Vogelschutz Jäger wollen weiter Katzen schießen

Katzen töten Vögel, deshalb schießen Jäger die Räuber zu Tausenden ab. In Nordrhein-Westfalen ist damit demnächst Schluss - sehr zum Ärger der Waidmänner, die mit dem Vogelschutz argumentieren. Zurecht?
Katze mit Vogel: Wie groß ist der Appetit der Stubentiger?

Katze mit Vogel: Wie groß ist der Appetit der Stubentiger?

Foto: Darko Vojinovic/ AP

In Nordrhein-Westfalen dürfen Jäger künftig keine Katzen mehr schießen - und das Gezeter ist groß. Das neue Jagdgesetz, das sich Umweltschutzminister Johannes Remmel ausgedacht hat und das im Frühjahr in Kraft treten soll, gefällt den Jägern ganz und gar nicht.

Um die Katzen gehe es gar nicht in erster Linie, sagt Andreas Schneider vom Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen, nach eigenem Bekunden selbst Katzenhalter. "Es geht um die Regulierungswut der Politik", sagt er. Heute werde dies verboten, morgen jenes. Und um nur zwei weitere aus der Liste mit insgesamt 14 Punkten zu nennen: Die Jagdsteuer soll wieder eingeführt und die Ausbildung der Jagdhunde reformiert werden.

Im Brennpunkt der öffentlichen Debatte aber stehen die Katzen. Jäger sagen: Die wildlebenden Katzen sind ein Problem - sie fressen zu viele Vögel, daher müssen sie weg. Rund zehntausend Katzen werden jedes Jahr in NRW von Jägern erlegt, in ganz Deutschland sollen es etwa 100.000 sein. Naturschützer aber sagen: So viele Vögel, wie die Jäger behaupten, fressen die Katzen gar nicht - sie abzuschießen sei keine Lösung.

Fliegendes Katzenfutter

Konkrete Zahlen, wie viele wilde Hauskatzen tatsächlich wie viele und welche Vögel fressen, gibt es nicht. Eine Studie aus dem Jahr 2013  ergab, dass allein in den USA 84 Millionen Hauskatzen plus 30 Millionen streunende Katzen jedes Jahr mindestens 1,4 Milliarden Vögel töten, vielleicht sogar 3,7 Milliarden. "Alles nur grobe Schätzungen", sagt James Brückner, Fachreferent für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund. Und vor allem: "Die Ergebnisse sind nicht auf hiesige Verhältnisse übertragbar."

Zudem geht der Hauptteil des Vogelfraßes in der US-Studie auf das Konto streundender Hauskatzen. Und die, beteuern die Jäger, seien nicht das bevorzugte Ziel. Ein Jäger darf erst dann auf eine Katze schießen, wenn sie sich mindestens 200 Metern von einem bewohnten Gebäude entfernt befindet. Dann ist sie sozusagen offiziell keine Hauskatze mehr, sondern ein Wilderer auf der Pirsch. Trotzdem werde aber nur geschossen, wenn das Tier bedrohlich für andere Tiere werde, sagt Schneider: "Wir lauern ja nicht 200 Meter hinter der Dorflinie, um auf Katzen zu schießen."

Tierschutzbund-Referent Brückner räumt ein, es sei unbestritten, dass Katzen Vögel jagen. Aber: "Viel problematischer für die Vogelpopulationen sind die Verluste ihrer naturnahen Lebensräume." Durch intensive Landwirtschaft gingen wichtige Biotope verloren, etwa Ackerrandstreifen und Brachflächen. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Deutsche Ornithologische Gesellschaft auf ihrer Liste der Gründe für den dramatischen Rückgang von Feldvögeln . Nur unter Punkt neun von zehn werden nachtaktive Raubsäuger als Bedrohung für Bodenbrüter genannt. Zu ihnen zählen auch Katzen.

Ein Gutachten vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft  der Universität für Bodenkultur in Wien befasst sich ausgiebig mit dem Einfluss der Hauskatze auf die heimische Tierwelt. Klaus Hackländer und seine Kollegen haben dafür seitenweise Studien gewälzt und deren Ergebnisse aufgelistet. Einige Studien zeigen demnach, dass Hauskatzen und streunende Katzen gemeinsam eine Vogelpopulation durchaus schwächen oder auch vertreiben können - zumindest auf Inseln.

Kastrieren statt Abschießen?

Aber Nordrhein-Westfalen ist bekanntlich keine Insel, und ob Katzen auch in Europa ganze Arten ausrotten können, ist umstritten. Zumal Vögel auf dem Speiseplan der Stubentiger bei entsprechendem Angebot auch nur auf Platz zwei stehen. "Katzen sind faul - sie schnappen sich eher Mäuse und kleine Nager" - also Beute, die nicht wegfliegen kann, sagt Brückner.

In einem Punkt zumindest sind sich Jäger und Naturschützer einig: Man könnte die streunenden Katzen kastrieren - und das gesetzlich festzurren. "Damit wären wir zumindest zufriedener als jetzt", sagt Jäger Schneider. "Auch wenn wir Zweifel hätten, ob das reicht." Denn die kastrierten Katzen könnten sich zwar nicht mehr fortpflanzen, würden aber natürlich weiter fröhlich Vögel jagen. Bleibt am Ende also doch nur der Abschuss?

"Kein Jäger schießt gern eine Katze", sagt Schneider mit einem Seufzen. "Das ist ja auch nicht gerade imagefördernd." Besonders dieser Umstand wird den Jägern dieser Tage schmerzlich bewusst.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Liste der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft führe Katzen nicht als Grund für den Rückgang von Feldvögeln auf. Dies ist nicht korrekt, da Katzen zu den dort aufgeführten nachtaktiven Räubern gehören. Ferner wurde zuvor der Eindruck erweckt, die Tradition der Jagd stehe in Verbindung mit der von Schützenvereinen. Wir bitten, diese Fehler zu entschuldigen.