Operation "Top Kill" BP vertröstet US-Regierung aufs Wochenende

Erfolgsmeldungen, ein neuer Rückschlag - und nun wieder ein bisschen Hoffnung: BP hat die Operation "Top Kill" nach stundenlanger Pause fortgesetzt. Das Unglücks-Bohrloch im Golf von Mexiko ist noch immer nicht geschlossen und verliert mindestens doppelt so viel Öl wie bisher angenommen.
Operation "Top Kill": BP vertröstet US-Regierung aufs Wochenende

Operation "Top Kill": BP vertröstet US-Regierung aufs Wochenende

Foto: HO / REUTERS

Washington - Die Zitterpartie im Golf von Mexiko dauert an. Der Ölkonzern BP blieb zunächst erfolglos mit seinem Versuch, das Bohrloch am Meeresgrund zu verschließen. Es könne noch bis zum Wochenende dauern, bis feststehe, ob die Operation "Top Kill" die sprudelnde Ölquelle tatsächlich zum Versiegen bringt, sagte BP-Manager Doug Suttles am Donnerstagabend (Ortszeit) in Robert, Louisiana. Der Ausgang der Aktion sei völlig offen.

Nach einer vorübergehenden Unterbrechung wurde die Operation "Top Kill" zur gleichen Zeit fortgesetzt. Mit großem Druck wurde wieder Schlamm in das Leck am Meeresboden gepumpt. Die mehrstündige Pause sollte dazu dienen festzustellen, ob bereits Erfolge im Kampf gegen das austretende Öl zu verzeichnen sind. Außerdem musste neues Material herangeschafft werden.

BP-Manager Suttles sagte, er sei nicht überrascht, dass das Vorhaben länger dauere als erwartet. Die Operation "Top Kill" verlaufe wie geplant, erklärte BP. Zugleich räumte der Konzern aber ein, dass Bohrschlamm aus der undichten Leitung in 1500 Metern Tiefe ausgetreten sei. Dies sei zwar "nicht ideal", weise aber nicht zwangsläufig auf ein Problem hin, sagte BP-Sprecher Tom Mueller. Ähnlich zurückhaltend äußerte sich Suttles. Die Pausen seien in dem Verfahren vorgesehen. "Es ist nichts schiefgegangen, und es läuft nichts anders als geplant."

Bei der "Top Kill"-Methode werden teilweise mehr als 8000 Liter Schlamm pro Minute durch das Sicherheitsventil ("Blowout Preventer"), das auf dem Bohrloch sitzt, gegen den Ölstrom gepumpt. Aussagen der US-Küstenwache, der Austritt von Öl und Gas sei dadurch am Donnerstag für kurze Zeit unterbrochen worden, bestätigte Suttles nicht. Die Menge sei für eine gewisse Zeit deutlich geringer gewesen, sagte er.

BP lässt neue Schlammladungen bringen

BP analysiere nach jedem Schlammstoß, mit welchem Druck das Öl aus der Quelle nach oben strömt. "Wir hören auf zu pumpen und messen. Wenn der Druck wieder steigt, dann fangen wir wieder an zu pumpen", sagte Suttles. Erst wenn der Gegendruck niedrig genug sei, um das Bohrloch mit Zement schließen zu können, sei die Operation erfolgreich beendet.

In der Zwischenzeit würden die drei Versorgungsschiffe an der Meeresoberfläche mit neuem Bohrschlamm aufgefüllt. Die Frage, ob BP während der Aktion der Schlamm ausgegangen sei, verneinte Suttles.

Für den Fall des Scheiterns stünden bereits Ersatzmethoden bereit. Darunter ein zweiter "Blowout Preventer", der auf den ersten gesetzt werden kann, um den Ölfluss zu stoppen. Zudem sei ein 1,50 Meter hoher Zylinder aus Stahl einsatzbereit, der über das größere von zwei Lecks in einem Steigrohr gestülpt werden könne, aus denen seit mehr als vier Wochen das Öl ins Meer strömt. Über eine Leitung an dem Zylinder könnte das aufgefangene Öl-Wasser-Gemisch nach oben in ein Schiff gepumpt werden. Vor mehr als drei Wochen war das Ölunternehmen mit einem ähnlichen Versuch gescheitert.

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Golf von Mexiko: Die schwarze Flut erreicht die Küste

Foto: NASA / Michon Scott

Die Ölpest hat BP bislang schon fast eine Milliarde Dollar gekostet. Die Kosten beliefen sich bis jetzt auf 930 Millionen Dollar (759 Millionen Euro), erklärte das Unternehmen am Freitag in London. In der Summe enthalten seien die Kosten für den Schutz der Küsten vor dem austretenden Öl, für die Reinigung und die Versuche, das lecke Ölbohrloch abzudichten sowie Entschädigungszahlungen. Noch sei es aber "zu früh" zu sagen, welche Gesamtkosten die Explosion der Ölbohrplattform "Deepwater Horizon" vor gut einem Monat verursachen werde.

Experten der US-Regierung sprechen derweil von der schlimmsten Ölpest, die es je in den USA gegeben hat. Sie korrigierten die Schätzungen über die Menge des austretenden Öls dramatisch nach oben. Seit dem Sinken der Bohrinsel "Deepwater Horizon" am 22. April seien insgesamt mehr als 36.700 Tonnen Öl ins Meer gelangt. Damit hätte die Ölpest - gemessen an der Menge - die von 1989 übertroffen. Damals war der Tanker "Exxon Valdez" vor der Küste Alaskas verunglückt, und es waren schätzungsweise rund 35.000 Tonnen Öl ausgetreten.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass täglich zwischen etwa 1600 und 3400 Tonnen Rohöl ins Meer strömen, sagte die Direktorin der US-Geologiebehörde USGS, Marcia McNutt. Bislang war offiziell eine Menge von rund 700 Tonnen genannt worden. Zahlreiche Fachleute hatten diese Angabe jedoch angezweifelt. McNutt betonte, auch die jüngsten Schätzungen seien nur vorläufig. Man betrachte "eine höchst dynamische, komplexe Lage".

Obama gibt Fehler in der Einschätzung zu

Als Konsequenz aus der Ölkatastrophe kündigte Barack Obama eine härtere Gangart gegenüber der Ölindustrie an. "Diese Ölpest hat gezeigt, wie sehr Reformen nötig sind", sagte er am Donnerstag in Washington. Es werde für die Firmen künftig wesentlich schwerer, Genehmigungen für Bohrungen in tiefen Küstengewässern zu erhalten. Außerdem würden die Sicherheitsanforderungen verschärft. Der Präsident sagte, er wolle die "behagliche und manchmal korrupte Beziehung" zwischen den Behörden und der Ölindustrie beenden.

Als Sofortmaßnahme verlängerte die Regierung den Zeitraum, in dem keine neuen Tiefsee-Ölbohrungen zugelassen wird, um sechs Monate. Dieses Moratorium war nach dem Unglück verhängt worden. Zudem setzte Obama zwei geplante Probebohrungen vor Alaska aus und stoppte Verpachtungen im Golf vom Mexiko und vor der Küste des Bundesstaates Virginia. Auch mehr als 30 laufende Bohrungen im Golf wurden auf Eis gelegt.

Obama gestand angesichts der Umweltkatastrophe ein, zu gutgläubig gegenüber der Ölindustrie gewesen zu sein. "Es war ein Fehler von mir zu glauben, die Ölkonzerne wüssten, was im Fall der Fälle zu tun sei", sagte er. "Ich habe mich geirrt."

ffr/apn/dpa/AFP
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