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Großes Tauwetter: Die Rohstoffe der Arktis

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Norwegens Außenminister "Die Arktis ist nur ein Ozean"

Ist die Ausbeutung arktischer Bodenschätze zu riskant für die Umwelt? Nein, sagt Norwegens neuer Außenminister Espen Barth Eide im Interview. Wichtig sei, wie man es macht: "Es ist möglich, dort verantwortungsvoll zu bohren."

Berlin - Der 16. September 2012 war ein historisches Datum. Nach den Statistiken des amerikanischen National Snow and Ice Data Center bedeckte das Meereis der Arktis an diesem Tag gerade einmal 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das war der niedrigste Wert seit Start der Satellitenbeobachtungen im Jahr 1979 - noch einmal 760.000 Quadratkilometer unter dem bisherigen Negativrekord aus dem Jahr 2007. Die schwindende Eiskappe zeigt, dass sich die Arktis in rasantem Tempo verändert. Ein neuer Ozean entsteht.

Damit wächst auch das Interesse an kürzeren Schifffahrtsrouten durch die Region - und an den arktischen Bodenschätzen. Norwegen kann als einer der fünf Küstenstaaten davon profitieren, dass die Rohstoffe nun leichter zugänglich sind. Das Land verdankt seinen Wohlstand der jahrzehntelangen Förderung von Öl- und Gas - und hat Lust auf mehr. Gleichzeitig sehen sich die Polarstaaten einem wachsenden Druck von Politikern und Umweltschützern ausgesetzt, die vor den Risiken der Rohstoffförderung warnen. Sie sähen die arktischen Ressourcen am liebsten ungefördert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Außenminister, vertreten Sie ein rücksichtsloses Land?

Eide: Nein, keinesfalls. Ganz im Gegenteil.

SPIEGEL ONLINE: Ein Umweltausschuss im britischen Parlament hat kürzlich das Bohren nach Öl und Gas in der Arktis als "rücksichtslosen Goldrausch" bezeichnet.

Eide: Die Ausbeutung der arktischen Ressourcen wird stattfinden. Für uns war es immer wichtig, dass die Regeln klar sind; zum einen, wem was gehört, zum anderen, wie die Rohstoffe genau gefördert werden. Die Arktis ist rechtlich gesehen nicht außergewöhnlich, sie ist einfach ein Ozean. Die Gegend ist natürlich ökologisch sensibel - aber es ist möglich, dort verantwortungsvoll zu bohren.

SPIEGEL ONLINE: Einige europäische Politiker und Umweltvertreter haben Angst vor unkalkulierbaren Risiken - und fordern ein Bohr-Moratorium.

Eide: Unsere Technologie hat sich von der klassischen Plattform auf See wegentwickelt. Heutzutage liegen die meisten Anlagen unter Wasser. Dort gibt es keine Witterungseinflüsse, die Bedingungen sind sehr stabil. Wenn man verantwortungsvoll bohrt, sollte es keine Probleme geben. Die Russen, die Kanadier, die Amerikaner und alle anderen Länder müssen aber die höchsten Standards anwenden.

SPIEGEL ONLINE: Die Antarktis ist durch einen speziellen Vertrag geschützt. Die Arktisstaaten verhindern einen vergleichbaren Pakt. Könnten Sie sich vorstellen, dass zumindest Teile der Arktis zum internationalen Umweltschutzgebiet werden?

Eide: Einige Leute haben die Fehlwahrnehmung, dass die Arktis ein gemeinsames Erbe der Menschheit ist, so wie die Antarktis. Aber während die Antarktis ein Kontinent ist, ist die Arktis ein Ozean - und für den gilt das Internationale Seerecht. Es ist eine Region der Möglichkeiten. Vielleicht hilft es, den hohen Norden mit dem Südchinesischen Meer zu vergleichen. In dieser attraktiven Region gibt es keine Übereinstimmung über die Spielregeln. Dagegen ist in der Arktis kaum Platz für gewaltsame Konflikte - und viel Raum für Kooperation.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist nun mit der Idee eines Umweltschutzgebiets im hohen Norden?

Eide: Wir brauchen keine Extraregeln, wie es sie in der Antarktis gibt. Die Region ist nicht total einzigartig im Vergleich zu anderen Seegebieten. Es gilt das internationale Seerecht, mit dem man auch Umweltbedenken Rechnung tragen kann.

SPIEGEL ONLINE: Das Schicksal der Arktis beeinflusst den gesamten Planeten. Verstehen Sie, dass auch weiter entfernte Staaten ein Mitspracherecht fordern?

Eide: Der Arktische Ozean verbindet drei der dynamischsten Wirtschaftszentren der Welt: Ostasien, Europa und Nordamerika. Es wird immer klarer, dass die Region nicht mehr das Ende der Landkarte ist. Es gibt zum Beispiel unglaublich viel Interesse aus den Ländern Ostasiens.

SPIEGEL ONLINE: Bis jetzt haben die fünf arktischen Küstenstaaten kaum Bereitschaft gezeigt, zusätzliche Akteure am Verhandlungstisch zu akzeptieren.

Eide: Die Küstenstaaten haben einige Angelegenheiten, die nur sie betreffen. Da geht es vor allem um Gebietsansprüche in der Arktis. Für alle anderen Fragen ist der Arktische Rat mit seinen acht Mitgliedern und vielen Beobachtern das wichtigste Forum. Norwegen steht der Erweiterung um neue Beobachter positiv gegenüber, stärker als andere Länder das tun.

SPIEGEL ONLINE: Die EU hat sich länger darum bemüht, permanenter Beobachter im Rat zu werden. Unter anderem Kanada hat blockiert. Klappt es nun auf der nächsten Sitzung?

Eide: Über diese Frage diskutieren wir noch - und brauchen dabei Einstimmigkeit. Aber Norwegen würde das gern sehen.

SPIEGEL ONLINE: Lange Zeit hat der Arktische Rat keine bindenden Regeln verabschiedet. Nun gibt es einen Vertrag zu Such- und Rettungsaktionen, ein weiterer zu Öl-Notfällen ist auf dem Weg. Wird es auch bindende Standards für Öl- und Gasproduzenten geben?

Eide: Auch darüber sprechen wir. Wir dürfen den Arktischen Rat aber auch nicht mit zu vielen Fragen überlasten, die man auch in anderen Gremien wie der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation klären kann. Außerdem gibt es einen großen Unterschied zwischen Öl und Gas. Bei der Gasförderung gibt es längst nicht dieselben lokalen Umweltgefahren wie beim Öl.

SPIEGEL ONLINE: Der Chef der französischen Firma Total hat deswegen vorgeschlagen, Ölbohrungen in der Arktis zu verbieten, Gasbohrungen aber zuzulassen. Wäre das eine Option?

Eide: Wir haben fortschrittlichste Technologie für unterseeische Förderung in der Arktis entwickelt. Sie ist viel sicherer, als sie es früher einmal war. Die Leute haben noch immer diese Vorstellungen von der "Exxon Valdez", dem Golf von Mexiko oder unseren norwegischen Ölunfällen in den Siebzigern. Doch die neue Technik macht die Förderung deutlich sicherer.

SPIEGEL ONLINE: Was der Shell-Konzern in Alaska vorhat, ist klassische Ölförderung mit Plattformen - und keine unterseeische Produktion.

Eide: Ich sage, dass es möglich ist, auf moderneren Wegen zu fördern. Das heißt nicht, dass es auch jeder tut. Generell gilt aber: Jeder Staat sollte die Rohstoffe nur auf eine Art fördern, die er auch managen kann. Wem die Technik fehlt, der sollte die Vorkommen nicht ausbeuten.

SPIEGEL ONLINE: Russland hat ein großes Interesse an der Arktis, während sich die USA stark zurückhalten. Wird Russland zum Hegemon am Pol?

Eide: Die Hälfte der Arktis grenzt an Russland. Wenn man sich die Küstenlinie ansieht, dann ist das Land per Definition der wichtigste Akteur. Wir wären natürlich besorgt, wenn sich Russland zu einem Hegemon in der Arktis entwickeln würde. Das ist einer der Gründe, warum wir sichergehen wollen, dass es internationale Vereinbarungen und Organisationen gibt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie steht es mit China? Diesen Sommer hat das Land seinen Eisbrecher "Schneedrache" auf Patrouillenfahrt durch die Arktis geschickt.

Eide: Wir hatten mit den Chinesen einen sehr guten Dialog über arktische Fragen. Aus verschiedenen Gründen hat das aufgehört. Wir haben aber kein Problem mit China, sie haben eines mit uns. Wir heißen China in der Arktis willkommen. Sie können durch internationale Gewässer fahren, so wie alle anderen auch. Der Fall zeigt aber auch, warum wir klare Regeln brauchen. Und er zeigt, warum Russland das internationale Seerecht weiter unterstützen wird. Die Alternative ist, dass mächtige Staaten die Rohstoffe so ausbeuten, dass es für jeden, einschließlich der Russen, nicht akzeptabel wäre.

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