Pestizid-Atlas 2022 Noch nie wurden weltweit mehr Pflanzenschutzmittel eingesetzt

Unkraut, Schädlinge und Pilze werden in der Landwirtschaft oft mit synthetisch hergestellten Pflanzenschutzmitteln bekämpft. Das sichert hohe Erträge, doch nicht ohne Folgen. Umweltverbände fordern eine Trendwende.
Die Verwendung von Pestiziden in der Landwirtschaft hat auch ungewollte Folgen für die Umwelt

Die Verwendung von Pestiziden in der Landwirtschaft hat auch ungewollte Folgen für die Umwelt

Foto: Harry Koerber / IMAGO

Der Einsatz von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln macht die Landwirtschaft ertragreicher. Doch Pestizide können ungewollte Nebenwirkungen haben: Sie können die Artenvielfalt auf Feldern und Wiesen verringern, Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen. Und sie können die menschliche Gesundheit gefährden.

Umweltschutzverbände und politische Organisationen fordern deshalb, weltweit weniger Pestizide zu spritzen. Das geht aus dem sogenannten »Pestizidatlas 2022«  hervor, den die Heinrich-Böll-Stiftung, der Verein Pestizid-Aktions-Netzwerk, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und die Zeitschrift »Le Monde Diplomatique« gemeinsam veröffentlicht haben.

Vier Millionen Tonnen weltweit

Der Verkauf synthetischer Pflanzenschutzmittel sei in Deutschland seit Jahrzehnten »weitgehend unverändert hoch«, heißt es in dem Bericht: Jährlich würden allein hierzulande zwischen 27.000 und 35.000 Tonnen Pestizide verkauft, abhängig von der Witterung und den Preisen für Agrarprodukte.

Weltweit erreicht der Einsatz von Pestiziden dem Bericht nach neue Höchstwerte: Jährlich würden vier Millionen Tonnen Pestizide auf Äckern, Feldern und Wiesen versprüht. Dieser Wert liege 80 Prozent über der Marke aus dem Jahr 1990. Etwa die Hälfte der eingesetzten Mittel ziele auf die Bekämpfung von Unkraut – dann spricht man von Herbiziden. 30 Prozent richteten sich gegen Insekten – sogenannte Insektizide. Bei 17 Prozent der Mittel handele es sich um Fungizide – Mittel, die Pilze und Pilzsporen abtöten sollen.

Die Welternährungsorganisation schätzt den Anstieg des Pestizidabsatzes weltweit bis 2018 auf ein Drittel seit dem Jahr 2000. Bezogen auf die Ackerfläche sei der Einsatz in Europa konstant, in Asien und Nord- und Südamerika sei er in den 2000er-Jahren jedoch stark gewachsen. Dort werde etwa doppelt so viel Pflanzenschutzmittel eingebracht wie in Europa.

Pestizide können auch nützliche Insekten töten

Die beteiligten Organisationen fordern eine »konsequente« Reduzierung und das Verbot besonders giftiger Pestizide von der neuen Bundesregierung. Aktuell sei Deutschland mit Unternehmen wie Bayer oder BASF einer der größten Pestizidexporteure der Welt.

»Der Verlust der Artenvielfalt weltweit, aber auch in Deutschland ist dramatisch und kann nur gestoppt werden, wenn der Einsatz von Ackergiften deutlich reduziert wird«, sagte Olaf Band, der Vorsitzende des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Der Pestizideinsatz sei als ein Hauptverursacher des Artenrückgangs anerkannt.

Die Wirkstoffe aus Pflanzenschutzmitteln wirken dem Bericht nach nicht nur dort, wo sie ausgebracht werden: Sie könnten versickern und verwehen, teilweise seien sie noch in 1.000 Kilometer Entfernung nachzuweisen.

Und auch die menschliche Gesundheit könne unter dem hohen Einsatz der Pflanzenschutzmittel leiden: Die Zahl der jährlich von Pestizidvergiftungen betroffenen Menschen sei weltweit auf 385 Millionen gestiegen, heißt es im »Pestizidatlas«. Ein kleiner Teil dieser Vergiftungen ende tödlich.

In Deutschland werden auch Nahrungsmittel mit Pestiziden behandelt: Dem Bericht zufolge werden Äpfel besonders häufig gespritzt, zwischen 20 und 30 Mal pro Saison. Auch Wein, Hopfen und Kartoffeln gehörten zu den Anbaukulturen, die besonders häufig mit Pestiziden behandelt würden.

Zustimmung von der Bundesumweltministerin, Kritik von Agrarverbänden

Die Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) äußerte sich ebenfalls zur Verwendung von Pestiziden und kündigte an, den Einsatz deutlich zu reduzieren. Dieses Ziel wolle die Regierung »gemeinsam mit den Landwirten erreichen«. Dazu seien finanzielle Anreize und Änderungen im Ordnungsrecht notwendig. »Sind die Ökosysteme gestört, schadet das am Ende auch uns Menschen«, sagte Lemke. Außerdem warnte die Umweltministerin vor einem Insektensterben  durch den Pestizideinsatz.

Der Deutsche Bauernverband kündigte an, man wolle daran arbeiten, den Pestizideinsatz in Deutschland weiter zu reduzieren. Dafür sei eine ideologiefreie und technikoffene Diskussion notwendig.

Kritisch reagierte hingegen der Industrieverband Agrar auf den Bericht. Die Veröffentlichung sei ein »Zerrbild des Pflanzenschutzes in der Landwirtschaft«, hieß es. Der angegebene Korridor der Absatzmengen von Pestiziden sei zwar korrekt wiedergegeben, seit 2017 sei der Verkauf in Deutschland jedoch rückläufig. 2020 lag die Absatzmenge bei 27.813 Tonnen, wie der Verband unter Berufung auf die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung mitteilte.

»Auf die Frage, wie man die Zielkonflikte von Ernährungssicherung und Ökologie löst, findet man im Atlas keine Antworten«, äußerte sich der Verband weiter. Der Industrieverband Agrar vertritt unter anderem die Konzerne BASF und Bayer, die zu den vier größten Pestizidherstellern der Welt zählen.

vki/dpa/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.