Niedliche Gene Warum der Chihuahua so klein ist

Hunde sind bemerkenswerte Tiere. Gerade 15.000 Jahre alt, aber schon vielfältiger als irgendeine andere Säugetierart. Warum es trotz wölfischer Vorfahren so klitzekleine Hündchen gibt, fand eine internationale Forschergruppe jetzt heraus.


Hunde sind, evolutionär betrachtet, sehr jung. Seit ungefähr 15.000 Jahren erst gibt es sie, noch kürzer als den modernen Menschen, und schon der ist eigentlich ein ganz junger Hüpfer. Das moderne Krokodil beispielsweise kriecht schon seit - je nachdem, wem man glaubt - 60 bis 80 Millionen Jahren oder noch länger über den Planeten.

Obwohl Hunde also erst vor etwa 15.000 Jahren aus Wölfen herbeigezüchtet wurden, haben sie in dieser enorm kurzen Zeit schon eine Menge erreicht. Beispielsweise den Menschen in einer Weise domestiziert, wie es keine andere Spezies geschafft hat: Sie haben uns beigebracht, an der Leine zu gehen, sie zu füttern, in der Gegend herumzutragen und sie in unseren Betten schlafen zu lassen. Und: Sie haben sich in der kurzen Zeit zur vielfältigsten Säuger(sub-)spezies entwickelt, die es gibt - zumindest, was die Größe angeht.

Die Meinungen über die jeweiligen Verdienste sehr kleiner und sehr großer Hunde gehen auseinander. Gerne werden Namen anderer Tiere zur böswilligen Verunglimpfung der Extrem-Pole des Hundespektrums herangezogen ("Ratte", "Pferd"). Während Nashörner generell ziemlich groß und Mäuse generell ziemlich klein sind, stehen Gassi-Sportlern Haushunderassen (anis familiaris) von Tennisball- bis Hockeytor-Größe als Trainingsgerät zur Verfügung.

Was macht den Chihuahua so handtaschengerecht?

"Hunde haben die größte Größen-Bandbreite aller existierenden Säugetierarten", sagt Gordon Lark von der University of Utah. Gemeinsam mit einem großen, internationalen Team von Forschern haben Lark und sein Kollege Kevin Chase jetzt ein Hunde-Gen aufgespürt, das dafür verantwortlich ist, dass kleine Hunde so handtaschengerecht klein sind.

Ein bestimmtes Schnipselchen sogenannter regulatorischer DNA ist zuständig, es sitzt auf dem Hundechromosom Nummer 15 direkt neben einem Gen namens IGF1. IGF steht für insulin-like growth factor, es handelt sich also um ein für Wachstum zuständiges Gen. Auch bei - kein Witz - Mäusen und Menschen ist IGF1 für die Körpergröße mitverantwortlich.

In Kombination werden regulatorische DNA und benachbartes Gen Haplotyp genannt. Dieser spezielle Haplotyp finde sich bei jedem kleinen Hündchen und leiste definitiv "einen großen Beitrag zur Körpergröße aller kleinen Hunde", so die Forscher in einem Artikel im Wissenschaftsmagazin "Science" (Bd. 316, S. 112).

Auf die Spur kam man dem Haplotyp mit Hilfe einer bestimmten, besonders variablen Hunderasse mit dem irreführenden Namen Portugiesischer Wasserhund. Der Wasserhund lebt an Land, wurde aber einst als Begleiter für Fischer gezüchtet - ein bisschen wie schwimmende Schäferhunde sollen Portugiesische Wasserhunde einst sogar ins Meer gehüpft sein, um Fischern Schwärme ins Netz zu treiben.

Eines Tages sollen die Erkenntnisse auch Menschen helfen

Heute schätzt man sie eher, weil sie flauschig und niedlich sind - und für Wissenschaftler sind sie interessant, weil ihre Größenverteilung ungewöhnlich breit ist. Mit der Hilfe Hunderter stolzer Wasserhund-Besitzer überall in den USA entdeckten Lark und Chase die DNA-Region, von der die Größenverhältnisse offenbar maßgeblich bestimmt bestimmt werden.

Die Haupt-Autoren des Artikels, Elaine Ostrander und Nathan B. Sutter vom National Human Genome Research Institute in Bethesda (US-Bundesstaat Maryland), reisten dann gemeinsam mit Kollegen von Hundeschau zu Hundeschau, um die Beobachtungen mit weiteren DNA-Proben von anderen Rassen zu überprüfen. Am Ende waren 3200 Hunde 143 verschiedener Rassen untersucht worden.

Das Ergebnis: Die regulatorische DNA sorgt bei kleinen Hunden dafür, dass das benachbarte IGF1-Gen weniger von einem bestimmten wachstumsfördernden Hormon produziert. Für die Forscher ist es zwar auch schön, dass sie nun wissen, warum kleine Hunde so klein sind, aber im Grunde geht es um etwas Größeres: Ein vertieftes Verständnis für die Art und Weise, wie komplexe Eigenschaften durch das Zusammenwirken verschiedener Gensequenzen zustande kommen. Eines Tages könnte dies sogar helfen, menschliche Krankheiten wie Diabetes, Arthritis oder Krebs besser zu verstehen, hoffen Lark und Chase.

"Sie bewachen nicht dein Haus. Sie sind nur klein und süß"

Größere Hunde haben den jetzt identifizierten DNA-Schnipsel neben dem IGF1-Gen nicht. Wie genau ihre Größe reguliert wird, ist weiterhin unklar. Einzige Ausnahme ist seltsamerweise der ja doch recht große Rottweiler - andere Faktoren scheinen den Zwerghund-Code in seiner DNA aber auszuhebeln.

Der Wachstumsstopp-Haplotyp kam in jedem Fall durch den besten Freund des Hundes zustande, ist Chase überzeugt, durch künstliche Selektion: "Alle behandeln ihre Hunde wie Babys", sagt der Biologe, "also ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Menschen kleinere Hunde auswählen." Diese Einschätzung könnte allerdings damit zusammenhängen, dass Chase selbst zwei winzige Pudel-Malteser-Mischlinge sein Eigen nennt. Immerhin gibt er zu: "Kleine Hunde sind nicht sehr funktional. Sie jagen nicht mit einem. Sie bewachen nicht dein Haus. Sie ziehen keine Wagen. Sie sind nur klein und süß."

Wie gesagt: Hunde haben einiges erreicht in der kurzen Zeit ihrer Existenz. Sogar, dass man sie bis hin zur völligen Funktionslosigkeit kleingezüchtet hat. Man meint fast, Erstaunen herauszulesen, wenn die Wissenschaftler schreiben, dass der Kleine-Hunde-Gencode sich "durch Handel und menschliche Migration schnell über ein großes geografisches Gebiet verbreitet hat".

Wie das damals zustande kam, erklärt sich Lark so: "Ein örtlicher Seemann kam mit einem kleinen Hund zur Tür herein und alle sagten 'Ooh, ich will auch so einen Hund! Kann ich ihn haben, damit er der Vater meines nächsten Hundes wird?'"

cis



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