Turmspring-Becken in Rio Warum das Wasser grün wurde

Wie durch Zauberhand wurde das Wasser im Sprungbecken des Aquatics Centers in Rio de Janeiro plötzlich grün. Was könnte die Ursache für die Färbung sein?

Maria Lenk Aquatic Center in Rio de Janeiro
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Maria Lenk Aquatic Center in Rio de Janeiro

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Vielleicht ist ja alles nur ein Scherz. Und vielleicht hat sich einfach jemand heimlich am Pool der Wasserspringer im Maria Lenk Aquatics Center in Rio de Janeiro zu schaffen gemacht und einen Beutel grüne Farbe im Wasser verteilt, um mit der wichtigsten Nationalfarbe des Landes die eigenen Athleten anzufeuern. Denn genau so sieht das Wasser neben dem gigantischen Sprungturm bei den Olympischen Spielen aus - nach einer großen Portion Farbe.

Was hat die rätselhafte Färbung ausgelöst? Diese Frage trieb Athleten, Trainer und Zuschauer um.

Mario Andrada, Sprecher des Organisationskomitees, bestätigte inzwischen, dass Algen an dem Farbwechsel beteiligt waren. Was genau der Auslöser war, werde weiter ermittelt. Eine Sprecherin des deutschen Olympia-Teams teilte inzwischen mit, dass zudem ein Defekt der Umwälzanlage vorliegen würde - bestätigt wurde das vom Organisationskomitee bisher aber nicht.

Andrada beeilte sich hinzuzufügen, dass eine Gefahr für die Gesundheit nicht bestehe - die täglichen Analysen hätten genau die gleichen Ergebnisse erbracht wie bei blauem Wasser.

Schönes Fleckchen für Algen

Die Bedingungen für Algen wären in dem Becken ideal. Es befindet sich unter freiem Himmel. Und Algen, die im Wasser Photosynthese betreiben, lieben Sonnenlicht - sie liefert die Energie für das Wachstum der kleinen Lebewesen. Allerdings gibt es auch Algenarten, die kaum Licht zum Wachstum benötigen; Kläranlagen haben etwa in ihren Rohrsystemen mit der Vermehrung der Rotalge zu kämpfen. Sichtbar sind Algen nicht unbedingt: Großalgenarten können zwar bis zu 60 Meter lang werden, aber Mikroalgen sind mikroskopisch klein.

Sollten die Algen die Ursache für den Farbwechsel gewesen sein, müssten sich geringe Mengen schon länger im Wasser befunden haben, sagt Harald Horn vom Lehrstuhl für Wasserchemie und Wassertechnologie in Karlsruhe. "Allerdings ist es schwer, eine Ferndiagnose zu stellen - wir befinden uns da noch im Bereich von Spekulationen", sagt er.

Damit Algen sich vermehren, benötigen sie Stickstoff- und Phosphorverbindungen. "Da reichen schon geringste Mengen", sagt Horn. Um ihnen diese Nährstoffe zu entziehen, fließt das Wasser in den meisten Schwimmbädern über eine Überlaufrinne in einen Speicher. Dort wird ein Flockungsmittel hinzugegeben, das Phosphat und andere Schmutzteile bindet, die dann herausgefiltert werden. Auch die Dosierung des Mittels könnte eine Rolle in Rio gespielt haben.

Ozon, Chlor oder Membranfilter

In Deutschland wäre es sehr unwahrscheinlich, dass Algen in Schwimmbadwasser gelangen - das Wasser in den Anlagen kommt aus dem städtischen Trinkwassernetz, das streng kontrolliert wird.

Zudem gibt es verschiedene Systeme zur Reinigung und Desinfektion der Becken:

  • Aufbereitungsanlage, die mit Chlor laufen,
  • Anlagen, die mit Ozon betrieben werden
  • und neuere Systeme, bei denen mit Membranfiltern Mikropartikel und damit auch Algen abgetrennt werden.

Chlor wird in Schwimmbädern nicht hinzugegeben, um Algenwachstum einzudämmen, sondern um zu desinfizieren und für Menschen gefährlichen bakteriellen Befall zu verhindern. "Aber auch Algen sollten in gechlortem Wasser keine Chance haben", sagt Horn. Zudem gehe bei Chlor-Anlagen selten etwas schief. "Das Chlor erzeugt eine Depotwirkung", sagt Horn. Um einen Effekt wie in Rio zu erzielen, "müsste schon die komplette Chlorung ausgestellt worden sein". Allerdings gebe es Hinweise auf Algen, die eine gewisse Resistenz gegen Chlor haben.

Schwieriger wird es mit Ozon-Systemen. Bei einem Ausfall geht die Desinfektionswirkung sehr schnell verloren. Auch Membranfilter sind zumindest bei einem Massenwachstum von Algen in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt. "Das kann bis zum Totalausfall gehen", so Horn.

Dass Rios Sprecher des Organisationskomitees keine Gesundheitsgefahr für die Wasserspringer sieht, hält Horn zumindest für den Algenfall für schwierig. "Dann könnte durchaus Gefahr bestehen. Es gibt Algen, die toxische Substanzen produzieren."

Wenn sich Algen im Wasser befinden, lasse sich das sehr schnell über mikroskopische Analysen erkennen - welche es dann genau sind, kann aber meist erst durch genauere Untersuchungen beantwortet werden.

Falls es ein reines Algenproblem sein sollte, gibt es eine schlechte Nachricht für die Athleten: "Dann müsste das Wasser komplett ausgetauscht und die Anlage gereinigt werden", sagt Horn.

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insgesamt 34 Beiträge
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Anselm Eggert 10.08.2016
1. Uranin!
Guckst Du hier: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Fluorescein Das scheint mir doch recht eindeutig. Ein hübscher Scherz!
fredadrett 10.08.2016
2. Was sagt das über die Wassertest aus
Wenn die Tests gleiche Ergebnisse wie bei blauen Wasser liefern ohne Algen liefern sind die Tests nicht aussagekräftig. Das sollte Einem zu denken geben. Sind das die gleichen Test wie für Trinkwasser?
taglöhner 10.08.2016
3. Wasserlabor
Um festzustellen, ob Algen die Ursache sind, hätte man keine 3 Minuten gebraucht. Mikroskop reicht. Da es über Nacht passierte sowieso eine unsinnige Annahme. Der Verdacht von #1 klingt daher überzeugend. Interessant ist der Umstand, dass der Wettbewerb gestartet wurde, bevor die Ursache feststand.
j1958 10.08.2016
4. Umgekippt
Mich wundert all das Geraetsel ueber diesen Zustand - der Pool ist einfach biologisch "umgekippt", was auch anderswo gelegentlich vorkommt. Man sieht die Schatten der Springer bei den Unterwasseraufnahmen in der Bruehe nur verschwommen, solange nicht mehr Schatten als Springer zu erkennen sind besteht kein Anlass zur Besorgnis.
permissiveactionlink 10.08.2016
5. Zellteilungsrate ?
Auf der Südhalbkugel ist gerade Winter, die Tag-und Nachtgleiche wird erst um den 22.September erreicht. Deshalb ist momentan eine Nachtlänge von 13-14 Stunden realistisch. Nimmt man an, dass dort einzellige Algen gewachsen sind, und des weiteren, dass sich diese einmal in der Stunde teilen (Bakterien schaffen das in 20 min.), dann ist in dem Beckenvolumen von 3750 Kubikmeter in der Nacht eine Vermehrung der Algen um den Faktor 16000 ( entspricht ca. 2^14) möglich. Warum diese photosynthetisch aktiven Organismen allerdings nur nachts wachsen sollten ist eher ungewöhnlich : Wahrscheinlich fällt eine sehr geringe Grünfärbung des Wasser zunächst nicht auf, erst wenn die Konzentration sehr hoch wird, ist ein Grünton bemerkbar. Noch ein Hinweis : Im Meer sind nicht Phosphat oder Nitrat der begrenzende Faktor für das Wachstum von Phytoplankton, sondern Eisen. Ein kleiner Schuss FeSO4 (Eisen(II)sulfat) in das Beckenwasser könnte ein explosives Wachstum ausgelöst haben, falls genug Phosphat und Nitrat im Becken war. Auf diese Weise wollte man einmal den Südpazifik düngen, da er sehr Nährstoffarm ist und man so auch CO2 aus der Atmosphäre binden kann.
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