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Öko-Pflegefall Jordan Heilige Taufe in dreckiger Brühe

Pilgertourismus ist ein Riesengeschäft am Jordan. Doch der einstmals stolze Fluss, in dem nach christlichem Glauben Jesus die Taufe empfing, ist stellenweise nur noch ein dreckiges Rinnsal. Umweltschützer basteln nun an einem Rettungsplan für den Öko-Pflegefall.

So richtig aufregend wäre der Trick mit der Bundeslade heutzutage wohl nicht mehr. Das Buch Josua der Bibel berichtet davon, wie die Stämme Israels auf dem Weg nach Westen den Jordan überschritten. Der Fluss sei "voll an allen seinen Ufern" gewesen. Doch als die Priester mit der Bundeslade und den darin enthaltenen Geboten ins Wasser gestiegen seien, habe sich dieses auf einmal gestaut, "aufgerichtet auf einem Haufen". Anschließend habe das gesamte Volk trockenen Fußes durchs Flussbett schreiten können.

2011 liefe eine Überquerung des Jordans wohl weit weniger spektakulär ab - wäre aber wohl an vielen Stellen gesundheitsschädlich. Von den biblischen Fluten ist nicht mehr viel übrig. Akuter Wassermangel macht dem Jordan zu schaffen. Und was sich überhaupt noch im rund 200 Kilometer langen Flussbett findet, ist kaum mehr als flüssiger Dreck. "Was wir hier im Moment haben, ist fast unbehandeltes Abwasser", sagt Gidon Bromberg von der Umweltschutzorganisation Frieds of the Earth Middle East. Mit einem Becherglas hat er eine Probe der braunen Brühe genommen.

Brombergs Organisation hat ausgerechnet, dass sich aktuell nur noch zwei Prozent des ursprünglichen Wasservolumens im Jordan finden - etwa 20 bis 30 Millionen Kubikmeter. Schuld daran sind nicht zuletzt wasserintensive Landwirtschaftskulturen in Israel, Bananen und Zitrusfrüchte zum Beispiel. Der National Water Carrier leitet außerdem Wasser aus dem See Genezareth ab, das dem Jordan dann fehlt. Und auch Jordanien und Syrien zapfen den Fluss an. Außerdem muss der Jordan die Abwässer von 250.000 Jordaniern, 60.000 Palästinensern und 30.000 Israelis verkraften.

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Wasserknappheit und Verschmutzung: Der Problemfall Jordan

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Deswegen schätzen Umweltschützer die ökologische Lage des Flusses als problematisch ein. Außerdem sorgt der Wassermangel dafür, dass auch der Spiegel des Toten Meeres immer mehr sinkt. "Es gibt überhaupt kein Problem", hält Raphael Ben-Hur vom israelischen Tourismusministerium dagegen. Er steht in unmittelbarer Nähe einer Taufstelle am Oberlauf des Flusses. Dort lassen sich jedes Jahr zahllose Pilgergruppen taufen. Denn genau das soll auch Jesus getan haben, er empfing das Sakrament der Bibel zufolge von Johannes dem Täufer.

An der Taufstelle Jardenit, kurz hinter dem See Genezareth, ist das Wasser vergleichsweise sauber. Raphael Ben-Hur scheint also recht zu haben. "Die Menschen gehen ins Wasser, sie werden getauft, und sie sind sehr glücklich", sagt der Offizielle. Die Bedenken der Umweltschützer kann er nach eigenem Bekunden deswegen nicht nachvollziehen: "Wir haben das Wasser von Wissenschaftlern untersuchen lassen und das Wasser ist sauber."

Neue Klärwerke allein reichen nicht

Doch wer von der Taufstelle nur ein paar Kilometer weiterfährt, sieht die traurige Realität: Der Alumot-Damm staut das Wasser an, damit in Jardenit gerade noch genug für die Pilger zur Verfügung steht. Flussabwärts besteht der Jordan hingegen fast nur aus Fäkalien. Immerhin soll sich die Lage bald etwas verbessern: Bis zum Ende des Jahres will Israel keine ungeklärten Abwässer mehr in den Fluss pumpen. Ein Klärwerk wird gerade gebaut. Auch die Jordanier arbeiten an einer ähnlichen Anlage. Und auf palästinensischer Seite gibt es zumindest Pläne für ein Projekt, das mit japanischer Hilfe umgesetzt werden könnte.

Die Krise des Jordans ist längst nicht allein mit Klärwerken zu lösen. "Wenn das Abwasser nicht durch Frischwasser ersetzt wird, vergrößert sich das Problem sogar noch", warnt Umweltschützer Bromberg. Bereits jetzt ist der geschrumpfte Fluss stellenweise nur noch vier Meter breit. Langfristig müsse der Jordan wieder mit zusätzlichem Wasser versorgt werden. Man habe eine mündliche Zusage der israelischen Wasserbehörde, dass 20 bis 30 Millionen Kubikmeter zusätzlich im Flusslauf verbleiben sollten. Das sind allerdings nur etwa zehn Prozent von dem, was die Umweltschützer insgesamt für nötig halten.

Sie fordern unter anderem, dass zehn Prozent der Kapazitäten von neuen Meerwasserentsalzungsanlagen in Israel für die Renaturierung des Jordan genutzt werden. Außerdem müsse verstärkt sogenanntes Grauwasser für die Bewässerung eingesetzt werden. Das ist leicht zu reinigendes Wasser, wie es zum Beispiel beim Duschen oder Händewaschen anfällt. Wertvolles Nass könne dann im Jordan verbleiben.

Geheimgespräche zwischen Israel und Jordanien

Hoffnung setzten die Umweltschützer auch darauf, dass sich Israel und Jordanien offenbar hinter verschlossenen Türen über einen Rettungsplan für den Grenzfluss verständigen wollen. Zeitungen in der Region berichten von Gesprächen zwischen Jordaniens Außenminister Nasser Joudeh und dem israelischen Sicherheitsberater Uzi Arad. Beide Länder denken zusammen mit den Palästinensern auch seit einigen Jahren darüber nach, Wasser vom Roten in das Tote Meer zu pumpen. So soll der Wasserspiegel dort stabilisiert werden.

"Das ist sehr interessant", kommentiert Umweltschützer Bromberg die Berichte über die neuen Gespräche. Es sei "absolut notwendig", dass die Länder am Jordan zusammenarbeiten. Mit Jordanien sei das für die Israelis durchaus möglich, mit den Palästinensern ebenso. Außerdem könnten sich Syrien und Jordanien eng abstimmen - denn Israelis und Syrer haben ihre Friedensgespräche seit dem Gaza-Konflikt Ende 2008 eingefroren.

Der Jordan ist auch ein Opfer des Nahost-Konflikts. Die Umweltschützer von Friends of the Earth haben deswegen mit Forschern der Yale University Pläne für einen Friedenspark am Fluss entwickelt. Er könnte auf einer Insel zwischen dem Jordan und dem Fluss Yarmuk zumindest Israelis und Jordanier zusammenbringen. Palästinenser hätten wegen der israelischen Visaregeln hingegen schlechte Karten. Auf der Insel stand einst ein Wasserkraftwerk, das im Krieg von 1948 zerstört wurde.

Heute hätte der Fluss ohnehin zu wenig Wasser zum Betrieb der Turbinen.

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