Paläontologie Im Frühling ernten Fossilien Veröffentlichungen

Lange war Flaute in den Fachzeitschriften, jetzt sind sie wieder voller neuer Erkenntnisse - etwa über einen gigantischen Seeskorpion. Warum werden paläontologische Studien in Wellen veröffentlicht? Die Erklärung: Es ist Erntezeit.

Archosauromorph: Kein Krokodil, kein Dinosaurier - aber irgendwas dazwischen
PLOS

Archosauromorph: Kein Krokodil, kein Dinosaurier - aber irgendwas dazwischen

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Nach Monaten der Flaute werden derzeit wieder paläontologische Studien in Masse veröffentlicht. Zu erklären ist das leicht: Es ist Frühling - und Forschung ist in manchen Disziplinen ein echtes Saisongeschäft.

Aus Sicht vieler Paläo-Wissenschaftler teilt sich das Jahr in drei Jahreszeiten: Die Grabungssaison, die Zeit der Analyse und Präparation in den Laboren und die Zeit der Veröffentlichungen - eine Art publizistische Erntezeit. Bei denjenigen, die vornehmlich in der nördlichen Hemisphäre unterwegs sind, ist das der Frühling. Auch in den nächsten Wochen ist darum mit zahlreichen weiteren Veröffentlichungen zu rechnen.

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Das Fachportal "PLOS One" berichtet über den Fund von Masrasector nananubis , eines Vertreters der Hyaenodontidae aus dem ausgehenden Eozän. Diese ausgesprochen artenreiche Familie der Säugetiere lebte für rund 50 Millionen Jahre. Er brachte teils baumbewohnende Winzlinge von 20 Zentimetern hervor, aber auch 60 Kilogramm schwere Albträume mit Schädeln, die doppelt so groß wie die heutiger Löwen waren.

Die großen Vertreter der Hyaenodontidae erinnerten in ihrem Körperbau an heutige Hyänen, waren mit denen allerdings nicht näher verwandt: Sie gehörten zu den Creodonten (Urraubtieren), deren Entwicklungslinie sich bereits vor mehr als 63 Millionen Jahren von der unserer heutigen Raubtiere trennte.

Hyaenodont-Schädel: Klein, aber kräftig
Matthew Borths

Hyaenodont-Schädel: Klein, aber kräftig

Masrasector nananubis gehörte unter den afrikanischen Hyaenodontidae zu den eher kleinen Vertretern der Familie: Vor 34 Millionen Jahren wuselte Masrasector klein wie ein Stinktier und flink wie ein Wiesel durchs ägyptische Unterholz. Wertvoll ist der Fund vor allem, weil er klaffende Lücken im Familienstammbaum der Hyaenodontidae schließen könnte: Der Fund gehört zu den bisher vollständigsten seiner Art.

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An der Schwelle vom Perm zur Trias entwickelten sich vor mehr als 250 Millionen Jahren die Archosaurier (Bild siehe oben). Nach dem Massensterben, mit dem das Perm endete, verdrängten sie die Synapsiden - Vorfahren der Säugetiere - als die vorherrschende Wirbeltiergruppe. Aus den Archosauriern gingen rund 30 Millionen Jahre später auch Pterosaurier, Krokodile und Dinosaurier hervor.

Und diese, jede erdenkliche ökologische Nische besetzende Formenvielfalt kündigte sich früh an: Viele frühe Vertreter der Archosaurier ähnelten Krokodilen, aber in manchen erkennt man schon die Vorfahren der Dinosaurier.

Dazu gehörten wohl die Vertreter der Art Prorotodactylus, von der bisher zwei Unterarten bekannt waren. In der letzten Woche berichtete "PLOS One" von einer dritten Unterart, Prorotodactylus mesaxonichnus, und die Analyse dieses in den Pyrenäen gefundenen Fossils sorgt für Bewegung: Prorotodactylus waren wahrscheinlich kleine, grazile, extrem hochbeinig laufende Tiere. Bisher ordnete man sie bei den Dinosauromorpha ein, also den unmittelbaren Vorfahren der Dinosaurier.

Der Grund dafür ist ihre Laufweise: Fußstellung und Schrittfolge zeigen, dass die Tiere relativ geradbeinig standen, die Füße direkt unter dem Körper - typisch für Dinosaurier, untypisch für andere Reptilien. Die Unterart Prorotodactylus mesaxonichnus zeige nun aber Merkmale, die sie näher bei den Archosauriern einordne, sagen die Verfasser der Studie.

So oder so bleibt Prorotodactylus damit ein Zwischenglied - die Silbe "-morpha" steht stets dafür, dass man ein Tier für "so ähnlich wie" erklärt. Bisher wurde Prorotodactylus schon nahe bei den Dinosauriern gesehen, nun rücken sie wieder näher an die Archosaurier heran.

Das Interessanteste daran ist, wie wackelig solche Vorstellungen und Erklärungen mitunter sein können: Alles, was man von Prorotodactylus bisher kennt, sind die versteinerten Spuren, die er vor 248 Millionen Jahren im Schlamm hinterließ.

Und das gilt für alle drei Unterarten - mehr als Fußabdrücke kennt man nicht. Die allerdings ähneln denen kleiner und unmittelbarer Dinosaurier-Vorfahren wie Lagerpeton. Unsere Vorstellungen von Prorotodactylus beruhen also auf besser dokumentierten Fossilien späterer Arten, deren Fußspuren sehr ähnlich aussahen.

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Seitwärts erstochen: Seeskorpione wurden bis zu drei Meter lang
Nathan Rogers

Seitwärts erstochen: Seeskorpione wurden bis zu drei Meter lang

Über die Eurypterida wissen wir da schon weit mehr: Von den bis zu drei Meter langen Seeskorpionen, die beginnend vor etwas über 460 Millionen Jahren über 200 Millionen Jahre lang die Meere regierten, gibt es höchst detaillierte Fossile. Teils bewaffnet mit mächtigen Scheren gelten sie als Top-Prädatoren ihrer Zeit.

Vorn Krebstier-ähnlich, hinten wie eine sich verjüngende, gepanzerte Assel geformt erkennt man am Hinterleib vieler dieser Fossilen filigrane, spitze Strukturen. Das erinnert an die Giftdornen moderner Skorpione. Die aber funktionieren anders: Unsere heutigen Skorpione können sich aufwärts biegen und ihre Beute über Kopf stechen. Doch Seeskorpione konnten das definitiv nicht, sie waren nur in der Horizontalen beweglich.

Das aber weit mehr, als bisher gedacht, behauptet Scott Persons, Hauptautor einer aktuellen Studie in "The American Naturalist": Ausgehend von der Analyse eines neuen Fossilfundes der Art Slimonia acuminata (ca. 430 Millionen Jahre alt) spricht die Studie dem Seeskorpion die Fähigkeit zu, sich horizontal quasi 180 Grad zu winden. Demnach erlegte der Räuber seine Beute möglicherweise, indem er sie mit den Scheren festhielt, während er sie mit seinem Dorn seitwärts aufspießte. Was bedeuten würde, dass Skorpione ihre tödlichen Stichwaffen mehr als 150 Millionen Jahre früher entwickelt haben könnten, als bisher gedacht.



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