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Nordwestpassage: Kein Revier für Freizeitskipper

Foto: Nordic Bulk Carriers

Arktische Nordwestpassage Gefährliche Abkürzung durchs Eis

Der riesige Frachter "Nordic Orion" hat gerade die berüchtigte Nordwestpassage erfolgreich absolviert, doch viele Freizeitkapitäne und Abenteurer scheiterten kläglich. Die Seeroute durch die kanadische Arktis wird noch lange riskant bleiben.

Derzeit ist die "Nordic Orion" vor Grönland unterwegs. Mit 73.500 Tonnen Kohle für eine finnische Eisenhütte an Bord hat das 225 Meter lange Schiff der Eisklasse 1A Geschichte geschrieben. Der Frachter hat auf dem Weg vom kanadischen Vancouver ins finnische Pori eine Abkürzung durch den hohen Norden genutzt, die Schiffe dieser Größe kaum je genommen haben.

Die Route durch die legendäre Nordwestpassage sparte im Vergleich zum Panama-Kanal vier Tage auf See - und damit der dänischen Firma Nordic Bulk Carriers laut "Wall Street Journal"  200.000 Dollar. Es war nach 1969 erst der zweite kommerzielle Warentransport durch die Passage zwischen Pazifik und Atlantik. Doch während man bei den Eignern der "Nordic Orion" jubelt, haben andere Seeleute und Abenteurer in diesem Sommer gelernt, wie tückisch der Abschnitt ist - und auf lange Sicht bleiben wird.

Bei Nordic Bulk Carriers legt man großen Wert darauf, dass kommerzielle Reisen etwas komplett anderes seien als die Aktionen von Privatleuten. Man habe die Reise der "Nordic Orion" lange und akribisch vorbereitet, heißt es aus dem Firmenhauptquartier in Hellerup. Ein Eisbrecher der kanadischen Küstenwache unterstützte das Schiff in der Passage.

Die norwegische Umweltschutzorganisation Bellona  sprach trotzdem von "enormen Risiken" und beklagte einen "sehr schädlichen Präzedenzfall". Schuld sind unter anderem unzureichende Seekarten: Der kanadische Eisexperte John Falkingham beklagte kürzlich , dass nur zehn Prozent der arktischen Gewässer nach modernen Standards kartiert seien - und dass es beim aktuellen Tempo noch 300 Jahre dauern würde, den Job komplett zu erledigen.

Allerdings tummelten sich 2013 auf dem Seeweg auch mehr Touristen, Abenteurer und Freizeitkapitäne als je zuvor. In festem Vertrauen darauf, dass die berüchtigte Passage schiffbar sein würde, versuchten mindestens 35 Freizeitskipper ihr Glück. Die meisten drehten bald wieder ab, ein gutes Dutzend brauchte Hilfe.

Dazu gehörten auch mehrere Kajakfahrer und vier abenteuerlustige Crews mit Ruderbooten. So wie immer mehr Menschen auf den Mount Everest klettern, weil man es eben kann, kommen auch immer mehr Wagemutige in die Arktis. Sie suchen das letzte große Abenteuer.

Den Vogel schoss eine US-amerikanische Reality-TV-Filmcrew ab: Sie plante für das Adventure-Format "Dangerous Waters" die Durchquerung der Passage, die Umfahrung von Grönland und dann noch den Weg über den Atlantik bis London - und zwar auf Jetskis. Die Reise fiel dann doch kürzer aus. Die Jetskis froren nach kurzer Zeit im Packeis ein. Die Rettung der TV-Leute kostete eine bisher nicht näher bezifferte sechsstellige Summe.

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Ähnlich aberwitzig mutet ein Fall an, der sich Ende Juni im Admiralty Inlet abspielte. Dort genossen zehn betuchte Touristen, emsig betreut von zehn Angestellten, ihr Abendessen in einem beheizten Zelt auf einer riesigen Eisscholle, während Flugzeuge und Helikopter aus fünf kanadischen Provinzen zur Rettung zusammengezogen wurden. Die Eisscholle hatte sich gelöst und trieb auf die arktische See hinaus. Insgesamt kostete die Sause den kanadischen Steuerzahler 2,7 Millionen Dollar  (rund 970.000 Euro).

Inzwischen, meldet die dortige Küstenwache, sei die Passage dicht. Letzte Segler hoffen noch, herauszukommen - ein Rennen gegen das immer dichtere Packeis . Wer die Durchfahrt schaffte, so wie der Schweizer Philipp Cottier  mit seinem Katamaran "Libelulle", berichtet von Extremen: "Die Inuit erzählten uns, dass es seit 20 bis 30 Jahren nicht mehr so viel Eis gegeben habe. Von der Klimaerwärmung sahen wir keine Spur", so Cottier in der Schweizer Zeitung "Blick" .

Erfroren im eisigen Wasser

Dieser Eindruck trügt wohl. Zwar gab es in diesem Jahr rund 60 Prozent mehr Meereis als im vergangenen Jahr. Doch schlug der Sommer 2013 trotzdem mit der sechstkleinsten Eisdecke seit Beginn der Satellitenmessungen  zu Buche. "Weil die Eisbedeckung lockerer ist, werden die Schollen mobiler - und können weiter nach Süden treiben", erklärt Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg das scheinbare Paradoxon, von dem Cottier berichtete.

"Früher hing die Eisbedeckung in der Nordwestpassage vom Klima ab. Jetzt ist das Wetter bestimmend", so Notz. Und weil sich die Winde schnell ändern können, wird auch die Eissituation unberechenbarer. Wie gefährlich die hohe Arktis bleibt, zeigt auch das Schicksal der Besatzung eines Hubschraubers der kanadischen Küstenwache. Am 9. September kundschaftete Marc Thibault, Kapitän des Eisbrechers Amundsen, einen Kurs durch die Passage aus, als sein Helikopter in der McClure Strait aus ungeklärten Gründen abstürzte.

Thibault, Pilot Daniel Dubé und der Wissenschaftler Klaus Hochheim konnten sich zunächst aus dem Wrack retten. Es nutzte ihnen nichts: Die Männer erfroren bevor Hilfe kam, weil sie Schutzkleidung und Rettungsausrüstung zwar an Bord hatten, aber offenbar nicht mehr einsetzen konnten .

Ein Schicksal, dass so manchen Passagen-Reisenden nachdenklich stimmen sollte. Kanadas Rettungsinfrastruktur ist in arktischen Breiten dünn ausgebaut. Helikopter und Flugzeuge haben oft Anflugwege von Tausenden Kilometern. Während es im sibirischen Teil der Passage 16 Häfen gibt, die im Notfall auch großen Schiffen Unterschlupf bieten können, verfügt Kanada über keinen einzigen.

Immer wieder beklagen politische Beobachter, dass die Regierung in Ottawa zwar ständig vom Norden rede - aber im Gegensatz zu den Russen kaum Geld in die Hand nehme. Jura-Professor Michael Byers von der University of British Columbia griff jüngst zu einer fiesen Metapher : Während Russlands Staatschef in der Arktis auftrete wie James Bond, sei Kanadas Regierungschef Stephen Harper eher mit dessen Comedy-Kopie Austin Powers zu vergleichen.

Jesse Osborn, Kapitän der Yacht "Empiricus", brachte seine erfolgreiche Durchquerung der Passage ernsthaft ins Grübeln. In einem Blog-Eintrag stellte er anschließend die Sinnfrage : Anders als bei den Expeditionen der Entdecker gehe es heute doch um nichts mehr. "Wenn das wirklich so ist", fragt er, "was haben wir dann davon? Persönliche Befriedigung? Etwas, mit dem wir angeben können?"

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