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Wege des Wassers: Dellen und Beulen in den Meeren

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Meeresspiegelkarte Ozeanbeulen bedrohen Küstenstädte

Satelliten offenbaren rätselhafte Veränderungen der Weltmeere. Das Wasser verteilt sich ungleichmäßig. Mancherorts schwillt es zu Beulen, anderswo fällt der Meeresspiegel - Dellen entstehen. An welchen Gestaden kann man sich sicher fühlen, wo steigen die Pegel gefährlich?

Hamburg - Fast 150 Millionen Menschen, die weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel leben, werden die Karte mit Bangen zur Kenntnis nehmen: Ein neuer Atlas zeigt den Anstieg der Weltmeere seit 1993. Stetig schwellen die Fluten demnach an, in den vergangenen 20 Jahren im globalen Durchschnitt um gut drei Millimeter pro Jahr, berichten Wissenschaftler nun auf Tagungen in Potsdam  und Venedig , wo sie neueste Daten zum Meeresspiegel präsentieren. Setzte sich der Trend fort, stünde das Wasser in 100 Jahren 30 Zentimeter höher.

In den vergangenen Jahren habe sich der Anstieg zwar leicht verlangsamt, sagt Jürgen Kusche, Experte für Fernerkundung an der Universität Bonn. Doch das Wasser verteilt sich ganz unterschiedlich in den Meeren: Mancherorts steigt es dreimal schneller, anderswo fällt sogar der Meeresspiegel. Die regionalen Unterschiede entscheiden letztlich darüber, wie viel Steuergeld Staaten in den Küstenschutz pumpen müssen.

Seit 1992 messen Satelliten den Meeresspiegel, mit Radarwellen ertasten sie die Höhe des Wassers. Die neuesten Daten, die nun auf den Tagungen vorgestellt wurden, zeigen den Ozean vor Südostasien in dramatischem Krebsrot: Dort schwoll das Wasser seit 1993 örtlich mehr als einen Zentimeter pro Jahr - vor den Philippinen beispielsweise steht es 20 Zentimeter höher als vor 19 Jahren. Zahlreiche Großstädte wie etwa Manila werden nun von höheren Fluten bedroht.

Alaska verliert an Anziehungskraft

Vermutlich wirke sich dort das Wetterphänomen El Niño aus, meinen Experten: Alle paar Jahre heizt sich der tropische Pazifik um ein paar Grad auf - die Wärme dehnt das Meer. Der Effekt erhalte sich teilweise nach Abflauen eines El Niños, sagt Kusche. Zum Untergang verdammt scheinen die Anwohner aber nicht unbedingt: Strömungen könnten sich verlagern, der Trend müsse also nicht bestehen bleiben, sagt Steven Nerem von der University of Colorado in den USA.

Aus diesem Grund sollten sich auch die Küstenbewohner von Kalifornien bis Chile nicht sicher fühlen: An deren Gestaden zog sich das Meer zwar in den vergangenen 20 Jahren zurück; der Pegel fiel mancherorts gar um 20 Zentimeter. In San Francisco etwa hat sich die Gefahr schwerer Fluten damit verringert. "Die Entwicklung der Zukunft lässt sich daraus aber nicht ableiten", sagt Kusche.

In Alaska hingegen kann man vermutlich entspannter sein. Auch dort sackt der Meeresspiegel ab - doch dort könnte der Trend bestehen bleiben. Ursache sei wohl ausgerechnet das Tauen der Gletscher im nördlichsten Bundesstaat der USA, berichtet Kusche: Zwar verteile sich das Schmelzwasser im Meer, das folglich ansteige. In Alaska jedoch überwiegt offenbar ein anderer Effekt: Weil die Gletscher schwinden, verliert das Land Masse - und damit nach dem Gesetz der Schwerkraft an Anziehungskraft. Folglich sammelt sich weniger Wasser vor der Küste Alaskas. Hinzu kommt, dass sich die Küste nach der Entlastung von der Eislast hebt.

Wasser strömt in die Tiefe

Ähnliche Wirkung könnte das Tauen des Grönlandeises haben: Während das Schmelzwasser weltweit für dramatische Fluten sorgen könnte, würden in Grönland und Umgebung aufgrund verminderter Schwerkraft des Landes die Pegel fallen, glauben Experten. So könnte Tauwetter an den Polen in Nord und Süd vor allem in den Tropen und Subtropen für steigende Fluten sorgen, erläutert Kusche.

Meist jedoch verraten die Beulen und Dellen auf den Meeren, dass sich Meeresströmungen verlagert haben. Der Golfstrom und seine Ausläufer etwa, die warmes Wasser aus den Tropen Richtung Europa spülen, hinterlassen deutliche Spuren: Im Nordatlantik sinken die Wassermassen in die Tiefe; der Sog des Absinkens beschleunigt den Golfstrom. Wo die Strömung abtaucht, entstehen Kuhlen im Meer.

Der Radaratlas der Meere aber zeigt nun, dass sich dort in den Abtauchgebieten die Pegel in letzter Zeit gehoben haben. Zugleich sank der Meeresspiegel entlang des Golfstroms. "Das ist ein deutliches Zeichen, dass sich die Zirkulation der Strömung abgeschwächt hat", meinen Saskia Esselborn und Tilo Schöne vom Geoforschungszentrum Potsdam. Ein Versiegen der maritimen Fernwärmeheizung fürchten die Forscher aber nicht.

Schwellung vor Deutschland

Doch auch eine Schwächung des Golfstroms könnte Auswirkungen in Europa haben: Es würde weniger warmes Wasser nach Norden gelangen, das Klima könnte örtlich kühler werden. Auch auf den Meeresspiegel hätte eine Verlangsamung des Golfstroms Auswirkungen: Weil weniger Wasser nach Norden wandern würde, könnte es sich stattdessen unter anderem vor der deutschen Küste sammeln.

In der Nordsee messen Forscher um Thomas Wahl von der Universität Siegen bereits seit den siebziger Jahren ein beschleunigtes Ansteigen der Pegel. Auch die Ostsee schwelle in den vergangenen Jahren beschleunigt an, berichtet Birgit Hünicke vom Helmholtz-Zentrum für Küstenforschung. Für eine verstärkte Deichbauoffensive aber scheint es noch zu früh: Phasen beschleunigten Meeresspiegelanstiegs habe es an den deutschen Küsten auch in den Jahrzehnten zuvor immer mal gegeben, berichtet Wahl. Die weitere Entwicklung sei also offen.

Eindeutig scheint allenfalls der allgmeine Trend: Die Pegel steigen im weltweiten Durchschnitt seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Knapp die Hälfte des Anstiegs sei direkt der Ausdehnung des Wassers durch die Klimaerwärmung zuzuschreiben, konstatieren John Church und Neil White vom australischen Klimaforschungsinstitut CSIRO in einer aktuellen Bilanz .

Was bewirkt die Klimaerwärmung?

Wie schnell der Anstieg weitergeht, hängt aber vor allem davon ab, wie viel Schmelzwasser aus Grönland und der Antarktis ins Meer rinnt. Doch hier fällt die Bilanz schwer: Die 160.000 Gletscher der Erde wurden bislang nur stichprobenartig untersucht. Bei lediglich 120 Gletschern wird eine jährliche Bilanz errechnet, nur bei 37 reichen die Aufzeichnungen weiter als 30 Jahre zurück.

Forscher behelfen sich mit der Messung der Anziehungskraft der Eismassen mit Satelliten aus dem Weltall: Verlieren Gletscher an Masse, müssen sich Schmelzfluten ins Meer ergossen haben. Einer aktuellen Studie  zufolge lässt der Eisverlust weltweit die Meere derzeit um anderthalb Millimeter pro Jahr steigen.

Die große Unbekannte aber ist die Klimaerwärmung: Wird sie die Gletscher beschleunigt tauen lassen? Indizien dafür gibt es. Welche Küsten aber besonders bedroht wären, entscheiden die Beulen in den Ozeanen. Doch wie sich das Wasser künftig verteilen wird, lässt sich noch nicht vorhersagen.