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14. Juli 2014, 18:47 Uhr

Palmölanbau

Plantagen bedrohen Afrikas Menschenaffen

Die Palmölindustrie in Afrika wächst - ihre Anbauflächen verdrängen Bonobos, Schimpansen und Gorillas. Verbraucher sollten beim Lebensmittelkauf bestimmte Produkte meiden, fordern Tierschützer.

Neue Palmöl-Plantagen in Afrika bedrohen die Lebensräume von Menschenaffen. Die Areale, für die Unternehmen Anbaulizenzen erhielten, liegen zu großen Teilen in den Lebensräumen von Gorillas, Schimpansen und Bonobos, mahnt ein internationales Forscherteam. Die Wissenschaftler appellieren an die betroffenen Länder in West- und Zentralafrika, die Lebensräume der Affen zu schützen. Auch Verbraucher können demnach aktiv zum Schutz der Affen beitragen.

Die Nachfrage nach aus Ölpalmen produziertem Pflanzenöl steigt, Palmöl steckt in Hunderten Alltagsprodukten. Die Umweltorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) schätzt, dass etwa die Hälfte der Produkte hiesiger Supermärkte Palmöl enthalten, von Lebensmitteln über Kosmetikartikel bis zu Reinigungsprodukten. Große Plantagen gibt es vor allem in Südostasien in Indonesien und Malaysia, wo dafür riesige Waldareale abgeholzt wurden - mit fatalen Folgen beispielsweise für die Population der Orang-Utans. Nun orientieren sich viele Unternehmen nach Afrika, berichten die Forscher um Serge Wich von der Liverpool John Moores University.

Winziger Schutzraum

Um die Folgen für die Tierwelt abzuschätzen, glichen die Wissenschaftler vergebene Lizenzen für afrikanische Palmöl-Plantagen mit den Lebensräumen von Menschenaffen ab. Unter Schutz - und damit weitgehend unzugänglich für Firmen - sind demnach nur etwa 10 Prozent der Menschenaffen-Habitate in Afrika. 40 Prozent der nicht geschützten Verbreitungsgebiete decken sich zudem mit Arealen, die sich zum Palmöl-Anbau eignen, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Current Biology".

Betroffen sind vor allem Lebensräume in Sierra Leone, Liberia, Elfenbeinküste und Ghana in Westafrika und die Länder Zentralafrikas wie Kamerun oder Gabun. Schon jetzt überlappen sich rund 59 Prozent der geplanten Anbaugebiete mit den Habitaten von Westlichen Flachlandgorillas, Gemeinen Schimpansen und Bonobos.

"Die Ölpalmenindustrie stellt eine bedeutende und stetige Bedrohung für Menschenaffen in Afrika dar", betonen die Forscher. "Unsere Analyse zeigt, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Menschenaffen-Areale auf geschütztem Land liegt."

Doch auch dort seien Tiere gefährdet, da Anbaugebiete häufig auf angrenzende Schutzgebiete ausgedehnt würden. Zudem würden in Plantagen oft Schimpansen getötet, die sich bei Futterknappheit gerne an Ölpalmen bedienen. Im April 2014 hatte eine Studie im peruanischen Amazonas-Regenwald gezeigt, dass Holzfäller dort staatliche Rodungsgenehmigungen nutzen, um in Schutzgebiete vorzudringen und geschützte Bäume zu schlagen.

Ertrag mehr als verdoppeln

"Wir befürworten kein striktes Verbot der Ölpalmen-Entwicklung in Afrika", betonen die Forscher der aktuellen Studie. Im Gegenteil böten die Plantagen der verarmten Region große ökonomische Möglichkeiten. Wichtig sei aber, die Plantagen in geeigneten Regionen anzulegen, die nicht von Menschenaffen bewohnt würden.

Dazu müsse jedes Land sowohl die Lebensräume der Tiere kartieren als auch die für Palmöl geeigneten Anbauflächen. Zudem könne man den Anbau auf den bestehenden Plantagen intensivieren. Der Ertrag liege in Afrika bei durchschnittlich 7,8 Tonnen Palmöl pro Hektar, in Südostasien aber bei 16,9 Tonnen. Hier könnten etwa eine bessere Qualität der Samen und bessere Anbaumethoden helfen.

Aber auch die Verbraucher weltweit könnten dazu beitragen, die Lebensräume der Affen zu schützen. "Der erste Schritt ist, das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und auf die Pläne von in Afrika tätigen Unternehmen und Regierungen innerhalb und außerhalb Afrikas zu bringen", so Wich. "Öffentliches Bewusstsein ist der Schlüssel, denn Verbraucher haben durch ihr Kaufverhalten Einfluss." Die Öffentlichkeit solle die Unternehmen dazu drängen, nachhaltig zu wirtschaften.

So finden sich etwa auf Verpackungen mancher Produkte Zertifikate dafür, dass das verwendete Palmöl aus nachhaltigem Anbau stammt. Vor zehn Jahren wurde auf Anregung des WWF der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (Roundtable on Sustainable Palm Oil, RSPO) gegründet. Die beteiligten Unternehmen verpflichten sich, keine ökologisch wichtigen Flächen für Plantagen zu roden.

Aus einem anderen Grund warnt auch ein Gutachten eines internationalen Forscherteams davor, Regenwald für Palmöl-Plantagen zu opfern. Da natürliche Wälder viel Kohlenstoff speichern, würde eine Umwandlung solcher Areale zu einer Freisetzung großer Mengen des Treibhausgases führen. Daher solle man neue Palmöl-Plantagen auf Gras- oder Buschland anlegen, raten die Forscher um Jennifer Lucey von der Universität York.

jme/dpa

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