Geräuschkulisse der Ozeane Krachmacher Mensch

Dynamitfischen, Offshore-Windparks und Kreuzfahrten: Der Lärm in Ozeanen nimmt laut einem Bericht von Forschern aus elf Ländern massiv zu. Dadurch werden Robben schwerhörig und Wale vertrieben.
Bei über 90 Prozent der Meeressäuger beobachteten die Forscher negative Folgen von Lärm

Bei über 90 Prozent der Meeressäuger beobachteten die Forscher negative Folgen von Lärm

Foto: Ian Montgomery / EyeEm / Getty Images

An Land sind uns Naturgeräusche gewöhnlich vertraut: Vogelzwitschern, Windsäuseln, das Knacksen im Unterholz. Die Geräuschkulisse der Ozeane ist für den Menschen hingegen ein Mysterium. Dabei gibt es Tierarten, die ganz besondere Klanglandschaften erzeugen. Genau wie an Land kommunizieren sie miteinander, etwa bei der Paarung oder der Nahrungssuche.

Diese sensible Geräuschwelt bringt der Mensch immer mehr durcheinander, wie ein internationales Forscherteam in der Zeitschrift »Science«  schreibt. In ihrer Bestandsaufnahme zeigen die mehr als zwei Dutzend Wissenschaftler aus elf Staaten wie Fischerei, Schifffahrt und Offshore-Parks den Tieren schweren Schaden zufügen. Dafür werteten die Forscher rund 10.000 Studien aus.

Ihr Fazit: In den Ozeanen wird es immer lauter. Dabei begann die Lärmbelästigung durch den Menschen erst vor rund 200 Jahren mit der Industriellen Revolution. Vorher störten nur Seebeben, Unterwasservulkane oder das Krachen von Eis die Klangidylle.

Lärm-Kakofonie mit Airguns und Dynamit

Die Lärmbelästigung der Meerestiere hat viele Ursachen: Expeditionen suchen mithilfe von seismischen Druckluftkanonen – auch Airguns genannt – den Meeresgrund nach Bodenschätzen ab. Die geben laute Schüsse über ein breites Frequenzspektrum ab, deren Echos Aufschluss über die Beschaffenheit des Untergrunds geben. Das Militär nutzt Schallimpulse etwa zum Orten von U-Booten. Außerdem kreuzen immer mehr Schiffe über die Ozeane, vom Grund werden Bodenschätze gefördert und in vielen Küstenregionen Südostasiens und Afrikas wird mit Dynamit gefischt.

Auch die Energiewende trägt zu einem höheren Geräuschpegel bei: Beim Bau von Bohrinseln und Offshore-Windparks werden Verankerungen in den Meeresboden gerammt.

»In den letzten 50 Jahren hat der stärkere Schiffsverkehr den niederfrequenten Lärm entlang der Hauptrouten um schätzungsweise das 32-fache verstärkt«, schreiben die Autoren in der Studie.

Der Menschenlärm überlagere die Tierlaute um ein Vielfaches. Die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts (AWI), Antje Boetius, zeichnete in beiden Polarregionen tief unter der Wasseroberfläche Geräusche auf – unter anderem in der zwischen Nordgrönland und Spitzbergen gelegenen Framstraße: »Auf den Aufnahmen hört man ständig die Schallwellen von Technologien zur Suche nach Öl und Gas«, so Boetius. Wenn der Lärm gelegentlich – etwa an Weihnachten – verstumme, komme eine völlig andere Klangkulisse zum Vorschein: »Erst dann hört man die Natur selbst, zum Beispiel die Vielfalt der Wale, die da singen.«

Schwerhörige Robben und Schweinswale

Die Dauerbeschallung ändert laut den Forschern auch das Verhalten der Tiere und macht sie krank. Die Folgen seien bei 80 Prozent der Fische und Wirbellosen zu beobachten, bei Meeressäugern sind es sogar 90 Prozent.

Zur Rohstoffsuche verwendete Schallkanonen könnten bei Meeresbewohnern mitunter bleibende Hörschäden hinterlassen, sagt AWI-Forscherin Ilse van Opzeeland. Nachgewiesen sei das etwa bei Schweinswalen und Robben.

Etliche Arten fliehen vor dem menschlichen Lärm in ruhigere Gewässer. Für viele Meerestiere sei das jedoch nicht möglich, schreiben die Studienautoren. Beispielsweise bei dem in Neuseeland heimischen Maui-Delfin, der vom Aussterben bedroht ist.

Nicht genannt werden in dem »Science«-Bericht Walstrandungen, die Umweltgruppen oft mit Unterwasserlärm in Verbindung bringen. Für die Tötung durch Schall gebe es jedoch keinen eindeutigen Beweis, sagt AWI-Direktorin Boetius. Denn oft hätten tote Meeressäuger auch Mägen voller Müll. Zwar seien Fälle bekannt, bei denen Wale und Tümmler durch Militärübungen oder durch Dynamit-Fischen umgekommen seien. Aber einen Beleg dafür, dass Lärm direkt die Mortalität von Meeresbewohnern erhöhe, gebe es nicht. Andere Folgen seien dagegen »sehr gut belegt«.

Forscher fordern Lärmschutz für die Meere

Bisher werde Lärm in internationalen Vereinbarungen wie dem Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) ignoriert, bemängeln die Studienautoren. »Das Thema ist nicht so prominent, weil es für die Menschen nicht so sichtbar ist wie ein Strand voller Plastikmüll«, sagt Boetius.

Als Ausnahme nennen die Forscher die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie der Europäischen Union: Sie erkennt Lärm ausdrücklich als Stressfaktor an und fordert die Mitgliedstaaten auf, die Lärmverschmutzung zu überwachen und zu verringern. »Auch der Antarktis-Vertrag enthält viele Auflagen – nicht nur für den Zugang für Schiffe, sondern auch auf für die Exploration von Ressourcen – sogar für Schallwellen-gestützte Forschung«, so Boetius.

Für einen flächendeckenden Lärmschutz im Meer empfehlen die Forscher die Regulierung der Schifffahrtsrouten und Tempolimits. Künftig könnten auch Elektromotoren oder geräuschärmere Propeller den Schiffslärm senken.

Der Lärm beim Bau von Offshore-Windparks lasse sich mit technischen Vorkehrungen wie etwa Blasenschleiern (Bubble Curtains) reduzieren – eine Art Schutzschicht aus künstlich erzeugten Blasen im Wasser. Weil der Schweinswal bereits aus vielen Gebieten der Nordsee vertrieben wurde, ist es in deutschen Gewässern inzwischen Pflicht, den Schall beim Einrammen der Pfähle in den Meeresboden zu dämpfen.

sug/dpa