Gefährliche Tierseuche Niederlande melden tödlichsten Vogelgrippe-Ausbruch seit fast 20 Jahren

Die Vogelgrippe hat Europa fest im Griff. Nun berichten Behörden in den Niederlanden von ungewöhnlich hohen Fallzahlen. Dabei hat die Wintersaison auf dem Kontinent gerade erst begonnen.
Probennahme in den Niederlanden: Hat die Ente Vogelgrippe?

Probennahme in den Niederlanden: Hat die Ente Vogelgrippe?

Foto: Sander Koning / picture alliance / ANP

Niederländische Behörden mussten in diesem Jahr wegen der grassierenden Vogelgrippe rund sechs Millionen Tiere keulen. Es sei der tödlichste Vogelgrippe-Ausbruch seit knapp 20 Jahren, teilte die niederländische Aufsichtsbehörde NVWA am Donnerstag in Utrecht mit. Vorwiegend sei Geflügel betroffen. 2003 waren insgesamt rund 30 Millionen Tiere an 255 Höfen gekeult worden. Die Vogelgrippe-Wintersaison 22/23 hat gerade erst begonnen.

Der bisher größte einzelne Ausbruch wurde den Angaben zufolge auf einem Hof in Heythuysen in der südöstlichen Provinz Limburg nahe der Grenze zu Nordrhein-Westfalen festgestellt. Dort seien etwa 300.000 Legehennen infiziert worden. Diese würden in den nächsten Tagen getötet.

Vor einem Jahr war erstmals eine neue Variante des Virus in den Niederlanden festgestellt worden. Die H5N1-Variante ist den Angaben zufolge sehr ansteckend und wurde inzwischen an 96 Stellen im Land gefunden, vorwiegend bei Geflügelzüchtern.

Auch Deutschland betroffen

Die Vogelgrippe grassiert in zahlreichen europäischen Ländern zurzeit besonders heftig, auch in Deutschland. Bedingt durch den Vogelzug breitete sie sich in zurückliegenden Jahren vor allem zwischen Oktober und April aus, erklärte Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) bei Greifswald kürzlich. 2021 habe es erstmals auch im Sommer Fälle vor allem im nördlichen Europa gegeben, 2022 war das Ausmaß noch deutlich größer. »In diesem Sommer ist das ganze Konzept quasi komplett über den Haufen geworfen worden.«

Der Grund für den starken Ausbruch ist noch unklar. Für den Winter bestehe das Risiko einer weiteren Welle, ob sie wirklich kommt, sei jedoch schwer vorherzusagen, sagt Harder. Der Vogelzug gehe seinem Höhepunkt entgegen. »Tiere verschiedener geografischer Herkünfte und Arten kommen auf engem Raum zusammen. Das ist für ein Virus natürlich eine ideale Gelegenheit, weitere Wirte zu finden.«

In der freien Natur sind bislang vor allem koloniebrütende Seevögel von der Seuche betroffen: Seeschwalben und Basstölpel an der Nordsee und Kormorane an der Ostsee. Weiter im Norden, etwa an den Küsten Schottlands, Norwegens, der Färöerinseln bis nach Island und Spitzbergen habe das Virus vor allem auch Möwenarten erwischt, sagt Harder. Allein für die Nordsee geht er davon aus, dass Zehntausende Wildvögel dem Virus zum Opfer gefallen sind.

Für einzelne Vogelbestände könnte der Ausbruch zum Problem werden. Martin Rümmler, Referent für Vogelschutz beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), verwies in diesem Zusammenhang auf den Basstölpel, der in Deutschland nur auf Helgoland brütet. Die Kolonie war stark betroffen. Wenn sie wegfiele, wäre die Art hierzulande ausgestorben. Harder macht sich mit Blick auf Arten Sorgen, die zwar älter würden, aber pro Wurf vergleichsweise wenige Jungtiere produzierten. Hier seien Verluste schwerer zu ersetzen. Er denke auch an Greifvögel, die sich durch das Fressen infizierter Tiere anstecken können.

48 Millionen Tiere in der Saison 2021/2022 gekeult

Beim Geflügel kam es bereits im Frühsommer 2022 etwa im Norden Italiens in Putenhaltungen zu massiven Ausbrüchen. In Frankreich war besonders die Entenhaltung betroffen. Ungewöhnlich sei, so Harder, dass dieses Mal auch Spanien und Portugal Fälle verzeichneten. Außerdem habe es viele Ausbrüche quer durch die Geflügelsparten im Vereinigten Königreich gegeben. Laut der europäischen Gesundheitsbehörde ECDC wurden bereits während der Vogelgrippesaison 2021/2022 48 Millionen Tiere in Betrieben in Europa gekeult.

In Deutschland hat es den Sommer über immer wieder sporadisch Ausbrüche bei Haltern gegeben. Im überwiegenden Maße seien Hühner betroffen gewesen, sagt Harder. »Legehennen-Haltungen waren das in der Regel.« Aber auch Gänse- und Putenbetriebe habe es erwischt.

Laut FLI-Risikoeinschätzung von Anfang Juli ist das Risiko für Einträge in Haltungen an den Küsten hoch und ansonsten gering. Allerdings gibt es laut Harder Anzeichen, dass sich das Infektionsgeschehen von den Küsten aus, wo es den Sommer über vor allem auftrat, wieder über Gesamtdeutschland verteilt.

Für Menschen, die keinen engen Kontakt zu Geflügel haben, ist das Infektionsrisiko gering. Kommt es zu einer Infektion, verläuft sie meist mild. Dennoch ist Vorsicht geboten, herumliegende tote Vögel sollte man nicht anfassen.

jme/dpa
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