Undichte Lagerstätte Rätselhaftes Ölleck im Münsterland

An zwölf Orten in Deutschland lagern Erdölvorräte in Salzstöcken. Bei Gronau scheint eine dieser Kavernen nicht dicht zu sein. Experten suchen erfolglos nach der undichten Stelle. Umweltschützer fordern, die Sicherheit aller Standorte zu überprüfen.

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Gronau-Epe - Theoretisch dürfte es dieses Öl nicht geben. Jedenfalls nicht an dieser Stelle: Im Örtchen Epe im Kreis Borken quillt an mehreren Stellen Erdöl aus der Tiefe und verunreinigt sowohl Grundwasser als auch den Boden - bis heute sollen es bereits mehr als 32.000 Liter sein. Und keiner weiß, wo es ausgetreten ist.

Vor zwei Wochen entdeckte Landwirt Klaus Sundermann auf seiner Weide eine Lache aus dickflüssigem Wasser-Öl-Gemisch. Wie sich herausstellte, gelangt das Öl auch an zwei weiteren Stellen aus dem Boden. Die Weiden mehrerer Bauern sind verseucht, ein Landwirt musste zehn seiner Kühe notschlachten lassen, weil sie von dem braunen Wasser getrunken hatten.

"Wir müssen mit der Situation klarkommen", sagt Bäuerin Claudia Sundermann im Interview mit der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Eine Bewirtschaftung ihres Hofs sei auf absehbare Zeit nicht möglich, Tiere wurden bei Freunden untergebracht, die Familie zog ins Hotel. Umweltschützer sind alarmiert.

Das Erdölleck ist immer noch nicht gefunden

Seit Bekanntwerden des Vorfalls vor zwei Wochen wird im Münsterland nach der undichten Stelle gesucht. Offenbar stammt das Erdöl aus einer Kaverne, also einem Lagerraum in einem Salzstock, der sich unterhalb des Hofs der Familie Sundermann und eines Naturschutzgebietes befindet. In der Kaverne, die durch den Abbau von Salz entstand, lagert die Salzgewinnungsgesellschaft Westfalen (SGW) im Auftrag des staatlichen Erdölbevorratungsverbands den Rohstoff - und das schon seit rund 40 Jahren.

Naturschützer haben die Sicherheit der unterirdischer Energiespeicher nun in Frage gestellt. Angesichts der vergeblichen Suche nach der Quelle des ausgetretenen Rohöls forderte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) die Überprüfung aller Kavernenspeicher für Erdgas und Erdöl. "Der Vorfall zeigt, dass eine Langzeitsicherheit der Speicher offenbar nicht gewährleistet werden kann", erklärte der Geschäftsleiter des BUND-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, Dirk Jansen.

Die Situation vor Ort ist komplex: Im Gronauer Ortsteil Epe erstreckt sich in 1000 bis 1400 Meter Tiefe eine dicke Salzschicht, die seit den siebziger Jahren abgebaut wird. Die dabei entstehenden Hohlräume werden zur Lagerung der nationalen Ölreserve genutzt. Laut SGW und Bezirksregierung Arnsberg können die Kavernen 1,4 Millionen Kubikmeter Rohöl fassen. Eine ist so groß, dass der Kölner Dom problemlos darin Platz finden würde.

Rohrleitungen der Kaverne unter Verdacht

Das gelagerte Erdöl stammt aus dem nationalen Erdölnetz, vom Knotenpunkt Ochtrup gelangt es über eine rund zwölf Kilometer lange Leitung in die Kaverne. Für die SGW gilt die Kaverne als komplett dicht. Die dichte Salzsteinumgebung sei sicher genug, um darin gefahrlos Öl zu lagern. Auch die Leitung zum Knotenpunkt habe keinen Druckabfall aufgewiesen, berichtet Pressesprecher Dirk Schulte.

Seitdem bekannt wurde, dass es irgendwo ein Leck gibt, sei das gesamte System drucklos gestellt worden, so dass kein neues Öl auslaufen kann. Die Leitungen der Kaverne würden 365 Tage im Jahr überwacht, ein Abfall des Drucks wäre sofort aufgefallen. "Es ist ein Rätsel", sagt Schulte.

Allerdings stehen die Rohrleitungen der Kaverne noch unter Verdacht. Die Bezirksregierung Arnsberg als oberste Aufsichtsbehörde hat das gesamte Gebiet abgesperrt. Das Leck wird seither systematisch gesucht, seit Montag läuft eine Bohrung etwa 80 Meter neben der Kaverne. Der Bohrer soll eine in etwa 220 Metern Tiefe liegende Tonschicht durchbrechen. Die Experten wollen von dort den Weg des Öls an die Erdoberfläche genauer erforschen.

Lecksuche per Erkundungsbohrung

"Die Herkunft des Rohöls wurde analytisch eindeutig bestimmt", sagt Annegret Mehrfeld vom Bergamt in Arnsberg. Das Rohöl stamme sicher aus der Rohölspeicherung. Seit dem 18. April sei bereits ein spezielles, Laserinduziertes Fluorescence-Messsondersystem (LIF) im Einsatz, das Kohlenwasserstoffe in mittleren Tiefen detektieren kann.

Um weitere Erkenntnisse über die Ölaustrittsstelle zu gewinnen, soll nun die unter den Ölspuren liegende Tonschicht genauer analysiert werden. Dazu soll ein Verfahren der Flächengeophysik eingesetzt werden, berichtet die SGW. Es soll außerdem Erkundungsbohrungen in bis zu fünfzig Metern Tiefe geben, um noch tiefer liegende Schichten zu untersuchen. Ziel ist es, weiter systematisch die Herkunft des Öls im Bereich der Ölkaverne und ihrer Zuleitungen zu finden.

In Deutschland sind an zwölf Standorten in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Bremen und Schleswig-Holstein mehr als hundert Kavernenspeicher für Erdöl in Betrieb. Erst im November waren in Etzel in Niedersachsen rund 40.000 Liter Erdöl ausgelaufen und verseuchten die umliegenden Wiesen. Die Ursache hier war allerdings schnell gefunden, wie das Unternehmen IVG Caverns, Betreiber der Kaverne, meldet: Ein fälschlich geöffnetes Ventil an einer Blanket-Ölleitung.

nik/dpa



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kahabe 30.04.2014
1. Was sind schon 32.000 Liter Öl!
Es sind, und das ist nicht erst seit heute bakannt, mindestens 200.000 Liter. Kann man nur hoffen, das das Leck in einem Rohr ist und nicht im Salzstock. Dann hätte sich m. E. jegliche Lagerung jedweder Art in solchen Kavernen erledigt.
HerbertVonbun 30.04.2014
2. Suchet, so werdet ihr finden!
Theoretisch kann es das ja garnicht geben, nur die Realität sieht eben anders aus. Wieviele Katastrophen dieser Art muss es denn noch geben? Und Fracking ist immer noch nicht gänzlich vom Tisch! Auch immer noch keine Info, dass ein Material , das Benzol widerstehen kann, gefunden und getestet worden ist. In welchen Zeiträumen müssen Stahltanks von Ölheizungen überprüft werden? Solche Regeln müssen doch wohl auch bei Ölkavernen und deren Leitungen eingehalten werden. Oder nicht? - Wasserrohre halten knapp 50 Jahre, wie Wasserwerke bekunden. Bei Öl, Benzol und Konsorten dürfte der Zeitraum wohl kürzer sein. - Sauerei auf der ganzen Linie!
fledermaus6251 30.04.2014
3. 3,5 bar Druckabfall
Zitat von sysopDPAAn zwölf Orten in Deutschland lagern Erdölvorräte in Salzstöcken. Bei Gronau scheint eine dieser Kavernen nicht dicht zu sein. Experten suchen erfolglos nach der undichten Stelle. Umweltschützer fordern, die Sicherheit aller 100 Standorte zu überprüfen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/oelleck-im-muensterland-verpestet-erdoel-die-wiesen-a-966915.html
Es kam im Febuar 2014 zu einem Druckabfall von 3,5 bar. Eine Ursache wude nicht gefunden.
paulsen2012 30.04.2014
4. -.-.und die Anwohner in Wasserschutzgebieten
mit üblichen Öltanks werden durch E U , Regierungen u, Kommunen gezwungen, ganz erheblich zu investieren, damit die ohnehin sichere Anlagen -.-.- noch sicherer werden. E U, Staats-u. Landesbehörden machen mit uns Bürgern was sie wollen und niemals wird jemand von "denen" zur Rechenschaft gezogen.
calliston 30.04.2014
5. Art der Überwachung ist nicht mehr Stand der Technik
Ein solches Rohnsystem dadurch auf Dichtheit zu überwachen, dass man den Betriebsdruck überwacht, reicht nicht aus, um Undichtheiten sicher festzustellen und ist auch nicht mehr Stand der Technik. Tatsächlich können bei Leckagen an den Leitungen auch ohne erkennbaren Druckabfall erhebliche Mengen Flüssigkeit entweichen - wie jeder weiß, der schon mal mit einem undichten Wasserschlauch zu tun hatte. Deshalb werden heute bei solchen Anlagen entweder Doppelrohrsysteme gefordert oder es erfolgt eine leitungsparallele Leckageüberwachung durch entsprechende Monitoringsysteme nach Stand der Technik. Altanlagen haben aber offenbar immer noch Schonfrist, auch wenn das auf Kosten der Umwelt geht.
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