Nordsee Klimawandel wirbelt Jahreszeiten im Meer durcheinander

Knapp anderthalb Grad ist das Meer in der Deutschen Bucht wärmer geworden. Schon das, so konnten Forscher messen, genügt, um das Plankton zu verwirren, den Kabeljau zu vertreiben und fremde Warmwasser-Schwimmer anzulocken.
Von Stefan Schmitt

"Die globale Klimaveränderung findet statt, und wir können die Folgen auch in der Nordsee feststellen", sagte Wulf Greve vom Hamburger Forschungsinstitut Senckenberg. In den letzten 40 Jahren sei die Temperatur des Meerwassers in der Deutschen Bucht um knapp anderthalb Grad Celsius angestiegen.

Nur 1,4 Grad - was in den Ohren von Laien nach wenig klingt, hat große Auswirkungen auf das Ökosystem vor der deutschen Küste: Es habe bereits genügt, den Kabeljau aus der südlichen Nordsee zu vertreiben, berichtete der Biologe beim diesjährigen Meeresumwelt-Symposium in Hamburg.

Frühere Saison durch Erwärmung

Der Grund: Besonders in den Wintermonaten führt die Erwärmung zu einem spürbaren Unterschied. Schon der Anstieg um 1,4 Grad bedeute eine Veränderung der mittleren Jahrestemperatur um zehn Prozent.

"Im Winter ist die relative Varianz wesentlich höher als im Sommer", sagte Greve. Das wirkt sich auf das Zooplankton aus, jenes tierische Leben im Meer, das sich nicht aus eigener Kraft fortbewegt, sondern mit der Strömung schwebt - etwa kleine Krebse, Einzeller, aber auch die Larven der meisten Fischarten. Sie reagieren unmittelbar auf die Temperatur des Wassers.

Über 30 Jahre lang haben die Wissenschaftler dreimal in der Woche die Zooplankton-Konzentration vor der Insel Helgoland gemessen.

Schwankungen sind normal: Sie hängen von der Jahreszeit, individuellen Wettereinflüssen und von den einzelnen Arten ab. Um dennoch einen Zusammenhang mit der Klimaerwärmung belegen zu können, analysierten die Forscher die Veränderung der Artendichte je nach Tier und Jahr: Wann gibt es von wem wie viel? So entstand ein Bild der sogenannten Phänophasen, des Zeitraums der Vorkommens einer Art an einem Standort.

Laut Greve treten einzelne Plankton-Arten inzwischen merklich früher im Jahr auf: "Der Temperaturanstieg binnen der letzten 30 Jahre bedingte eine Vorverlagerung der Saison um 3,7 Wochen." Die Larven des Dorschs etwa seien "so früh unterwegs, dass sie im Meer noch nichts zu fressen kriegen". Das Zooplankton reagiere direkt auf Temperaturschwankungen, wie die Untersuchung einer Vielzahl von Organismen gezeigt habe.

"Das ist die einzige Zeitreihe, aus der wir etwas über die Folgen des Klimawandels in unserem Teil der Nordsee lernen können", sagte Hartmut Heinrich vom des Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie, gemeinsam mit dem Umweltbundesamt Veranstalter der Meereskonferenz, zu SPIEGEL ONLINE.

Erst extrem lange, dichte Erhebungen ermöglichten es, aus der Dynamik des rauen Nordsee-Klimas belastbare Hinweise auf menschliches Einwirken herauszulesen. "Um menschgemachte Signale in so einem Wust von Daten zu erkennen, muss man schon sehr lange hinschauen", sagte der Geologe Heinrich.

Veränderungen im Ökosystem

Als Beispiel für die ökonomischen Folgen der Erwärmung in den deutschen Gewässern nannte Greve den Kabeljau, der in nördlichere Breiten abwandere. Zugleich konnten die Helgoländer Forscher neue Arten in der Deutschen Bucht beobachten, die dort früher nicht heimisch waren, wie etwa wärmeliebende Quallen aus dem Ärmelkanal. Solche Staatsquallen könnten Aquakulturen behindern und auch lokale Arten verdrängen.

Die Nordsee, so Greve, sei mitten in einer Veränderung, deren ökologische Bedeutung man noch nicht kenne.

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