Neuer Uno-Klimabericht Grabenkämpfe um bunte Landkarten

In Brüssel verhandeln Vertreter von 124 Ländern knallhart über Teil zwei des Uno-Klimaberichts. Insbesondere China, Russland und die USA versuchen vehement, die Schlussfassung des Textes zu beeinflussen - und mitunter sogar die Färbung von Landkarten.


Brüssel - In wenigen Sätzen steckt große politische Sprengkraft, und es sieht so aus, als legten die großen Luftverschmutzer China, Russland und USA ihr ganzes Gewicht in die Waagschale, um den Text jener wenigen Seiten der Zusammenfassung zu beeinflussen, die der Uno-Weltklimarat am Karfreitag in der belgischen Hauptstadt vorstellen will.

Bruchstück des Upsala-Gletschers im Lago Argentino in den Anden: Forscher fassen die Folgen des Klimawandels zusammen
REUTERS

Bruchstück des Upsala-Gletschers im Lago Argentino in den Anden: Forscher fassen die Folgen des Klimawandels zusammen

Die drei Staaten meldeten bei den Abschlussverhandlungen über den Bericht in Brüssel immer wieder Änderungswünsche an, wie am Mittwoch aus Konferenzkreisen verlautete. Die Russen seien regelrecht auf Konfrontationskurs. Mehr als 100 Delegationen verhandeln seit Montag über den Entwurf des Klimarats der Vereinten Nationen (IPCC, Intergovernmental Panel on Climate Change) für den zweiten Teil des Reports. Das Ergebnis wird diesen Freitag in Brüssel vorgestellt. Die Studie, über deren inhaltliche Eckpunkte SPIEGEL ONLINE bereits berichtet hat, soll die drohenden Folgen des Klimawandels beschreiben.

Wie es in Brüssel weiter hieß, bezweifelt die Verhandlungsrunde die Zuverlässigkeit der aus Russland gelieferten Daten. Die Forscher hätten die Ergebnisse ihrer russischen Kollegen zum Teil nicht anerkannt. Das verärgere die Russen. "Die haben dann erst einmal alles blockiert", hieß es aus den Delegationen.

USA mögen Gelb lieber als Rot

Die USA seien unter anderem bemüht, Äußerungen zum drohenden Wassermangel abzuschwächen. Auch die Chinesen verlangten zahlreiche Änderungen. "Die Gespräche verlaufen zäh und langsam", sagte Klimaexpertin Gabriela von Goerne, die für die Umweltorganisation Greenpeace die Gespräche in Brüssel verfolgt. Es gebe noch viele "Ungereimtheiten und Streitpunkte". "Allen Delegationen ist aber klar, dass der Klimawandel stattfindet und dramatische Folgen haben wird." Sie rechne damit, dass bis spät in die Nacht zum Freitag gestritten werde. Dann werde es aber einen Kompromiss geben.

Die USA und Australien halten sich mit öffentlicher Kritik bisher auffallend zurück. Auch der jüngste Streit zwischen der EU und Australien flammte zunächst nicht wieder auf. "Sie halten sich ziemlich bedeckt und vermeiden jede Blockadehaltung", sagten Teilnehmer der Konferenz. Den USA erscheine zum Beispiel eine Karte zum vorhergesagten Temperaturanstieg "zu rot". Sie wollten für geringe Erhöhungen als Farbe ein weniger alarmierendes Gelb.

Vom ersten Tag an sei es bei "harten Verhandlungen" in Brüssel zur Sache gegangen. Strittig war nach den Angaben auch, wie genau Sturzfluten in Bergregionen wegen schmelzender Gletscher und drohende Ernteausfälle in Indien und China vorhersehbar seien. Auch die Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse über Auswirkungen des schmelzenden Nordpol-Eises auf den Golfstrom und damit auf das Klima in Europa sei umstritten.

Experten fürchten sich vor Katastrophen-Schlagzeilen

Im ersten Teil des Reports hatten die Experten den wissenschaftlichen Beweis erbracht, dass der Mensch mit großer Wahrscheinlichkeit für den Klimawandel verantwortlich ist. Im dritten Teil sollen Möglichkeiten beschrieben werden, wie die Erderwärmung noch gestoppt werden kann. Auch sein Inhalt ist im Wesentlichen bereits bekannt. Die drei Teile des insgesamt vierten IPCC-Klimareports haben gut 2500 Forscher, darunter 450 Hauptautoren, im Laufe von sechs Jahren erstellt.

Der Entwurf für den zweiten Teil zeichnet ein düsteres Bild von den Folgen des Klimawandels. Mindestens ein Fünftel der Tier- und Pflanzenarten seien vom Aussterben bedroht. Hitze, Smog und Unterernährung machten immer mehr Menschen krank. Naturkatastrophen wie Fluten oder Dürren werden demnach immer häufiger.

Unterdessen beschleicht einige Experten offenbar Angst davor, dass die neuen IPCC-Ergebnisse in der Öffentlichkeit als zu bedrohlich dargestellt werden. "Mich beschäftigt, dass die Medien eine weitere Weltuntergangs-Schlagzeile schreiben, in sechs Wochen alles zu Hysterie erklären und das Thema vergessen", sagte Achim Steiner, Chef des Uno-Umweltprogramms Unep. Dennoch sei es eindeutig richtig, Begriffe wie "Katastrophe" zu benutzen, um die Folgen etwa des Meeresspiegel-Anstiegs für pazifische Inseln oder Küsten-Metropolen zu beschreiben.

"Es ist legitim, solche Begriffe für bestimmte Szenarien zu benutzen", sagte Steiner. Deshalb aber solle sich die Klimadebatte nicht nur um das Ende der Welt drehen. "Wir können etwas dagegen tun." Allzu drastische Schlagzeilen könnten die Menschen sogar davon abhalten, ihren Teil zum Kampf gegen den Klimawandel beizutragen, befürchtet Mike Hulme, Leiter des britischen Tyndall Centre for Climate Change Research. "Leugnung, Lähmung und Apathie" könnten die Folgen sein. Angst als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit sei "bestenfalls unzuverlässig und schlimmstenfalls kontraproduktiv".

mbe/dpa/rtr

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