Notstand in der Arktis Das steckt hinter dem Eisbärenalarm von Nowaja Semlja

Eine russische Inselgruppe wird von Eisbären heimgesucht. Sogar der Notstand wurde ausgerufen. Neben dem Klimawandel gibt es noch eine weitere Vermutung für das seltsame Verhalten der Tiere.

Eisbär in der Arktis (Archivbild vom August 2015)
AFP PHOTO / European Geosciences Union / Mario Hoppmann

Eisbär in der Arktis (Archivbild vom August 2015)

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Wie Respekt einflößend das größte Landraubtier der Erde ist, das können Besucher von Spitzbergen schon am Flughafen der norwegischen Inselgruppe erfahren. Auf dem Gepäckband steht ein ausgestopfter Eisbär. Und wer ihm nur hier begegnet, kann eigentlich ganz froh sein. Selten, aber immer wieder einmal kommt es zu tödlichen Zusammentreffen zwischen Mensch und Tier. So wie im Sommer 2011, als der 17-jährige Brite Horatio Chapple starb, als ein offenkundig abgemagerter Bär das schlecht gesicherte Camp seiner Schülergruppe am Von-Post-Gletscher attackierte.

In diesem Winter, so kann man beim Gouverneur von Spitzbergen erfahren, hat es dagegen noch keinen Bären gegeben, der sich gefährlich nahe an menschlichen Siedlungen aufgehalten hat. Ganz anders ist die Lage aktuell auf der etwa 1000 Kilometer weiter östlich gelegenen russischen Inselgruppe Nowaja Semlja. Dort melden die Behörden eine "Invasion" aggressiver Eisbären.

Seit vergangenem Dezember sollen 52 Tiere regelmäßig in Beluschja Guba, der Hauptsiedlung der Inselgruppe, aufgetaucht sein. Einige der Bären hätten sogar Menschen angegriffen. Bislang haben die Behörden noch keinen Abschuss erlaubt, der Eisbär ist auch in Russland geschützt. Stattdessen sollten die Tiere vertrieben werden, erklärten nun die Verantwortlichen. Man setze Geräte ein, die Lärm machten. "Es gibt jetzt weniger Bären. Wir können sie aber wegen eines Schneesturms nicht zählen", so ein Vertreter der Ortsbehörde.

Was aber treibt die Eisbären von Nowaja Semlja an, die eine 2500 bis 3000 Tiere starke gemeinsame Population mit denen von Spitzbergen bilden? Als eine mögliche Begründung für das massenhafte Auftreten wird die beschleunigte Eisschmelze in der Arktis infolge des Klimawandels genannt. So wird vermutet, dass die Tiere dadurch mehr Zeit an Land verbringen und sich dort einen Wettstreit um Nahrung liefern.

Winterruhe halten nur Weibchen mit ihren Jungtieren. Für etwas ältere Jungbären und vor allem die Männchen ist dagegen jetzt die Zeit, in der sie sich ihr Fett anfressen müssen. Das tun sie am liebsten durch das Jagen von Robben - und die leben auf dem Eis.

Übersichtsseiten wie Meereisportal.de zeigen für die Westküste von Nowaja Semlja, wo auch Beluschja Guba liegt, aktuell eine geringe Ausdehnung des arktischen Meereises an.

Universität Bremen / meereisportal.de

Zumindest im Mittel der Jahre 1981 bis 2010 war die Region dagegen trotz der bis hierhin reichenden warmen Meeresströmungen eisbedeckt, das zeigt ein Blick auf die Daten des National Snow and Ice Data Center in den USA. Das spräche tatsächlich dafür, dass Bären, die normalerweise Robben auf dem Eis jagen würden, stattdessen auf die Insel kommen, um nach Nahrung zu suchen.

Sicher ist das allerdings nicht. "Gerade in dieser Region verändert sich das Eis sehr stark. Aber gerade hier fehlen uns auch die Daten zu den Tieren", beklagt die Eisbärenexpertin Sybille Klenzendorf von der Umweltschutzorganisation WWF. Das hat einerseits damit zu tun, dass Nowaja Semlja militärisches Sperrgebiet ist, die Sowjetunion führte hier seit Mitte der Fünfzigerjahre etwa 130 Atombombentests durch. Und andererseits hat sich Russland - zum Ärger vieler Forscher - nicht an der letzten arktisweiten Eisbärenzählung von 2015 beteiligt.

Indizien aus Alaska

Wie viele Bären es genau rund um die Inselgruppe gibt, weiß also niemand ganz genau - ebenso wenig ist klar, ob die Tiere womöglich ihr Verhalten durch den Klimawandel ändern. Also muss man auf der Suche nach Antworten an andere Orte der Arktis schauen. Und aus Alaska gibt es eine Studie aus dem Jahr 2015, wonach zumindest weibliche Eisbären im Bereich der Tschuktschensee inzwischen deutlich mehr Zeit an Land verbringen als früher.

Ein Team um Karyn Rode vom Geologischen Dienst der USA hatte zeigen können, dass die weiblichen Tiere im Durchschnitt von 2008 bis 2013 ganze 30 Tage pro Jahr weniger auf dem Eis unterwegs waren als im Vergleichszeitraum von 1986 bis 1995. Die Gruppe konnte außerdem belegen, dass daran tatsächlich die Veränderung der Eisbedeckung schuld war. Männliche Tiere wurden nur deswegen nicht mit in die Untersuchung aufgenommen, weil es diesen gelang, die mit Sendern versehenen Halsbänder der Forschenden immer wieder abzustreifen.

Eisbären in Alaska (Archivbild)
REUTERS

Eisbären in Alaska (Archivbild)

Weniger Eis ist gleich mehr Zeit an Land - ob es solch einen Zusammenhang auch für die Bären von Nowaja Semlja gibt, lässt sich nicht so einfach sagen - wohl aber, dass die Tiere neben den schwindenden Schollen noch einen anderen Grund haben, an Land zu kommen: Menschliche Abfallhalden machen ihnen dort die Nahrungssuche besonders einfach. "Bis 2020 planen wir, alle Mülldeponien vollständig zu beseitigen und eine Verbrennungsanlage zu bauen", verspricht ein Vertreter der zuständigen russischen Behörden. Aber noch ist es eben nicht so weit. "Die Müllkippen sind ein riesiges Problem", sagt WWF-Mitarbeiterin Klenzendorf. "So werden die Tiere angezogen, es riecht dort gut, es ist interessant." "Wenn man den Müll loswird, wird man auch die Eisbären los", bestätigt auch Jon Aars vom Norwegischen Polarforschungsinstitut in Tromsö.

"Bei gleichem Verhalten auch überall die gleichen Erfahrungen machen"

Sonst gewöhnten sich die Tiere an die Nähe der Menschen, umgekehrt geschehe es ebenso, sagt Klenzendorf. Gehe dann etwas schief und werde ein Bär zum Problembär, sei die Aufregung groß. Die Russen hätten zwar durchaus Managementpläne zum Umgang mit problematischen Tieren. Wie diese umgesetzt würden, wisse aber niemand. Man brauche speziell trainiertes Personal, um solche Bären zu vergrämen - und man brauche einen systematischen Ansatz: "Die Tiere müssen bei gleichem Verhalten auch überall die gleichen Erfahrungen machen." Egal, ob in Norwegen oder Russland - in der Nähe von Menschen müsse es ungemütlich sein.

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Wie attraktiv Müll für die Bären wirkt, zeigen auch britische Zeitungsberichte aus dem Januar. Darin war zu lesen - und zu sehen - wie ein neugieriger Eisbär ein aufgetauchtes russisches Atom-U-Boot besteigt. Dieses sei in der Nähe der norwegischen Inseln von Spitzbergen und Jan Mayen auf Patrouille gewesen. Die Crew habe nach dem Erreichen der Wasseroberfläche mehrere Säcke Abfall nach draußen geworfen, hieß es.

Drastische Erwärmung

Auch wenn der Abfall für das Verhalten der Tiere eine wichtige Rolle spielt, das darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Arktis im Klimawandel weit schneller erwärmt als der größte Rest der Erde. Und dass das die Ökosysteme unter hohen Veränderungsdruck setzt. Die Winter in Spitzbergen sind inzwischen zwei Monate kürzer als vor 50 Jahren. Das steht in einem gerade veröffentlichten Bericht des Norwegian Centre for Climate Services.

Das russische Nowaja Semlja gehört naturgemäß nicht mit zum Berichtsgebiet. Fundamental unterschiedlich dürfte die Entwicklung dort aber nicht verlaufen. Schaut man auf Spitzbergen, zeigt sich das Ausmaß der Veränderung: Die Durchschnittstemperaturen im Jahresmittel sind binnen einem halben Jahrhundert um vier Grad gestiegen, betrachtet man allein die Winter, sind es sogar 7,3 Grad. Und ein weiterer Anstieg um - je nachdem, welches Emissionsszenario man zugrunde legt - bis zu zehn Grad im Jahresmittel steht zu befürchten.

Für die Eisbären können das keine guten Nachrichten sein. Aber auch nicht für die Menschen der Arktis, so steigt das Lawinenrisiko auf Spitzbergen laut dem Klimabericht an. Und Lawinen, das muss man wissen, sind auf der Insel bereits jetzt tödlicher als Eisbären. Nur stellt die eben niemand am Flughafen aus.


Zusammengefasst: Für die verstärkten Eisbärsichtungen auf der russischen Inselgruppe Nowaja Semlja gibt es mehrere Erklärungen. Der Klimawandel - etwa in Form von weniger Eisbedeckung - dürfte eine Rolle spielen. Mitschuld tragen aber auch wilde Müllkippen, die den Bären die Futtersuche einfacher machen. Genaue Informationen sind für Forscher schwer zu bekommen, weil Nowaja Semlja militärisches Sperrgebiet ist.

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