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Guido Kleinhubbert

Archäologie Wie uns die Gaspipeline hilft, Goldschätze zu finden

Liebe Leserin, lieber Leser,

wer wird am meisten von der umstrittenen Ostseepipeline Nord Stream 2 profitieren? Russland und seine Oligarchen, wie der designierte US-Präsident Joe Biden zu verstehen gab? Europas Wirtschaft? Menschen, die ihre Häuser heizen wollen? Schwer zu sagen.

Nur ein Gewinner steht schon fest: die Archäologie.

Um das Gas aus Russland vom deutschen Küstenort Lubmin aus weiterverteilen zu können, wurde bereits die etwa 480 Kilometer lange Gasleitung Eugal gebaut, die sich an Nord Stream 2 anschließt und durch Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen führt.

Zur Vorbereitung der Arbeiten rückten, wie vorgeschrieben, Archäologen aus; und die durften viel tiefer graben als zum Beispiel bei Straßenbauarbeiten. An Hunderten Stellen wurden die Teams fündig. Sie bargen unter anderem 32 Grubenhäuser aus dem 4. Jahrhundert, Skelette aus der Jungsteinzeit und etwa 600 Urnen, die in der Nähe des Spreewalds im Untergrund steckten. Außerdem stießen sie auf eine rätselhafte Münze: Sie stammt aus dem heutigen Afghanistan und ge­langte im 9. Jahrhundert bei Pasewalk in den Untergrund.

»Es waren sehr viele Dinge dabei, mit denen wir nicht gerechnet haben«, sagt die Archäologin Heike Baumewerd-Schmidt, die die Arbeiten koordinierte. Sie alle würden helfen, »die Besiedelungsgeschichte der einzelnen Regionen und die Lebensweise unserer Vorfahren zu rekonstruieren«.

Erdgaspipeline Eugal

Erdgaspipeline Eugal

Foto: Stefan Sauer / picture alliance / dpa

Bei Trassenarbeiten kam es auch früher schon zu Funden, die als Sensation bezeichnet werden können. Als zwischen 2009 und 2012 die Pipelines Opal und Nel gebaut wurden, holten die Forscher in Niedersachsen den etwa 3300 Jahre alten »Goldschatz von Gessel« aus dem Erdreich. Er besteht aus 117 Ringen und anderen vermeintlichen Schmuckstücken. Dass es Profis waren, die die Preziosen ausgruben, ist ein Glücksfall für die Forschung. In der offenen Landschaft sind sonst meist nur Sondengänger oder gar Raubgräber unterwegs, die ihre Entdeckungen auf dem Schwarzmarkt verkaufen möchten – und so verhindern, dass sie der breiten Öffentlichkeit präsentiert werden können.

Insofern bin ich als Archäologie-Berichterstatter und begeisterter Museumsgänger dankbar für jede Grabung, die durch gut ausgebildete Experten ausgeführt wird. Außerdem kann ich kaum erwarten, was eine andere offizielle Großgrabung ans Tageslicht bringen wird. Ab dem kommenden Jahr sollen Archäologen die Verlegung eines über 700 Kilometer langen Erdkabels vorbereiten, des sogenannten Südlinks. Die Trasse wird noch ein wenig breiter sein als die der Eugal, und es ist sehr wahrscheinlich, dass die beauftragten Teams auf viele weitere Andenken aus der Vergangenheit stoßen werden.

Was wird das sein? Hunderte Skelette, die auf steinzeitliche Konflikte hindeuten? Spuren einer Stadt, die bisher niemand auf der Rechnung hatte? Gräber, die voll sind mit wertvollen Beigaben? Es wird spannend, und ich verspreche Ihnen, dass ich die Arbeiten beobachten und darüber berichten werde!

Herzlich

Ihr Guido Kleinhubbert

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Wer wissen will, wie manche Raubgräber ticken, sollte das erschütternd ehrliche und entlarvende Interview  mit Mario R. lesen, das im Magazin »Relikte der Geschichte« erschienen ist. Der Mann gilt als Entdecker der Himmelsscheibe – und macht seit Jahren kryptische Andeutungen über das Sensationsartefakt.

  • Eines der schönsten Bücher, die ich dieses Jahr in den Händen hielt, heißt »Aves«, was auf Lateinisch »Vögel« heißt. Der im Verlag Dölling und Gallitz erschienene Fotoband mit Texten von Elke Heidenreich zeigt gefiederte Charakterköpfe , die man nicht mehr so schnell vergisst. Achtung! Lassen Sie ihre Kinder nicht das Bild vom Bartkauz sehen!

  • Aus mir weitgehend schleierhaften Gründen mussten Corona-bedingt auch alle Museen schließen. Zum Glück lassen sich viele Häuser mittlerweile online erkunden. Mir gefällt besonders diese digitale Museumsmeile , auf der man stundenlang spazieren gehen und Pläne für die Zeit nach der Pandemie fassen kann.

  • Wie war Hamburg im Jahr 1686? Wer es wissen will, kann nun mithilfe einer neuen und aufwendig produzierten App eine Zeitreise unternehmen. Aber Obacht! Wer Pech hat, wird gevierteilt.

  • Zwei der größten Künstler der Gegenwart sind für mich die beiden Zwillinge Adrie und Alfons Kennis. Sie malen keine Bilder und schnitzen keine Skulpturen, sondern bauen Menschen. Zumindest sehen ihre Modelle von Urzeitmenschen  so echt aus, dass es einem manchmal kalt den Rücken hinunterläuft.

  • Das Ende der DDR war ein Glücksfall, auch wenn einige Menschen da anderer Meinung sein mögen. Ein New Yorker Geschichtsprofessor hat jetzt eindrucksvoll aufgearbeitet, wie auch Schweine zum Untergang des Unrechtsstaats  beitrugen.

Quiz*

1. Wie viele Zähne verliert ein Hai im Laufe seines Lebens?

2. Wie viele Haare verliert ein Mensch im Laufe eines Tages?

3. Wie viel Gewicht verliert ein Igel während des Winterschlafs?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto:

MSSS / JPL-Caltech / NASA

Grüße vom Roten Planeten sendet der Nasa-Roboter »Curiosity«. Das Selfie, das aus 59 von ihm gemachten Einzel­bildern zusammengefügt wurde, zeigt ihn auf dem Areal Mary Anning. Es ist benannt nach einer britischen­ Fossiliensammlerin, die im 19. Jahrhundert zahlreiche Belege für ausgestorbene Tierarten entdeckte. Derartige Funde machte »Curiosity« nicht; aber er wird weiter nach Hinweisen suchen, ob es einmal Leben auf dem Mars gab.

Fußnote  

182.500 Tonnen Kunststoffabfälle hat Deutschland im vergangenen Jahr nach Malaysia ex­portiert – dreimal so viel wie 2016. Damit ist der Staat in Südostasien mittlerweile das wichtigste Zielland für den Plastikmüll, der hierzulande anfällt. Neben Malaysia zählen auch Hongkong und die Türkei zu den Hauptabnehmern des Plastikmülls. Wie es in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen heißt, lägen der Bundesregierung »keine Informationen« vor, ob und wie viel Müll in den Zielländern illegal entsorgt werde. Insgesamt exportierte Deutschland seit 2010 jährlich bis zu 1,5 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle, einen Teil davon auch in andere EU-Staaten.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten
1) Es gibt Berechnungen für einige Haiarten, dass ein Tier 35.000 Zähne in seinem Leben verbraucht. Von den Jungtieren von Zitronenhaien weiß man etwa, dass sie jede Woche ihre kompletten Zähne austauschen
2) Ein Haarausfall von bis zu 100 Haaren täglich ist ganz normal. Das fällt bei etwa 75.000 bis 150.000 Haaren, die in der Regel auch noch nachwachsen, allerdings nicht weiter auf.
3) Ein erwachsener Igel wiegt vor dem Winterschlaf etwa ein Kilo, danach gut 600 Gramm.

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