Tödlicher Vulkanausbruch auf White Island Katastrophe mit Ansage

Beim Vulkanausbruch in Neuseeland gab es Tote und Verletzte. Hätte die Katastrophe verhindert werden können? Experten sagen: Die Touristen spazierten über ein Pulverfass.
Satellitenbild von White Island (12.05.2019): Der Ausbruch war "unglücklich, aber nicht völlig unerwartet"

Satellitenbild von White Island (12.05.2019): Der Ausbruch war "unglücklich, aber nicht völlig unerwartet"

Foto: Maxar Technologies/ AP/ DPA

Die Polizei rechnet nicht damit, noch Überlebende zu finden. Auf der neuseeländischen Insel White Island sind bei einem Vulkanausbruch am Montag mindestens fünf Menschen gestorben, 31 wurden verletzt. Acht Personen gelten noch als vermisst. Die Opfer waren als Touristen auf die Insel gekommen. Premierministerin Jacinda Ardern will nun klären, warum die Sightseeing-Touren nicht gestoppt wurden.

Nur wenige Wochen vor dem Unglück hatte das geologische Überwachungszentrum Geonet  den Aktivitätsgrad des Vulkans von 1 auf 2 hochgestuft  - die Skala geht bis maximal 5. Damals entwich zunehmend Schwefeldioxid aus den Tiefen des Vulkans. Zudem dokumentierten die Experten verstärkt Bewegungen des Bergs.

Allerdings gibt der Aktivitätsgrad eines Vulkans nur eingeschränkt Aufschluss darüber, wie groß die Gefahr für eine Eruption ist. "Unsere Vulkane können auf jeder Aktivitätsstufe ausbrechen", schreibt Geonet auf seiner Webseite . Einen aktiven Vulkan zu betreten ist demnach immer ein Risiko. Experten zufolge war es nur eine Frage der Zeit, bis es auf White Island zum Unglück kam.

Aktivster und größter Vulkan Neuseelands

White Island ist seit Jahrzehnten der aktivste Vulkan Neuseelands. Eruptionen erschütterten die Insel wiederholt in den Jahren 1975 bis 2000. Die zweite bekannte Ausbruchsserie begann laut Geonet  im Jahr 2011. Sie hält bis heute an. Selbst in ruhigem Zustand steigt häufig Dampf aus der Oberfläche des Feuerbergs. In der Sprache der Maori heißt White Island nicht ohne Grund "Te Puia o Whakaari" - der dramatische Vulkan.

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Das besondere an White Island sind Aufbau und Lage. Der Vulkankegel ragt gut 300 Meter über den Meeresspiegel, der gesamte Vulkan ist aber deutlich größer. 70 Prozent der Struktur liegen unter Wasser. Im Krater befindet sich ein See. Berücksichtigt man den Unterwasserteil des Vulkans, ist er der größte Neuseelands. Doch nicht seine Ausmaße, sondern die Verfügbarkeit von Wasser machen ihn unberechenbar.

Der White-Island-Vulkan bricht nicht nur aus, wenn der Druck in seinen Magmakammern zu groß wird, was sich vergleichsweise gut vorhersagen lässt. Auch, wenn Wasser in den Gesteinsporen des Vulkans schlagartig verdampft, kommt es zu heftigen Eruptionen. Die Rede ist dann von phreatischen Explosionen, die sich ohne jede Vorwarnung ereignen können.

Dampfexplosion sprengt Gesteinsbrocken aus dem Vulkan

Ausgangspunkt sind sogenannte hydrothermale Systeme im Vulkangestein, erklärt der Vulkanexperte Shane Cronin von der University of Auckland bei "The Conversation" . In diesen Systemen ist extrem heißes Wasser in Felsporen eingeschlossen. Der Druck im Inneren dieser Kapseln ist gewaltig und sorgt dafür, dass das Wasser trotz seiner hohen Temperatur nicht verdampft.

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Vulkanausbruch in Neuseeland: 3600 Meter hohe Aschewolke

Foto: MICHAEL SCHADE/EPA-EFE/REX

Die kleinste Veränderung im Umfeld der Poren kann dazu führen, dass der Druck entweicht. Dann kommt es zur Dampfexplosion. Das Wasser wird durch die Druckentlastung schlagartig gasförmig und nimmt das etwa 2000-fache Volumen an. Die freiwerdende Energie reicht aus, um festes Gestein zu sprengen. Der Wasserdampf kämpft sich so an die Oberfläche des Vulkans und reißt Gesteinsbrocken und Asche mit sich.

"Wir wissen von Orten in Neuseeland, an die Material aus mehr als drei Kilometer Entfernung gesprengt wurde", so Cronin. Die Aschewolke über White Island reichte am Montag immerhin drei Kilometer in die Höhe. Was die Explosion ausgelöst hat, ist noch unklar. Denkbar wären Bewegungen im Untergrund, Druckveränderungen durch wandernde Gase im Gestein oder Veränderungen des Wasserspiegels im Kratersee.

Zu gefährlich für den Massentourismus

Fest steht: Ausbrüche wie diese sind typisch für White Island. Allein in den vergangenen acht Jahren habe es sechs kleinere Eruptionen gegeben, sagte Ben Kennedy von der britischen University of Canterbury. Zu Schaden sei damals niemand gekommen, weil sich aufgrund von schlechtem Wetter oder der Tageszeit keine Touristen auf der Insel aufhielten.

White Island Vulkan am 9. Dezember 2019: gewaltige Gasexplosion

White Island Vulkan am 9. Dezember 2019: gewaltige Gasexplosion

Foto: AUCKLAND RESCUE HELICOPTER TRUST/ HANDOUT/ EPA-EFE/ REX

Im "New Zealand Herald"  kommen Experten zu einer ähnlichen Einschätzung. Er habe White Island zweimal besucht und immer gedacht, dass es zu gefährlich sei, dort täglich Reisegruppen hinzubringen, sagte Ray Cas, emeritierter Professor an der australischen Monash University der Zeitung. Jessica Johnson von der britischen University of East Anglia bezeichnete den Vorfall vom Montag in dem Artikel als "unglücklich, aber nicht völlig unerwartet". Eine Katastrophe mit Ansage.

Anmerkung der Redaktion: In der ersten Fassung des Textes hieß es, White Island rage 900 Meter über den Meeresspiegel. Tatsächlich bezieht sich die Angabe auf den Meeresboden. Wir haben die Passage korrigiert.