Paläontologie Ur-Vogel stand auf Dino-Füßen

Wissenschaftler haben neue Belege für die enge Verwandtschaft von Sauriern und Vögeln entdeckt: Die Füße eines jetzt untersuchten Ur-Vorgel-Skeletts ähnelten denen von Dinosauriern stärker als bisher angenommen.

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Wer nach Spuren der Ur-Vögel fahndet, muss nach Deutschland kommen. Alle neun bislang bekannten Skelette der Gattung Archaeopteryx wurden in Steinbrüchen nahe Eichstätt, Solnhofen und Jachenhausen entdeckt. Doch es gibt noch ein zehntes Skelett des sagenumwobenen Ur-Federviehs, dessen genaue Herkunft unklar ist.

Archaeopteryx-Skelett: Nach hinten gedrehter großer Zeh fehlt
G. Mayr/Senckenberg

Archaeopteryx-Skelett: Nach hinten gedrehter großer Zeh fehlt

Der zehnte Archaeopteryx ist so gut erhalten, dass Paläontologen ins Schwärmen kommen: "Das ist ein Schatz", sagt Peter Dodson von der University of Pennsylvania dem Magazin "Science" (Bd. 310, S. 1483). Es handle sich um den besterhaltenen Fund überhaupt.

Das Vogel-Fossil überrascht nicht nur mit seinem guten Zustand, sondern auch mit seinen Füßen. Diese ähneln nämlich nicht, wie mancher erwartet hatte, denen heutiger Vögel, sondern vielmehr denen von Dinosauriern. Der erste Zeh des Archaeopteryx ist beispielsweise nicht vollständig nach hinten gedreht. "Das Fehlen eines gänzlich nach hinten gedrehten großen Zehs zeigt, dass der Archaeopteryx keinen Fuß hatte, mit dem er Äste wie ein Vogel umgreifen konnte", berichtet Gerald Mayr vom Frankfurter Forschungsinstitut Senckenberg in "Science". Mayr hatte das rund 150 Millionen Jahre alte Skelett gemeinsam mit zwei Kollegen untersucht.

Bei den bisher bekannten Archaeopteryx-Fossilien habe man den Aufbau der Füße nicht genau erkennen können, sagte Mayr im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Bei einem der Ur-Vögel sei der Saurier-Zeh jetzt im Nachhinein entdeckt worden. "Den hatten wir bislang übersehen", erklärt Mayr.

Der älteste bekannte Vogel unterscheide sich deutlicher von seinen heute lebenden Verwandten als bisher angenommen, berichtet das Forscherteam. Dafür sei die Ähnlichkeit zu Sauriern größer. Das etwa Elster-große Tier habe seinen zweiten Zeh besonders stark nach oben überdehnen können, erklärt Mayr. "Ähnlich wie bei der sogenannten Killerkralle eines Velociraptors, die man aus dem Film 'Jurassic Park' kennt." Auch der sehr gut erhaltene Schädel ähnle jenen von Sauriern.

Die Ergebnisse seien ein weiterer Beleg für die Verwandtschaft des Ur-Vogels mit bestimmten fleischfressenden Sauriern aus der Gruppe der so genannten Theropoden. Charles Darwin hatte in seiner Evolutionstheorie postuliert, dass bei der Entwicklung neuer Arten auch Übergangsformen entstehen, die sowohl Merkmale der alten als auch der neuen Art besitzen. Die Ur-Vogel-Fossilien gelten deshalb seit ihrer Entdeckung vor mehr als hundert Jahren als Beleg für Darwins Theorie.

Untersuchter Ur-Vogel: "Das ist ein Schatz"
G. Mayr/Senckenberg

Untersuchter Ur-Vogel: "Das ist ein Schatz"

Die Fundgeschichte des jetzt in "Science" beschriebenen Archaeopteryx ist rätselhaft. Fest steht lediglich, dass das Fossil aus Solnhofen in Bayern stammt. Es befand sich in Privatbesitz in der Schweiz. Wann, wo genau und von wem das Fossil entdeckt wurde, wissen die Paläontologen nicht. "In einigen Steinbrüchen in Solnhofen darf jeder graben", erklärt Mayr. "Was man findet, darf man behalten."

Der gut erhaltene zehnte U-Vogel war auch dem Frankfurter Museum Senckenberg zum Kauf angeboten worden. Dem Institut fehlt jedoch ein Sponsor, um den offenbar hohen Preis zu bezahlen. Schließlich erwarb das Dinosaurier-Museum im US-Bundesstaat Wyoming das Skelett.

Künftig wird der wertvolle Fund im knapp 3000 Einwohner zählenden Städtchen Thermopolis ausgestellt. Das dortige Dinosaur Center war 1995 von dem Tierarzt Burkhard Pohl gegründet worden, der zuvor an der Universität Bern gearbeitet hatte. Pohl war auch an der Untersuchung des zehnten Ur-Vogels beteiligt. Den Kauf des Fossils habe ein "privater Spender" ermöglicht, wie Pohl gegenüber "Science" erklärte.

Einige Paläontologen zweifeln jedoch, ob das Privat-Museum in Wyoming der richtige Platz für ein derart einzigartiges Fossil ist. Sie sähen den Ur-Vogel lieber in einem etablierten Institut in einer Metropole. "Ich verstehe das nicht ganz", meint Mayr. Das Dinosaur Center sei eine seriöse Einrichtung und sehr aktiv in der Forschung. "Besser der Fund ist in diesem Museum, als dass er in irgendeiner Privatsammlung verschwindet."



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