Orientierung Tiere haben GPS-Ersatz im Kopf

Sich in unbekanntem Terrain souverän zurechtfinden, das gelingt vielen Tierarten spielend. Wüstenameisen orientieren sich am Sonnenlicht, Rotkehlchen haben einen eingebauten Kompass. Ein Streifzug durch die Navigationstechniken der Natur.


Leinfelden - "Abbiegung rechts vor Ihnen. Drehen Sie wenn möglich um. Nehmen Sie die Ausfahrt" - ohne Anweisungen aus dem Navigationssystem sind viele Autofahrer in fremden Städten aufgeschmissen. Wie schön wäre es, wenn man den GPS-Empfänger gleich im Kopf hätte, wird sich so mancher Orientierungslose in einer solchen Situation denken.

Doch was für Menschen noch lange in den Bereich der Science-Fiction gehört, ist im Tierreich längst gang und gäbe: Tauben, Fische, Eulen oder Ameisen sind dank ungewöhnlicher Sinnesleistungen wahre Orientierungsexperten.

Für manche Tiere seien die wichtigsten Hilfsmittel beim Navigieren ihre Augen, berichtet das Magazin "Bild der Wissenschaft" in seiner Juli-Ausgabe. Dazu gehört beispielsweise der in Amerika beheimatete Kiefernhäher: Er besitzt eine Art fotografisches Gedächtnis für markante Punkte in der Landschaft. Damit gelingt es ihm, jedes Jahr bis zu 300.000 Samen zu verstecken und sie Monate später wieder zu finden.

Auch Tauben nutzen nicht nur das Magnetfeld der Erde, sondern beobachten zusätzlich die Landschaft: Sie orientieren sich an auffälligen Landschaftsmerkmalen und sogar an Autobahnen und Bahnlinien, um zurück zu ihrem heimischen Schlag zu kommen.

Einen Blick für ganz besondere Wegweiser haben Wüstenameisen: Sie können mithilfe von speziellen Sehzellen am Rand ihrer Augen das sogenannte Polarisationsmuster der Sonne sehen. Es entsteht, wenn die ungeordneten Photonen des Sonnenlichts die Atmosphäre durchqueren und dabei gefiltert werden, so dass nur Lichtwellen mit einer bestimmten Schwingungsrichtung schließlich die Erde erreichen. Da sich das Muster dieser Schwingungen im Lauf des Tages verändert, hilft es den Ameisen in Verbindung mit dem Sonnenstand, die Himmelsrichtungen zu bestimmen.

Das Polarisationsmuster ist nicht die einzige Orientierungshilfe für die Ameisen. Sie verfügen außerdem noch über eine Art eingebauten Rechner, der wahrscheinlich auf der Basis der auf dem Weg verbrauchten Energie funktioniert. Mit dessen Hilfe können sie Steigungswinkel und Streckenlängen verrechnen.

Navigieren mit dem Sonnenlicht

Zur Sicherheit merken sich die kleinen Insekten zusätzlich noch die prägnantesten Punkte rund um ihr Nest. Mit diesem Paket gelingt es ihnen, selbst nach weiten Ausflügen den kürzesten Weg zurück zu finden - auch ohne die sonst von Ameisen verwendeten Duftspuren.

Mehr auf ihre Ohren als auf ihre Augen verlassen sich dagegen Schleiereulen bei ihrer nächtlichen Jagd. Die Hörorgane der Tiere sind jeweils von einem Trichter aus speziellen Federn umgeben, die den Schall in die hinter den Augen liegenden Ohröffnungen leiten. Der Trick dabei: Die Federtrichter sind etwas unterschiedlich ausgerichtet, so dass Schallwellen immer zuerst das eine und dann das andere Ohr erreichen. Auf diese Weise können die Vögel sehr genau feststellen, wo sich der Verursacher eines Geräuschs befindet.

Extrem gut hören können auch Motten. Sie achten peinlich genau darauf, jeden Ultraschallton ihrer Todfeinde, der Fledermäuse, wahrzunehmen, so dass sie ihnen schnellstmöglich aus dem Weg gehen können - eine Taktik, die auch Heringe und Maifische anwenden, um ihren Fressfeinden, Walen und Delfinen, zu entkommen. Eher einen wegweisenden Charakter haben dagegen die Lautäußerungen von Rifffischen: Sie kommunizieren nicht nur mithilfe ihrer Schwimmblasen, sondern helfen mit dem Lärm auch verirrten Jungtieren, den Weg zurück zu finden.

Magnetnadel im Kopf

Die beste Orientierungshilfe ist jedoch das Magnetfeld der Erde. Die Tiere, die Magnetismus wahrnehmen können - wie Vögel, Schildkröten, einige Insekten, Nacktmulle und Langusten - vollbringen schier unglaubliche Leistungen, berichtet "Bild der Wissenschaft".

So finden beispielsweise Meeresschildkröten nach einer 20 Jahre andauernden Reise durch die Weltmeere problemlos ihren Geburtsstrand wieder - einfach, indem sie sich an Intensität und Besonderheiten des Magnetfeldes orientieren. Auch Tauben benutzen eine magnetische Landkarte: Sie messen die Intensität des Feldes mithilfe von kleinen Eisenoxidmolekülen in ihrem Schnabel und können so jederzeit die Richtung festlegen, in die sie fliegen müssen.

Rotkehlchen besitzen ebenfalls einen eingebauten Kompass, und zwar einen ganz besonderen: Er sitzt im rechten Auge und ermöglicht ihnen eventuell sogar, das Magnetfeld nicht einfach nur wahrzunehmen, sondern es tatsächlich zu sehen.

Verantwortlich dafür ist nach Ansicht von Henrik Mouritsen von der Universität Oldenburg wohl eine Gruppe von Eiweißen, die so genannte cryptochromen Proteine. Sie reagieren auf Magnetfelder mit chemischen Reaktionen - und übersetzen auf diese Weise möglicherweise die unsichtbaren magnetischen Informationen in optische Reize.

Ilka Lehnen-Beyel, ddp



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.