Orang-Utan-Auswilderung Kulturschock für die Menschenaffen

Von Dominik Baur

2. Teil: Zwei Jahre reichen, um im Wald zurechtzukommen


Hoffnung auf eine zweite Popuation

Bukit Tigapuluh, zu deutsch die 30 Hügel, scheint ideal, um dort konfiszierte Orang-Utans auszuwildern: Hier leben keine Orang-Utans mehr, der letzte - so legen es Quellen der niederländischen Kolonialherren nahe - wurde um 1830 gesichtet. Deshalb schickte die Zoologische Gesellschaft Frankfurt Peter Pratje Ende der neunziger Jahre dorthin, um eine Auswilderungsstation für Sumatra-Orang-Utans aufzubauen.

Pratje hofft nun, mit den neuen Orang-Utans in dem 130.000-Hektar-Park eine zweite überlebensfähige Population auf Sumatra aufzubauen. So hätte man noch einen Ersatz-Genpool, sollte den Tieren im Gunung-Leuser-Ökosystem etwas zustoßen. Die Orangs, die hier eine neue Heimat finden, haben den Wald meist nur für wenige Wochen oder Monate als Babys kennengelernt. Den Rest ihres Lebens haben sie unter Menschen verbracht. Für sie ist die neue Freiheit ein Kulturschock: Sie halten sich selbst für Menschen und müssen erstmal lernen, dass sie Orang-Utans sind.

Ricky etwa. "Sie war komplett fehlgeprägt auf den Menschen", erzählt Pratje. "Als sie zum ersten Mal mit anderen Orang-Utans zusammengetroffen ist, hat sie das sehr verstört, weil sie sich selbst für einen Menschen gehalten hat. Nach der Auswilderung ist sie dann irgendwann ins Camp zurückgekommen, ist in mein Haus eingebrochen, hat sich meinen Schlafsack geschnappt, ihn im Badezimmer in Wasser eingeweicht und angefangen, damit den Boden aufzuwischen. "

Die meisten der Orang-Utans sind noch recht jung, wenn sie in den Wald entlassen werden. Nachdem sie sich ein paar Wochen oder Monate im Käfig an die neue Umgebung gewöhnt haben, wird einfach die Tür zum Wald hin geöffnet, und die Tiere können hinaus. Das geschieht während der Jahreszeit, in der die Bäume die meisten Früchte tragen. Finden sie dennoch nicht genug Futter, können die kleinen Orang-Utans zu den gewohnten Essenszeiten zur Käfiganlage zurückkehren und sich dort ein paar Früchte abgreifen. Die größeren Tiere - vor allem die wegen ihrer Körperkraft gefährlichen Männchen - werden im Käfig etliche Kilometer weit in den Wald gebracht und dort ausgesetzt.

Erster Nachwuchs in Bukit Tigapuluh

Mit dem bisherigen Erfolg des Projekts ist Pratje zufrieden. Rund 100 Tiere wurden bereits ausgewildert. Da Pratje von einer für Auswilderungsprojekte sehr hohen Überlebensrate von etwa 70 bis 75 Prozent ausgeht, wäre mit 200 Tieren eine Zahl erreicht, die für eine gute Gründerpopulation ausreichen könnte. Und inzwischen gibt es sogar schon den ersten Nachwuchs in Bukit Tigapuluh. "Wir wissen definitiv von vier Orang-Utans, die in unserem Programm geboren wurden und die hier im Wald sind."

Je kürzer die Tiere in menschlicher Obhut waren, desto besser klappt die Auswilderung. Selbst wenn sie als Babys vielleicht nur kurze Zeit im Wald gelebt haben, bis Wilderer ihre Mutter umbrachten und sie selbst als Haustier an einen jener reichen Indonesier verkauften, die sich gern einen Menschenaffen als Statussymbol halten. "Es scheint", sagt Pratje, "dass das, was sie in zwei Jahren von der Mutter lernen, ausreicht als Repertoire, um wieder im Wald zurechtzukommen."

In der Wildnis bleiben Orang-Utans sieben bis zehn Jahre bei ihrer Mutter. Sie lernen von ihr, welche Früchte sie fressen können, wann welche Bäume Früchte tragen oder etwa wie man eine stachlige Durio-Frucht öffnet. Pratje kann den Waisen ihre Mutter nicht ersetzen. Alles, was er versuchen kann, ihnen mit auf den Weg zu geben, ist, wie sie sich in den Jahreszeiten über Wasser halten können, in denen es nicht Früchte im Überfluss gibt. So sitzt der Artenschützer von Zeit zu Zeit mit einem Termitennest vor dem Käfig, bricht es auf und schlürft vor den Augen der Orang-Utans scheinbar Termiten aus den feinen Gängen des Nestes. Die machen es ihm nach und lernen so eine das ganze Jahr über verfügbare Nahrungsquelle kennen.

Allerdings macht sich der 45-Jährige keine Illusionen. Einige seiner Schützlinge, so vermutet er, werden nie wirklich selbständig werden. Temara etwa, die Orang-Utan-Dame aus Perth, könnte so ein Fall sein. "Aber selbst wenn wir sie den Rest ihres Lebens zufüttern müssen, ist es natürlich ein sehr viel besseres Leben als in irgendeiner Käfiganlage."

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