Drogenboss-Spätschäden Wie die Nilpferde von Pablo Escobar einen Streit unter Forschern auslösten

Kolumbiens bekanntester Verbrecher Pablo Escobar hielt in seinem Privatzoo vier Nilpferde. Nach seinem Tod vermehrten sich die Tiere unkontrolliert. Nun streiten Forscher, wie mit den Riesen-Säugern umzugehen ist.
Wildes Nilpferd in der Nähe des ehemaligen Privatzoos von Escobar

Wildes Nilpferd in der Nähe des ehemaligen Privatzoos von Escobar

Foto: RAUL ARBOLEDA/ AFP

Pablo Escobar war bekannt für seine Brutalität - und seine Exzentrik. In seinem Privatzoo tummelten sich Tiger, Giraffen und Nilpferde, die der Kartellchef in seine Heimat Kolumbien schmuggeln ließ. Als Escobar im Jahr 1993 starb, verendeten auch viele seiner Tiere, andere wurden gestohlen oder ganz offiziell in andere Zoos gebracht. Nur für die vier Nilpferde aus seinem Besitz schien sich niemand zu interessieren. Sie grasten ungestört auf dem Gelände und breiteten sich allmählich in umliegende Gewässer aus.

Laut Schätzungen ist die Population der Escobar-Hippos mittlerweile auf 80 bis 100 Tiere angewachsen. Viele Forscher betrachten sie als invasive Art, die nichts in Kolumbien verloren hat. Ein internationales Forscherteam stellt diese Sicht nun infrage.

Escobar hatte die Tiere einem Zoo in Kalifornien abgekauft

Escobar hatte die Tiere einem Zoo in Kalifornien abgekauft

Foto: RAUL ARBOLEDA/ AFP

Die Nilpferde füllten eine ökologische Nische, die ursprünglich von anderen Großsäugern besetzt worden sei, berichten sie im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" . Folgt man ihrer Argumentation, sind Escobars Hippos keine Bedrohung für die Umwelt, sondern eine Art Renaturierungsprojekt.

Frage der Definition: Was ist natürlich?

"Wir definieren Natur meist als die kurze Zeitspanne, über die es Aufzeichnungen gibt, aber schon davor hat der Mensch die Umwelt nachhaltig beeinflusst", sagt Studienautor Arian Wallach von der University of Technology Sydney. Menschen hätten in den vergangenen 100.000 Jahren viele Großsäuger ausgerottet. Wenn nun im Gegenzug neue Arten eingeschleppt werden, könnte die Ökologie wieder dem Zustand nähergebracht werden, der Millionen Jahre anhielt, ehe die Ausrottungswelle begann.

Für ihre Analyse untersuchten die Wissenschaftler Daten von allen bekannten Pflanzenfressern über zehn Kilo, die seit dem Beginn des Späten Pleistozän vor etwa 130.000 Jahren bis heute gelebt haben. Demnach ähneln 64 Prozent der eingeschleppten Säuger ausgestorbenen Arten eher als der heimischen Fauna.

Die Nilpferde in Südamerika füllen laut den Forschern die Lücke von gleich zwei ausgestorbenen Arten: In ihrer Ernährungsweise ähnelten sie Riesenlamas, die einst auf dem Kontinent lebten. Ihre Größe und die Angewohnheit, sich viel im Wasser aufzuhalten, teilten sie mit Vertretern von inzwischen ausgestorbenen Huftieren, den Notoungulata. "Selbst wenn die Flusspferde keine ausgestorbene Art perfekt ersetzen", schlussfolgern die Forscher, "stellen sie die ökologische Funktion mehrerer Arten wieder her."

Doch längst nicht alle Wissenschaftler sind überzeugt, dass Nilpferde in Kolumbien als heimisch angesehen werden sollten. Erst Anfang des Jahres warnten Forscher im Fachblatt "Ecology" , die Exkremente der Tiere könnten Gewässer erheblich belasten und gefährliche Algenblüten verursachen. Um die Ausbreitung der Nilpferde einzudämmen, wurden einige Tiere kastriert, andere getötet oder in Zoos untergebracht. Die Tiere zurück in ihren ursprünglichen Lebensraum in Afrika zu bringen, halten viele Forscher für keine gute Idee, weil sie Krankheiten einschleppen könnten.

Derweil wächst die Population der Escobar-Nilpferde beständig. Laut Schätzungen könnten bald Tausende Tiere in Kolumbien leben.

koe