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Klimagipfel in Kopenhagen: Warten in der Kälte

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Panne beim Klimagipfel Chaostag in Kopenhagen

Die Organisatoren des Klimagipfels in Kopenhagen sind komplett überfordert: Zu viele Menschen wollen bei dem Treffen dabei sein - und müssen einen ganzen Tag umsonst in der Kälte ausharren. Dabei war die Zahl der Interessenten vorhersehbar. Der Imageschaden ist gigantisch.

Weltklimagipfel

Kyoto-Abkommens

Dänemark hatte einen Plan: Man wollte den nach Kopenhagen holen - und so für positive Schlagzeilen sorgen. Bei dem Treffen sollte der Nachfolger des verabschiedet werden. Auf einer der wichtigsten Konferenzen der Menschheitsgeschichte würde es um nicht weniger gehen als die Rettung des Planeten. Am Ende eines perfekt organisierten Treffens würde man dann den Erfolg verkünden können. Und etwas Ruhm würde für das kleine nordeuropäische Land abfallen. Soweit zumindest der Ansatz der Dänen.

Dumm nur, dass die Realität ganz anders aussieht. Seit einiger Zeit ist klar, dass der Gipfel eben nicht das große, allumfassende Klima-Abkommen bringen wird. Bestenfalls geht es um einen Zwischenschritt, um dessen genaue Ausgestaltung in diesen Tagen gestritten wird. Für die zähen Verhandlungen können die Gastgeber nichts - wohl aber für einen Teil des Organisationschaos, das den Auftakt zur zweiten Gipfelwoche begleitet. Und beides sorgt eben nicht für die positiven Schlagzeilen, auf die die Regierung in Kopenhagen so gehofft hatte.

Dass sich die Gastgeber bei der Organisation des Gipfels verheben, hätte man nicht unbedingt vermutet. Doch wie katastrophal die Lage bei den Chaostagen von Kopenhagen ist, zeigt sich am Montag in der Schlange vor dem Konferenzzentrum Bella Center am Stadtrand. Weil das Konferenzzentrum - wegen "dringender Instandhaltungsarbeiten", wie das Uno-Klimasekretariat mitteilte - am Sonntag gesperrt war, konnten keine neuen Tagungsgäste registriert werden. Am Montag stauen sich daraufhin Tausende in der Mega-Schlange.

Stundenlanger Stillstand

Beinahe neun Stunden bewegt sich kaum etwas - und wenn die Menge vorrückt, dann nur, weil Einzelne das Warten unter widrigsten Bedingungen nicht mehr aushalten. Der Rest harrt bei klirrender Kälte aus. Wer Mütze und Handschuhe vergessen hat, der leidet schon bald. Wer sie dabei hat, der leidet etwas später. Die Menschen vor dem Tagungszentrum - der allergrößte Teil von ihnen hat sich bereits Wochen vorher beim Uno-Klimasekretariat registriert - werden allein gelassen. Offizielle Informationen gibt es nicht. Toiletten oder Sitzgelegenheiten auch nicht.

Asiatische Aktivisten einer Veganer-Gruppe werben währenddessen in teils bizarren Tierkostümen für Fleischverzicht als Beitrag zum Klimaschutz. Eine Spontandemonstration fordert lautstark, dass die industrialisierten Länder ihre Klimaschulden begleichen mögen. Und australische Umweltschützer machen mit einem aufblasbaren Känguru und wiederkehrenden Gesängen gegen den massiven Kohle-Export ihres Heimatlandes Front. Auf einer Großbildleinwand läuft der Film "Green" (Laufzeit: 48 Minuten). Zum wievielten Mal eigentlich, mittlerweile?

Irgendwann wird die angrenzende Metrostation wegen Überlastung geschlossen. Gerüchte machen in der Menge die Runde: Der Registrierungscomputer sei zusammengebrochen. Morgen würde gleich gar niemand hereingelassen, weil der Gipfel aus allen Nähten platze. Also harrt man besser aus, mit Sicht auf eine Reihe dänischer Polizisten mit neongrünen Leibchen, die den Zugang abschirmen. Währenddessen ringen die Vertreter der Staaten drinnen darum, wie das Abschlussdokument am Wochenende aussehen wird.

"Rückfall in alte Denk- und Verhaltensmuster"

Viele, die ihnen dabei zuhören und auf die Finger schauen wollen, können das wegen des Organisationschaos nicht. Die Signalwirkung ist desaströs. "Klimawandel betrifft jeden Menschen in einem Ausmaß wie kein Problem jemals zuvor und darf nicht den Kungelrunden der Staatschefs überlassen werden", beklagt Ricken Patel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Kanadier ist Chef des Klimaschutzbündnisses Avaaz, das nach eigenen Angaben 3,6 Millionen Menschen aus aller Welt vertritt. Patel ist sauer angesichts der Geschehnisse: "Statt endlich mehr Demokratie in internationalen Verhandlungen zu wagen, fällt man in alte Denk- und Verhaltensmuster zurück."

Wie oft in der Reihe der Frierenden der seichte Witz zu hören ist, dass ein bisschen Erderwärmung gerade recht gern gesehen wäre? Irgendwann hört man auf zu zählen! Weder die dänische Gipfelpräsidentschaft, noch das Uno-Klimasekretariat kümmern sich um die Menschen, die seit Stunden bei Temperaturen unter Null ausharren. Heiße Getränke? Vielleicht sogar eine Notversorgung mit Essen? Fehlanzeige.

Irgendwann am Nachmittag erscheint ein Mann mit einem Megafon - und stellt kurz und bündig eine weitere, längere Wartezeit in Aussicht. Die Menge antwortet mit Schlachtrufen. "Wir wollen rein!" und "Schämt Euch!", skandieren die Wartenden, aber es ändert nichts, bis am Abend zumindest einige Journalisten und Delegierte aus der Schlage eingelassen werden. Viele Beobachter von Nichtregierungsorganisationen stehen zu diesem Zeitpunkt noch immer an - ohne Erfolg.

Ansturm wurde unterschätzt

Das Problem ist, dass sowohl die dänische Gipfelpräsidentschaft als auch das Uno-Klimasekretariat den Ansturm der Interessenten unterschätzt haben - obwohl sie es angesichts der Voranmeldungen besser hätten wissen müssen. Mittlerweile haben sich mehr als 45.000 Menschen für den Weltklimagipfel registriert. Seit November wurden keine neuen Akkreditierungen mehr akzeptiert. Das gut 77.000 Quadratmeter große Konferenzgelände in Kopenhagen fasst nämlich nur 15.000 Menschen.

"Wenn es klar ist, dass so viele Menschen kommen, hätte man das Konferenzzentrum in zwei Bereiche teilen können: einen für das Rahmenprogramm und einen für die politischen Verhandlungen", sagt Tilman Santarius, Referent für Internationale Klima- und Energiepolitik bei der Heinrich Böll Stiftung, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Organisatoren beharren darauf, dass viele Menschen gekommen seien, die sich nicht angemeldet hätten. So käme es zu den massiven Verzögerungen. Die eigene Überforderung mag man sich nicht eingestehen.

Die unglaubliche Warteschlange am Eingang ist dabei ein Problem. Ein weiteres haben vor allem die etwa 18.000 Beobachter von Nichtregierungsorganisationen. Für sie gibt es in der zweiten Gipfelwoche massive Beschränkungen. Am Dienstag und Mittwoch entfallen auf diese Gruppe noch 7000 Zugangskarten, am Donnerstag - wenn die Politprominenz anrauscht - sind es noch 900. Und am Freitag, dem offiziell letzten Gipfeltag, sind gerade noch 90 Beobachter zugelassen.

"Die Tatsache, dass die Begrenzung der Teilnehmerzahl erst während der ersten Konferenzwoche beschlossen wurde, zeigt, dass das die dänische Gipfelpräsidentschaft und das Klimasekretariat nicht anständig vorbereitet waren", beklagt Santarius.

Der Imageschaden ist schon jetzt gewaltig. Das betrifft sowohl die Dänen als auch das Uno-Klimasekretariat. "Wie soll man der Uno zutrauen, ein Klimaabkommen durchzusetzen, wenn sie noch nicht einmal das hier auf die Reihe bekommt", grummelt ein Amerikaner in der Schlange.

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