Zooplankton für Omega-3-Kapseln Fischfutter fischen statt Fische fangen

Omega-3-Fettsäuren sind gesund – aber ihr Lieferant wird knapp: Fisch. Im Nordatlantik fängt ein Unternehmen deshalb jetzt die Nahrung der Fische: Zooplankton, kleinste Krustentiere. Was halten Forscher davon?
Verschiedene Arten Zooplankton

Verschiedene Arten Zooplankton

Foto: IMAGO

Mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren sind gut für die Gesundheit. Das unter anderem in Fisch enthaltene Öl hält Zellmembranen geschmeidig. Das hilft gegen Entzündungen, für Herz und Gehirn. Ob deshalb als Ersatz für eine fischreiche Ernährung zu Fischölkapseln gegriffen werden sollte, ist umstritten – medizinische Studien  und Verbraucherschützer  sehen eher keinen Zusatznutzen, bei hoher Dosierung sogar eher ein zusätzliches Risiko . Dennoch ist die Nachfrage nach den gelblichen Kapseln geradezu explodiert. Etliche Fischarten gelten inzwischen als überfischt, wohl auch wegen der Jagd auf Omega 3.

Die norwegische Firma Zooca hat nach eigener Ansicht eine nachhaltige Alternative gefunden: Das Öl lässt sich auch aus reichlich vorhandenen kleinen Meerestieren (Zooplankton) gewinnen, genauer aus einer winzigen roten Krustentierart namens Calanus finmarchicus, die im Europäischen Nordmeer verbreitet vorkommt. Deren Fettsäuren seien sogar besonders wertvoll, heißt es in einer Studie , hilfreich auch gegen Diabetes und andere durch Übergewicht bedingte Krankheiten.

Seit 2020 hat Zooca mit dem kommerziellen Fischfang vor der norwegischen Küste begonnen und entwickelt jetzt die Fangtechnik weiter. »Heute fischen wir rund tausend Tonnen jährlich, aber das Ziel ist, in fünf Jahren zehnmal so viel zu fangen«, sagte Zooca-Chefin Siv-Katrin Ramskjell dem britischen »Guardian« . Außer für Nahrungsergänzungsmittel ließe sich der Fang auch als Futter für Fischfarmen gebrauchen. Im Meer gilt das Zooplankton als wichtige Lebensgrundlage für Fische wie Makrelen, Heringe oder Kabeljau.

Auch die Färöer wollen jetzt in das Geschäft einsteigen. Die zu Dänemark gehörende autonome Inselgruppe im Nordatlantik vergab Fanglizenzen für 125.000 Tonnen der dort als Reyðæti (rotes Plankton) bekannten Tiere. Diese ernähren sich im Sommer von kleinsten Algen oder Bakterien (grünem Phytoplankton) in den oberen Wasserschichten und treiben den Rest des Jahres in einem langen Winterschlaf weiter unten mit der Meeresströmung, bis die meisten von ihnen in der Kälte der Tiefsee sterben. Vorher ließe sich ein Teil davon recht mühelos in einem engen Kanal fangen. Der »Guardian« sprach mit einem färingischen Lehrer, der von einem Leben als Fischer träume und dies nun mithilfe von Zooca wahr machen wolle. Ein Kilogramm bringt gut 1,30 Euro.

»Ohne Studien einfach loszulegen, ist töricht«

Doch die neue Art des Fischfangs ist umstritten. Vor allem die traditionelle, auf Kabeljau spezialisierte Fischindustrie fürchtet um ihren Fang, wenn dem das Futter ausbleibt. »Wir waren nicht gut genug darin, uns um unsere Bestände zu kümmern«, räumte Tom Vegar Kiil, Chef des norwegischen Küstenfischerverbands, mit Blick auf das 2021 entzogene Nachhaltigkeitslabel des Marine Stewardship Council ein. Aber die in Norwegen, anders als auf den Färöern, ganzjährig erlaubte Planktonfischerei drohe das Problem mit Beifang von Larven und Jungfischen noch zu verschlimmern. Und wenn dann noch Aquakulturen für Garnelen oder Lachs auf den Geschmack kämen, drohe Druck auf höhere Fangquoten. Die ganze Idee sei kurzsichtig.

»Wir fangen weniger als 0,01 Prozent der Quote, die nach Ansicht des Meeresforschungsinstituts nachhaltig ist«, beteuerte Zooca-Chefin Ramskjell. Auch den Beifang könne man minimieren.

Meeresforscher wie der auf Zooplankton spezialisierte Peter Wiebe von der Woods Hole Oceanographic Institution im US-Staat Massachusetts geben jedoch den Fischern recht. Die aktuell gefischten Mengen fielen nicht ins Gewicht. Wenn sich die Industrie aber kommerziell etabliere, werde sie schnell größere Mengen anpeilen. Und es fehle noch an Studien, wie sich das Fangen des Zooplanktons auf größere Meerestiere, die sich ebenfalls davon ernähren, und letztlich auf das ganze Ökosystem auswirken werde. »Ohne diese Studien einfach loszulegen, ist töricht.«

Javier Lopez von der Meeresschutzorganisation Oceana sieht in dem neuen Geschäft »ein Beispiel für die Gier der Menschheit, immer nur auszubeuten«. Auch wenn es aktuell noch keinen ökologischen Effekt gebe, sollte gar nicht erst eine Abhängigkeit von diesen Ressourcen des Meeres geschaffen werden.

ak
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