Neuseeland Beben schlitzte Südinsel auf

Versetzte Mauern, aufgerissene Wiesen, verformte Straßen: Die Erdstöße vom 4. September haben die Südinsel Neuseelands auf mehr als 60 Kilometer Länge aufgeschlitzt. Forscher haben weitere beängstigende Entdeckungen gemacht - und fürchten jetzt eine neue Beben-Kaskade.

GNS Science

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Sie haben es kommen hören. Bevor am 4. September die Erde bebte, wummerte ein Grollen durch Christchurch. Sekunden später wogte der Boden der Stadt auf der Südinsel Neuseelands auf und ab, kurz darauf von links nach rechts. Häuserdächer krachten zusammen, Fenster splitterten, Feuer loderten. Die Schäden summierten sich vermutlich auf mehr als eine Milliarde Euro. Obwohl das Beben der Stärke 7,1 am 4. September verblüffend jenem von Haiti im Januar glich, gab es aber keine Toten - vor allem dank der Konstruktion der Bauten, die einen kompletten Kollaps meist verhinderte.

Mittlerweile sind die meisten Trümmer weggeräumt. Doch das ganze Ausmaß des Bebens außerhalb der Städte wird erst allmählich deutlich. Die Landschaft ist von buchstäblich einschneidenden Veränderungen gezeichnet: Ein mehr als 60 Kilometer langer Bruch klafft, er hat Wiesen, Straßen und Wohngebiete zerrissen. Vier Meter haben sich beide Seite gegeneinander verschoben.

In der Umgebung der Naht sprang der Boden mehr als einen Meter in die Höhe; die Kanten machen Straßen unbefahrbar. Brunnen versiegten, weil Grundwasser der Weg abgeschnitten wurde; es bahnt sich neue Wege.

Geoforscher haben diese Bruchlinie nun untersucht - und kommen zu einem beängstigenden Ergebnis: Das Beben habe sich an einer bisher unbekannten Naht ereignet, berichten Seismologen der neuseeländischen Geoforschungsbehörde GNS. "Vorher gab es nichts in der Landschaft, das auf diese Störung im Untergrund hingewiesen hätte", sagt Kelvin Berryman vom GNS.

Diese Schlussfolgerung ist aus drei Gründen besorgniserregend:

  • Die gefährlichste Bebennaht des Landes - die Alpine Fault - ist demnach ruhig geblieben. An ihr schrammen die Indisch-Australische und die Pazifische Erdplatte seit Jahrmillionen aneinander vorbei; in der Knautschzone haben sich die Neuseeländischen Alpen aufgefaltet. Satellitenmessungen der Erdplattenbewegungen ergeben, dass der Druck entlang der Nahtzone stetig zunimmt. Nach Erkenntnissen des GNS staut sich die Spannung seit 1717. Seither gab es entlang der Naht kein starkes Beben mehr. Sprünge im Gestein und alte Erdrutschungen verraten aber, dass es in den Jahrhunderten zuvor etwa alle 160 Jahre gebebt hat. Die Frage ist: Baut sich der Druck bei mehreren mittelstarken Beben ab oder bei wenigen Megaschlägen? Das Beben vom 4. September jedenfalls hat die Alpine Fault nicht entlastet. Deshalb müsse entlang der Plattengrenze jederzeit mit einem Beben gerechnet werden, das heftiger sei als Stärke acht, warnt das GNS. Stöße dieser Heftigkeit ereignen sich weltweit nur etwa einmal pro Jahr, ihnen halten selbst stabile Bauten kaum Stand.
  • Das Beben vom 4. September habe gezeigt, dass "sehr wahrscheinlich" weitere unentdeckte Nahtzonen im Boden lägen, die jederzeit reißen und schwere Erdstöße erzeugen könnten, meint GNS-Forscher Berryman. Am 4. September brach der Boden rund 80 Kilometer östlich der Alpine Fault, wo sich in den vergangenen Jahrhunderten die heftigsten Erschütterungen ereignet haben. Neuseelands Boden ist vielfach zersprungen wie eine Glasscheibe. Die Spannung in der Erdkruste scheint so hoch, dass sie überall reißen und neue Brüche entstehen lassen könnte.
  • Das Beben am 4. September hat das Risiko für weitere schwere Erdstöße erhöht. Bei einem Erdbeben verlagert sich Spannung ans Ende des Bruches, wo sich der Druck damit gefährlich verstärken kann. Statistiken zeigen, dass das Risiko schwerer Schläge nach einem Starkbeben am höchsten ist. Dieses Gesetz hat auch Neuseeland schon zu spüren bekommen. In den dreißiger Jahren erlebte das Land eine Folge schwerer Beben, nachdem es im März 1929 in der Nähe von Christchurch einen Schlag der Stärke 7,1 gegeben hatte. Seismologen des GNS halten eine erneute Beben-Kaskade für möglich.

Um das Risiko besser einschätzen zu können, haben die GNS-Forscher ein ambitioniertes Programm begonnen: Sie planen Bohrungen in die Alpine Fault, um den Rhythmus der Starkbeben entlang der Plattengrenze zu entschlüsseln. Manche Experten halten Bohrungen allerdings für gefährlich, denn die Stiche in die Erdkruste könnten ihrerseits Beben auslösen. Das Beben vom 4. September habe gleichwohl gezeigt, dass auch abseits der Alpine Fault gebohrt werden müsse, um verborgene Bebennähte aufzuspüren, konstatiert das GNS.

Als erste Erkundungsmaßnahme haben die Seismologen 200 Bebensensoren im Umland von Christchurch verteilt, die die Nachbeben der Erdstöße vom 4. September aufzeichnen. Anhand der Daten konnten die Forscher nun den unterirdischen Verlauf der Bruchlinie kartieren. Sie erstrecke sich parallel zu anderen Nahtzonen auf der Südinsel, berichtet das GNS. Über dem Gesteinsbruch läge Sand, der sich dort in den letzten 16.000 Jahren seit der Eiszeit abgelagert habe. "Die Sandschichten wiesen keine Zerrüttungen auf, die vor dem 4. September entstanden sein könnten", berichtet Berryman. Die Erdbebenzone lag versteckt im Untergrund.

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Core Dump, 29.09.2010
1. Zuerst...
...springt der Regisseur von "Der kleine Hobbit" ab, dann droht Peter Jackson mit seiner Filmcrew nach Osteuropa abzuhauen falls die neuseelaendische Schauspielergewerkschaft streiken will, und nun faellt auch noch die Insel auseinander. Was solls? Nachdem dort nicht mehr gefilmt wird, ist das Eiland sowiso voellig nutzlos geworden fuer die internationale Unterhaltungsindustrie, und somit entbehrlich.
snickerman 29.09.2010
2. interessant...
4 Meter, das hört sich zunächst nach nicht viel an, bei den Kontinentalverschiebungen geht es aber nur um Größenordnungen von einem bis etwa 5 cm pro Jahr, so lief dort in Minutenschnelle ein Jahrhundert ab. Neue Bruchlinien könnten das junge und geologisch aktive Land zerreißen, schon lange vorher würde es durch Erdbeben und Vulkanausbrüche unbewohnbar. Wiederholt gab es in der Erdgeschichte Phasen, in denen die geologische Aktivität sprunghaft zunahm (bspw. den Dekkan-Ausbruch), möglicherweise, weil eine kleinere Platte zerbarst und versank und die großen Platten "freie Fahrt" hatten auf ihrer immerwährenden Tour um den Erdball...
hr_schmeiss 29.09.2010
3. ...Strassenbau?
...ei, das ist ja nett: ein Beben, das Strassen baut: "Breite Bruchzone: Über breiter Front zeichnen sich Risse auf der Straße ab, die das Beben hinterlassen hat." (Unterschrift zu Bild Nr. 5)
hr_schmeiss 29.09.2010
4. ...oder Bild Nr 14...
"Gefährliche Folgen: Das Beben ließ Gasleitungen platzen, Feuer entzündeten sich" (Unterschrift zu Bild Nr 14). Hm, hab ja schon gehört, dass sich Gas entzünden kann. Oder Benzin. Oder die Mandeln. Aber ein Feuer? Man stelle sich vor, das Feuer hätte sich nicht entzündet...?
Weinheber 29.09.2010
5. komische Mauern!
Zitat von sysopVersetzte Mauern, aufgerissene Wiesen, verformte Straßen: Die Erdstöße vom 4. September haben die Südinsel Neuseelands auf mehr als 60 Kilometer Länge aufgeschlitzt. Forscher haben weitere beängstigende Entdeckungen gemacht - und fürchten jetzt eine neue Beben-Kaskade. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,719484,00.html
Die Bilder 1 und 3 zeigen keine Mauern, sondern große Baumhecken, erkennbar an den Schatten. (Diese Baumhecken durchziehen die gesamte Südinsel und sind als Windschutz gedacht)
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