Oasen der Ozeane An Eisbergen blüht das Leben

Eisberge galten bislang als Müll der Polarmeere, doch das ist falsch: Die weißen Riesen sind Oasen des Lebens mitten im Ozean. Sie düngen das Meer, bevölkern es - und womöglich verklappen sie sogar CO2.


Weiße Vagabunden sind sie, Einöde aus Eis mit kurzer Lebenserwartung: Was soll an, in oder auf den Eisbergen der Antarktis schon leben, geschweige denn gedeihen? US-Forscher haben jetzt die Antwort gefunden: Eisberge sind "Hot Spots ozeanischen Lebens".

Die Bruchstücke aus dem Schelfeis der Antarktis treiben ihren Untersuchungen zufolge nicht einfach leblos und unbelebt durch das Südpolarmeer. Stattdessen schwirren Seevögel um die eisigen Brocken herum, unter der Wasserlinie bildet sich ein dichter Teppich aus Algen, davon werden wiederum zahlreiche Kleinkrebse sowie einzelne jugendliche Krokodileisfische und Vielborster angelockt. Zumindest an zwei der immer zahlreicher werdenden Eisbergen der Antarktis konnten Kenneth Smith vom Monterey Bay Aquarium Research Institute und seine Kollegen solch lebhaftes Treiben ausfindig machen, berichten die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Science".

Die beiden Tafeleisberge W-86 und A-52 stammten ursprünglich aus dem Schelfeis der antarktischen Halbinsel, sind frei von Packeis und drifteten während der Beobachtungszeit im Dezember 2005 einige Hundert Kilometer durchs eiskalte Weddellmeer.

Die Seevögel seien mitgezogen und um die eisigen Brocken herumgekreist, bis zu 3,7 Kilometer vom Eisberg entfernt seien die Tiere anzutreffen gewesen. Unter Wasser fanden die Forscher - mithilfe eines ferngesteuerten U-Boots - an den Eisbrocken netzartige Strukturen mit zahlreichen Einbuchtungen. Darin steckten Spuren von Vulkangestein, Mitbringsel vom antarktischen Kontinent. Sie wiederum bildeten einen Nährboden für Kieselalgen und anderes Phytoplankton. Mitgeführtes Eisen wirkte wie ein Düngemittel, so dass eine dichte Matte aus winzigen Organismen entstand. Verbindungen des Metalls stammen den Ozeanologen zufolge aus den Sedimenten, die in die Eisberge eingeschlossen waren, und dann mit Schmelzwasser ins umgebende Meer gespült wurden.

Antarktis-Oasen als Klimaschützer

"So wie Wasserlöcher in der Wüste zu Hot Spots werden, sind treibende Eisberge wie Oasen im Antarktischen Ozean, die das Leben begünstigen", kommentiert Russell Hopcroft von der University of Alaska in Fairbanks die Ergebnisse.

Die vielen Lebewesen im Umkreis der Eisberge erhöhten die biologische Aktivität, so Teamleiter Smith. Eine wichtige Konsequenz sei, dass dadurch der Kohlendioxid-Gehalt in ihrer Umgebung gesenkt und Kohlenstoff in die Tiefsee befördert werden könnte. "Während das Schmelzen des antarktischen Eisschelfs zum steigenden Meeresspiegel beiträgt", so Ozeanologe Smith, "kann diese ergänzende Art, Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu entfernen, Auswirkungen auf globale Klimamodelle haben." Positive wohlgemerkt: Wird das Meer gedüngt, wachsen mehr Algen und Kleintiere, die Kohlendioxid aufnehmen. Sterben sie dann ab, so sinkt mit ihren toten Körpern auch ein Teil des Kohlenstoffs in die Tiefsee.

Umstritten ist allerdings, wie effektiv diese Kohlenstoff-Senke funktioniert. Erst Ende April berichteten andere Forscher ebenfalls in "Science": Ein großer Teil des toten Planktons, der sogenannte Schnee des Meeres, erreicht nie den Boden der Tiefsee. Vielmehr bleibt er in einer geheimnisvollen Dämmerzone hängen - und gelangt von dort aus wieder in den Kohlenstoffkreislauf. Auch weil diese Zusammenhänge noch nicht ausreichend verstanden werden, warnten europäische Forscher Ende Mai eindringlich vor einer übereilten Düngung der Ozeane im industriellen Maßstab.

Unstrittig ist ein anderer Effekt, den das Team um Smith bei seiner Expedition beobachten konnte: Das Schmelzwasser der schwindenden Eisberge verdünnt das salzige Meerwasser. An der Ozeanoberfläche direkt am Rand der beiden Eisbrocken maßen die Forscher den geringsten Salzgehalt. An dem Eisberg A-52, der 21 Kilometer lang und fünf Kilometer breit war sowie bis zu 32 Meter aus dem Meer herausragte, wurden gar mehrere Wasserfälle gesichtet: Über diese schwappte das Schmelzwasser besonders schnell ins Meer.

Wenn alle gefrorenen Hot Spots derselben Größe in der Antarktis einen ähnlichen Effekt hätten, so die Hochrechnung des Ozeanologen-Teams, dann würden sie auf 39 Prozent der Ozeanoberfläche in der Region einen Einfluss haben. Damit hätten die frei herumtreibenden Eisberge einen bedeutenden Einfluss auf das Ökosystem im uferfernen Wasser des südlichen Ozeans, schreiben die Forscher. Vielleicht könnte dieser künftig noch steigen - denn wegen der globalen Erwärmung sind in den vergangenen Jahren immer mehr Eisberge aus dem Schelfeis herausgebrochen.

fba/AP

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