Angriff auf die größten Tiere der Erde Orcas töten Blauwale – auch weil ihnen die Zunge so gut schmeckt

Orcas können hochspezifische Jagdtechniken über viele Generationen vererben. Nun haben Forscher vor der Küste Australien beobachtet, wie Schwertwale zusammenarbeiteten, um einen Blauwal zu erledigen. Ein blutiges Schauspiel.
Orca-Angriff auf einen Blauwal in der westaustralischen Bremer Bay (April 2019)

Orca-Angriff auf einen Blauwal in der westaustralischen Bremer Bay (April 2019)

Foto: John Daw / Australian Wildlife Journeys

Mit wie viel Geschick, aber auch Brutalität Orcas bei der Nahrungssuche vorgehen können, ist faszinierend. Meeresforscher haben Attacken der schwimmenden Jäger auf Seelöwen, Fische aber auch Grauwale dokumentiert. Vor Spanien gab es 2020 sogar Angriffe auf Sportboote. Ein australisch-amerikanisches Team berichtet nun im Fachmagazin »Marine Mammal Science«  darüber, dass die Schwertwale auch Blauwale angreifen, die größten Tiere des Planeten. Insgesamt werden drei Angriffe in der westaustralischen Bremer Bay dokumentiert.

Für die Attacken schlossen sich die Tiere den Angaben der Forscher zufolge zusammen. Es ist bekannt, dass Orcas hochspezifische Jagdtechniken über viele Generationen vererben können. Bei einem der beschriebenen Angriffe auf einen offenbar gesunden, 18 bis 22 Meter langen Blauwal im Frühjahr 2019 kooperierten demnach nicht nur mindestens zwölf Orcas, mehrheitlich weibliche Tiere, auch jüngere Individuen schauten zu.

Die Weibchen versorgen ihre Jungen mit Nahrung, daher müssen sie wohl häufiger jagen als die Männchen, so die Forscher. Das veranlasse sie möglicherweise eher zu Angriffen. Nach der mehr als eine Stunde ununterbrochen andauernden Jagd auf den Blauwal hätten sich mehr als 50 Schwertwale zum Fressen zusammengefunden. Dabei sei auffällig gewesen, dass sich die Tiere untereinander die Nahrung nicht streitig gemacht hätten.

Hohen Wert scheinen die Angreifer auf die besonders nahrhafte Zunge der erlegten Blauwale zu legen. Die Forscher dokumentierten mindestens zwei Fälle, in denen ein Orca sich gezielt auf der Suche nach diesem riesigen Muskelstück ins Maul der getöteten Wale vorkämpfte.

Gemeinsame Jagd mit Menschen

Die besondere Vorliebe der Tiere für Zungen und Lippen ihrer Beutetiere scheint auch eine Anekdote  aus dem frühen 20. Jahrhundert in Australien zu belegen. Dort hatten eine Gruppe von Orcas offenbar gezielt mit Walfängern zusammengearbeitet – die Schwertwale hatten den Menschen gezielt Bartenwale so zugetrieben, dass diese leicht zu töten waren. Dafür durften sie bei den erlegten Walen die Lippen und die Zunge abfressen – und ließen den Rest der Körper für die Menschen übrig.

Orcas haben keine speziellen Vorlieben bei der Jagd auf Säugetiere. Nach Ansicht des Meeresökologen Robert Pitman von der Oregon State University, einer der Autoren der Studie, könnten die Angriffe auf die Blauwale eine Rückkehr zur Normalität sein – weil sich die Walpopulationen nach Jahrhunderten der kommerziellen Jagd durch Menschen inzwischen erholen. »Vielleicht sehen wir jetzt, wie der Ozean früher aussah, bevor wir die meisten großen Wale ausgerottet haben«, so  der Forscher.

Eine Orcagruppe, die einen Blauwal erlege, sei »das größte Raubtierereignis auf der Erde, vielleicht das größte, seit es Dinosaurier gibt«, erklärte  Pitman, weiter. Vor dem Walfangzeitalter gab es nach Schätzungen weltweit etwa 300.000 Blauwale. Aktuell wird ihre Zahl auf 15.000 bis 20.000 geschätzt – mit vermutlich steigender Tendenz.

chs