Ostsee Die lange Suche nach den Geisternetzen

Abertausende verlorene Fischernetze treiben in den Ozeanen, sie bedrohen Lebewesen. In der Ostsee sollen die Geisternetzte jetzt geborgen werden - mit Geräten aus der Landwirtschaft.

Taucher befreit Seeskorpion aus Geisternetz in der Ostsee
DPA

Taucher befreit Seeskorpion aus Geisternetz in der Ostsee


Geisternetze sollen in internationaler Zusammenarbeit aus der Ostsee geholt werden. Umweltverbände aus Deutschland, Schweden, Estland, Finnland und Polen haben zusammen mit Fischern ein Projekt gestartet, um die verloren gegangenen Netze zu beseitigen.

Es sieht vor, eine neue Bergungsmethode zu testen und eine Hotspot-Karte mit Feldern der Netze zu erarbeiten, wie Projektleiterin Gabriele Dederer von der Umweltorganisation WWF sagte.

Schätzungen zufolge gehen in der Ostsee jährlich bis zu 10.000 Kunststoffnetze oder Teile davon verloren. Sie treiben als Plastikmüll umher, landen auf dem Meeresboden und können zur tödlichen Falle für Meerestiere werden.

200 Kilogramm schwere Egge

Bislang haben Taucher vor der deutschen Ostseeküste die nicht verrottbaren Kunststoffnetze von alten Wracks gelöst - insgesamt zwei Tonnen. In diesem Jahr soll nun testweise eine 200 Kilogramm schwere Egge eingesetzt werden, die über den Meeresboden gezogen wird.

Eggen werden sonst in der Landwirtschaft verwendet. Die Geräte aus Metallstreben mit Zinken lockern normalerweise Bodenschichten vor der Saat.

Polen habe mit dem Einsatz des einen Meter breiten Gerätes gute Erfahrungen gemacht, sagte Dederer. So seien dort im Jahr 2015 rund 270 Tonnen Netze geborgen worden.

Der Einsatz von Tauchern sei zwar sehr gezielt, aber auch kosten- und zeitintensiv. Mit der Egge könnten größere Areale abgesucht werden, sagte Dederer zum testweisen Einsatz vor Rügen und Usedom. Dort wird ab Juli ein Fischer auf Suche nach den Geisternetzen gehen.

Das Projekt namens "Marelitt Baltic" wird auch untersuchen, wie umweltverträglich der Einsatz der Egge ist und ob Habitate geschädigt werden. Ergebnisse sollen im Frühjahr 2017 vorliegen.

Eine Tonne Netze vor Sylt

Die schwedischen Projektpartner analysieren laut Dederer, wie Netze möglicherweise durch Signalgeber markiert werden können, um sie bei Verlust schneller zu finden. Zudem soll an Materialien geforscht werden, die sich früher als das bislang bei Netzen genutzte Nylon oder PET im Wasser abbauen und die Umwelt nicht so belasten.

Polen arbeitet zudem an der Erstellung einer Karte mit Hotspots, in denen sich besonders viele Geisternetze befinden.

Plastik zersetzt sich sehr langsam über Hunderte oder Tausende Jahre. Zudem belasteten winzige Stücke das Meer weiter als Mikroplastik, sagte Dederer. Die Teile gelangten über Tiere in die Nahrungskette.

Nach Angaben von Greenpeace landen bis zu 25.000 Fischernetze jährlich in den europäischen Meeren. Die Umweltorganisation hatte im Frühjahr rund eine Tonne Netze in der Nordsee bei Sylt geborgen. Deutschland ignoriere die EU-Fischereikontrollverordnung, die die Bergung und Entsorgung verloren gegangener Netze regele, kritisierte Greenpeace.

Testen Sie Ihr Wissen!

boj/dpa

insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
felisconcolor 22.06.2016
1. Gibt
es eine Meldepflicht für denjenigen der ein Netz verliert? Strafzahlungen pro verlorenes Netz? Damit liessen sich die Kosten für eine spätere Bergung doch finanzieren. Birgt der Eigner sein Netz selbst, bleibt er ohne Belastung. Weiterhin für die Zukunft müssen Netze zur Authentifizierung des Eigners gekennzeichnet werden. Ala Ohrmarke. Ich schätze da würden die Leute besser auf ihr Material aufpassen.
cindy2009 22.06.2016
2. @felsinconcolor
Sind Sie sich sicher, dass einem Fischer egal ist, ob sein Netz verloren geht? Das ist doch kein Verschleiß Teil. Ihre Forderung ist doch gar nicht der Realität angeglichen.
phboerker 22.06.2016
3. @Nr. 1
Vermutlich gibt es mannigfaltige rechtliche Hürden für so eine Lösung. Es handelt sich um ein internationales Problem, das auch noch großenteils in internationalen Gewässern stattfindet.
Thorkh@n 22.06.2016
4. Wie groß ...
... das Fischernetzproblem ist, kann man eindrucksvoll auf Helgoland beobachten. Die in der Felswand und auf der Langen Anna brütenden Basstölpel verwenden Netzreste zum Nestbau. Somit sieht die Vogelkolonie aus wie ein Farbtupfenteppich aus vornehmlich grün und orange aus. Viele der Brutvögel verfangen sich darin (konnte einmal eine Trottellumme beobachten, der dabei auch noch der Vogelwartenring zum Verhängnis wurde, der sie kopfüber unerbittlich im Tauwerk fest hielt) und verenden.
shark 22.06.2016
5. Was
sagen eigentlich die Naturschützer dazu? Eine "Egge" pflügt den Merresgrund auf und mit ihm die Lebewesen , die am Boden sich aufhalten. Von Hummern und Krebsen , Muscheln usw.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.