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Protest auf See: Aktivisten entern Ölbohrplattform

Foto: AP / Greenpeace

Ölstreit vor Grönland Greenpeace-Aktivisten entern Bohrinsel

Der Streit um Ölbohrungen in der Arktis eskaliert: Umweltschützer haben von einem Greenpeace-Schiff aus eine Förderplattform vor der Küste von Grönland gestürmt. Die Bohr-Arbeiten wurden offenbar gestoppt.

Kopenhagen/Hamburg/Berlin - Greenpeace-Mitarbeiter haben eine Ölbohrung in der Arktis gestoppt. Vier Aktivisten der Umweltorganisation seien auf eine Ölplattform geklettert, um gegen die Probebohrungen zu protestieren. Die schottische Firma Cairn Energy habe daraufhin ihre Arbeiten angehalten, teilten die Umweltaktivisten mit. Die dänische Polizei bestätigte den Vorfall und drohte den Demonstranten mit Konsequenzen: "Gesetze wurden gebrochen, die Verantwortlichen werden bestraft", sagte Morten Nielsen, Vizechef der grönländischen Polizei.

Wie Greenpeace weiter mitteilte, befestigten die mit Verpflegung für vier Tage ausgestatteten Umweltschützer ihre Zelte mit Seilen in 15 Meter Höhe an der Plattform, um die Bohrarbeiten zu behindern. "Wir müssen uns aus unserer Abhängigkeit vom Öl lösen", erklärte einer der Besetzer. Sicherheitskräfte auf der dänischen Militärfregatte "Vaedderen" beobachten das Geschehen. "Wir warten die Entwicklung ab", sagte ein Sprecher der dänischen Marine. "Wir sind bereit, falls ein Aktivist ins Wasser fällt."

Grönlands Premierminister Kuupik Kleist nannte die Greenpeace-Aktion einen "offen illegalen Akt" und eine "grobe Verletzung" von Sicherheitsgesetzen. Es sei "wirklich Besorgnis erregend, dass Greenpeace mit dem Bestreben, in die Medien zu kommen, mit allen Mitteln Sicherheitsgesetze bricht, die Mensch und Umwelt schützen".

Helikopter steigt auf

Das Greenpeace-Schiff "Esperanza" mit 30 Aktivisten kreuzt bereits seit vergangener Woche in der Nähe der Ölplattform. Das Schiff hatte sich der "Stena Don" vor der Küste von Grönland immer wieder genähert. Mit einem Schlauchboot zogen Besatzungsmitglieder bisweilen ihre Runden, oder sie ließen den Helikopter zu Erkundungsflügen aufsteigen. Die dänische Militärfregatte "Vaedderen" war dazugestoßen, um die Umweltschützer von den Rohstoffsuchern zu trennen. Die Marine sei aber bislang nicht eingeschritten, teilte Greenpeace mit.

Greenpeace wolle mit der Aktion auf die Gefahren der Ölförderung in den arktischen Gewässern aufmerksam machen, teilte ein Sprecher mit. Mit der Bohrplattform "Stena Don" und dem Spezialschiff "Stena Forth" sucht Cairn Energy etwa 200 Kilometer vor der Grönländischen Westküste nach Öl und Gas.

"Ohne Bohrerfahrungen in arktischen Gewässern wird hier im Meeresboden herumgestochert", sagt Christoph Lieven, Ölexperte von Greenpeace Deutschland. Für mögliche Unfälle existiere keine ausreichende Vorsorge. Eine Ölkatastrophe sei in kalten Gewässern besonders schlimm, weil sich das Öl nur langsam zersetze.

Greenpeace befürchtet in der Arktis die Zerstörung traditioneller Fischgründe von Grönlands Ureinwohnern, den Inuit. Außerdem sind nach Angaben der Organisation durch die Ölbohrungen die Lebensräume mehrerer Tierarten bedroht. "Dass die grönländische und dänische Regierung diese Bohrungen überhaupt genehmigt hat, ist ein Skandal", sagte Lieven.

Kampagne gegen Tiefseebohrungen

Greenpeace fordert angesichts der Ölpest im Golf von Mexiko einen generellen Stopp für geplante Tiefseebohrungen. Grönland jedoch hofft auf Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft - ein Angriff auf Explorationstrupps passt da schlecht ins Bild. Darum der Einsatz der "Vaedderen", dem Militärschiff. Wie viele Männer und Frauen dort an Bord sind, wollte Vize-Polizeichef Nielsen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE nicht sagen. Das sei eine "taktische Information". Auf jeden Fall verfolge man aufmerksam, was die Greenpeace-Aktivisten tun. Nicht zuletzt weil diese sich weigerten, über ihre Ziele und Mittel Auskunft zu geben.

"Wir haben ihnen die Regeln erklärt", sagt Nielsen. Und die sind simpel: Um jede Ölanlage gibt es einen Bannkreis von 500 Metern. Verletzen die Ökoaktivisten die Vorgabe, sieht die grönländische Polizei das als Gesetzesbruch an. Für diesen Fall haben die Sicherheitskräfte angedroht, die schwimmende Basis "Esperanza" zu stürmen.

"Wir haben keine Pläne, die Sicherheitszonen zu verletzen", hatte Greenpeace-Aktivist Jon Burgwald an Bord des Schiffes im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE noch vor einigen Tagen erklärt. Nun ist Greenpeace offenbar vorgeprescht. Derzeit entscheidet sich, wie die Sicherheitskräfte reagieren.

"Die Konfrontation in der Arktis ist nur der Anfang"

Für Greenpeace sind Erfolgsmeldungen wichtig. "Beyond Oil" heißt die aktuelle Kampagne der Organisation, zu der der Einsatz in der Arktis gehört. Um die Zeit nach dem Öl soll es also gehen - und darum, die Unzulänglichkeiten des britischen Petrol-Riesen BP für eigene Zwecke zu nutzen. Dieser hatte vor dem Untergang der "Deepwater Horizon" mit dem Slogan "Beyond Petroleum" dafür geworben, dass das Unternehmen sich auch für erneuerbare Energien einsetzt. Die Katastrophe im Golf von Mexiko zeigte dann der Welt, wie gefährlich das Geschäft mit dem Öl trotzdem ist.

Greenpeace will die kritische öffentliche Haltung gegen die Ölindustrie jetzt nutzen. "Die Konfrontation in der Arktis ist nur der Anfang", sagt Tzeporah Berman aus der Greenpeace-Zentrale. Die Umweltschützer wollen mit ihrem Einsatz Sympathisanten rekrutieren, Stimmung machen und letztlich erreichen, dass sich Ölfirmen aus der Arktis zurückziehen.

Dafür könnte es im Fall der "Stena Don" allerdings schon zu spät sein - Cairn Energy meldete vergangene Woche zur Vorstellung des Halbjahresberichts einen Teilerfolg bei der Öl- und Gassuche vor Grönland. Erst weitere Untersuchungen können Aufschluss darüber geben, wie reich die Vorräte sind. Insgesamt vier Bohrungen will Cairn dazu in diesem Sommer in den Boden der Baffin Bay treiben, jede etwa vier Kilometer tief.

Mit Material von AP und dpa und AFP
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