zwanzigfache hingegen würden die katastrophalen Folgen eines unbegrenzten Klimawandels kosten.
"Natürliches Kapital hat das Potential, eine gute Investition zu sein"
Von der Unep geleitet und unter anderem vom deutschen Bundesumweltministerium finanziert, haben nun rund hundert Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft den ersten TEEB-Abschlussbericht in Brüssel bei der Europäischen Kommission vorgestellt. Er richtet sich an die globale Politik. Weitere Teile sollen bis Mitte 2010 folgen und an Lokalpolitiker, Wirtschaft und Bürger adressiert werden.
Die Experten benennen in ihrem Report vier neuralgische Punkte:
- Die Abholzung der Wälder - sie trage massiv zum Klimawandel bei, da CO2-Speicherkapazität mit den Bäumen verschwindet.
- Die tropischen Korallenriffe. Sie bieten einer halben Milliarde Menschen eine Lebensgrundlage
- Die Überfischung der Meere. Sie muss gestoppt werden, Hunderttausende von Arbeitsplätzen stünden sonst auf dem Spiel - von Milliarden an Einnahmeverlusten ganz abgesehen.
- Niedergehende Ökosysteme verursachen eine Verarmung der Landbevölkerung.
Wie stoppt man nun die fortschreitende Zerstörung der Natur? Nicht durch Verbote, glauben die Autoren des Reports, sondern durch Anreize. "Ökosystemdienstleistungen" nennen sie erhaltende Maßnahmen. Dafür müssten die Staaten finanzielle Mittel bereitstellen. Es soll sich ein Sichtwandel vollziehen: Investition in Ökosysteme soll sich finanziell lohnen. Oder wie es Studienleiter Pavan Sukhdev ausdrückt: "Natürliches Kapital hat das Potential, eine gute Investition zu sein, die die Existenzgrundlagen sichert und nachhaltigen ökonomischen Nutzen bis weit in die Zukunft verspricht."
Konkrete Beispiele: Der Erhalt der Wälder ist zugleich auch eine Einsparung von CO2. Das wiederum bedeutet in einem sich weltweit etablierenden Emissionshandel bares Geld. Die Wälder der Erde, so schreiben die Autoren in dem Report, speichern insgesamt 547 Gigatonnen Kohlenstoff, pro Jahr nehmen sie laut Schätzungen bis zu 4,8 Gigatonnen auf. Allein der Verlust an tropischen Regenwäldern macht momentan etwa ein Fünftel der globalen Emissionen an Treibhausgasen aus - auch wenn der genaue Beitrag der Abholzung zur globalen CO2-Bilanz noch immer nicht ganz klar ist.
Jeder nicht abgeholzte Baum spart CO2 und damit Geld
Klar scheint indes: Jeder Baum, der nicht abgeholzt oder der wiederaufgeforstet wird, spart CO2-Emissionen und damit Geld. Die Kosten dafür seien relativ gering, schreiben die Autoren im TEEB-Report. Der Gewinn jedoch beträchtlich: Um 40 Prozent könnten dadurch die CO2-Preise gesenkt werden. REDD (reduce Emissions from deforestation and forest degradation, Vermeidung und Reduzierung der Entwaldung) nennen die Wissenschaftler die Verbindung des CO2-Emissionshandels mit dem Erhalt der Wälder.
"Die Uno-Initiative zur Vermeidung und Reduzierung der Entwaldung (REDD-Plus) könnte das erste globale System für bezahlte Ökosystemdienstleistungen werden", sagt Heidi Wittmer, die die wissenschaftliche Koordination der TEEB-Studie geleitet hat. "Eine REDD-Plus-Vereinbarung bei den aktuellen Klimaverhandlungen und ihre Etablierung ist eine einmalige Chance für einen kosteneffektiven Klimaschutz mit deutlichem Nutzen für die Umwelt."
Aber der Wert der Erhaltung geht über den Klimawandel hinaus. Es geht beispielsweise auch um genetische Ressourcen, die einen konkreten finanziellen Wert darstellen: So gehen Pharma- und Biotechnik-Industrie mit dem Verlust von Arten auch potentielle Medikamente und Enzyme verloren, die man großindustriell einsetzen könnte. Und Tourismus-Einnahmen sinken, wenn Ökosysteme kaputtgehen - wer will in sterbenden Korallenriffen tauchen? Oder Mangrovenwälder, die man in Thailand für den Aufbau von Garnelenzuchten abholzt, würden als nachhaltig bewirtschaftete Holzlieferanten schlicht mehr Geld abwerfen.
Die Wissenschaftler haben daher einen Katalog an Empfehlungen für die Politik aufgestellt.
- Teure Subventionen, die schädlich für die Umwelt sind, müssen gestrichen werden. Mit der gigantischen Summe von einer Billion Dollar würden jährlich weltweit Landwirtschaft, Fischfang, Energie, Verkehr und andere Bereiche gefördert, kritisieren die Studienautoren. Mit einem Drittel dieser Summe unterstütze man dabei die Produktion und den Verbrauch fossiler Brennstoffe und fördere damit den Klimawandel. Das müsse gestoppt werden.
- Schäden an der Umwelt müssten beziffert werden, das Verursacherprinzip solle konsequent angewandt werden, heißt es im TEEB-Report. Beispiel Mangrovenwälder: Sollte ein privater Konzern diese abholzen, um eine Garnelenzucht zu betreiben, dann müssten ihm die dadurch entstandenen Kosten für die Allgemeinheit in Rechnung gestellt werden.
- Als eines der drängendsten Probleme sehen die Studienautoren auch den Schutz der Meere an. 13,9 Prozent der Erdoberfläche seien geschützt, aber nur 0,5 Prozent der Meere - und das, obwohl 70 Prozent der Erdoberfläche von Meeren bedeckt ist. Würde man die 20 bis 30 Prozent der Ozeane als Schutzgebiete ausweisen, würde das eine Million Arbeitsplätze schaffen, glauben die Autoren. Und die Fischerei würde 70 bis 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr einbringen. Die Alternative ist desolat: Durch Überfischung droht ein Kollaps der Fischbestände - mit verheerenden ökonomischen und sozialen Folgen.
- Allgemein müsste in ökologische Infrastruktur investiert werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man stellt so zugleich auch eine Nahrungs- und Wasserversorgung sicher, begrenzt CO2-Ausstoß, schützt vor Naturkatastrophen und bietet Menschen eine Lebensgrundlage. Dabei seien vorbeugende Maßnahmen vorzuziehen: Es sei, so die Autoren, fast immer billiger, bestehende Ökosysteme zu bewahren als zerstörte wieder aufzubauen.