Neues Alarmsystem Japaner werden Sekunden vor schweren Erdbeben gewarnt

Ein neues Frühwarnsystem alarmiert die japanische Bevölkerung wenige Sekunden vor einem schweren Beben. Diese kurze Zeitspanne reicht aus, um Atomreaktoren herunterzufahren, Schnellzüge abzubremsen oder Gasherde auszuschalten.

Tokio - Japans erdbebengeprüfte Bevölkerung kann seit Montag ein wenig ruhiger sein: Dank eines neuartigen Warnsystems wird sie künftig schon Sekunden vor einem schweren Beben alarmiert. Damit bleibt den Menschen genügend Zeit, sich aus einsturzgefährdeten Häusern oder unter einen Tisch zu retten und den Gasherd auszustellen, eine der Hauptbrandursachen bei Beben.

Die Informationen über bevorstehende Beben werden nun landesweit per Radio, Fernsehen sowie über Lautsprecher an öffentlichen Plätzen verbreitet. Das über Jahre hinweg im Auftrag des japanischen Wetterdiensts entwickelte System ist weltweit einzigartig: Es misst bereits erste Erschütterungen, sogenannte Verdichtungswellen, bevor sie von potentiell gefährlichen Beben gefolgt werden.

Verdichtungswellen, auch P-Wellen genannt, können ähnlich wie Schallwellen nicht nur Festkörper, sondern auch Flüssigkeiten durchlaufen. Sie bewegen sich schneller als sogenannte Scherwellen (S-Wellen), die für die schlimmen Schäden bei Erdbeben verantwortlich sind.

Die Sekunden Laufunterschied zwischen den beiden Wellentypen können Leben retten und schwere Schäden verhindern: Sie reichen aus, um Atomreaktoren ab- und Baukräne auszuschalten oder Hochgeschwindigkeitszüge zu stoppen. Ein Elektronikkonzern hat bereits einen Hausalarm entwickelt, bei dem sich das Gas von allein abstellt und die Gardinen automatisch schließen, um vor zersplitternden Fensterscheiben zu schützen.

Nach Berechnungen des Sicherheitsexperten Kimiro Meguro von der University of Tokio könnte die Zahl der Erdbebenopfer schon bei zehnsekündiger Vorwarnung um 90 Prozent sinken. Um aber ständige Panik in einem Land, in dem fast täglich die Erde bebt, zu vermeiden, wird die Öffentlichkeit nur bei größeren Beben alarmiert.

Ausführliche Infobroschüren weisen die Menschen zudem an, wie sie sich in dem Fall verhalten sollen. Laut Meguro ist das System nur dann wirksam, wenn die Reaktionen eingeübt wurden. "Jeder muss sich die unterschiedlichsten Situationen, in denen ihn die Warnung treffen kann, vor Augen führen - und dann überlegen, wie er die ihm verbleibenden Sekunden richtig nutzt", mahnt der Wissenschaftler. Um wirklich auf alles vorbereitet zu sein, "sollte man in der Fantasie sogar seinen eigenen Tod durchspielen", rät Meguro.

hda/AFP

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