Panne der Uno-Experten Falsche Gletscherprognose empört Klimaforscher

Die Gletscher des Himalaja - bis 2035 höchstwahrscheinlich geschmolzen: Mit dieser drastischen Prognose überraschte der Weltklimarat der Uno. Doch sie ist falsch. Jetzt hat das Gremium ein Problem, denn es war gewarnt. Der deutsche Experte Hans Joachim Schellnhuber fordert eine Reform der Institution.
Ruß über Himalaja-Gletschern (Nasa-Simulation): "Zu spät für eine Korrektur"

Ruß über Himalaja-Gletschern (Nasa-Simulation): "Zu spät für eine Korrektur"

Foto: AFP

Uno-Weltklimarat

Berlin - Hätte man beim (IPCC) auf Georg Kaser gehört, wäre dem Gremium wohl eine Peinlichkeit ersten Ranges erspart geblieben. Der Gletscherforscher von der Universität Innsbruck war einer der führenden Autoren des ersten Teils des 2007 erschienenen IPCC-Berichts - und er hatte frühzeitig einen kapitalen Fehler im zweiten Teil des Mammut-Papiers gefunden: Eine dort präsentierte Prognose für das Abschmelzen der Himalaja-Gletscher war grundfalsch.

"Das Datum 2035 ist schon beinahe abstrus. Niemand konnte diesen Wert wirklich ernst nehmen", sagt der Südtiroler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Kein Wunder, selbst bei gigantischen Abschmelzraten würden die bisweilen mehrere hundert Meter dicken Eismassen kaum innerhalb weniger Jahrzehnte abgeschmolzen sein. Dennoch findet sich die Angabe 2035 in dem Bericht.

Kaser ist eine Kapazität auf seinem Gebiet: Bis zum vergangenen Jahr war er Chef der International Association of Cryospheric Sciences. Doch seine Warnung wurde nicht beachtet. "Das war nach den offiziellen Begutachtungsprozessen, kurz vor der Drucklegung", sagt Kaser. "Es war wohl schon zu spät für eine Korrektur." Möglicherweise hat aber auch schlicht das Kontrollsystem des Klimarats versagt. In der kommenden Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Science" will Kaser zusammen mit drei Kollegen aufklären, wie es zu der peinlichen Schlamperei kommen konnte.

Experten mahnen Reform an

Erste Fachleute fordern nun eine Reform des IPCC - weil Pannen wie die mit der dubiosen Gletscherprognose die Glaubwürdigkeit der ganzen Zunft beschädigen. Die Wissenschaft steht auf einem soliden Fundament, doch Kritikern kommt jede derartige Diskussion wie gerufen. "Grundsätzlich sind die Dokumente sorgfältig erarbeitet, doch das Jahr 2035 ist vollkommen unplausibel ", erklärt Julian Dowdeswell, Chef des Scott Polar Research Institute im britischen Cambridge. Das sei "bedauerlich", sagt der Glaziologe SPIEGEL ONLINE: "Der Fehler muss irgendwie durchs Netz gerutscht sein."

Die Öffentlichkeit schaut nach dem Wirbel um gestohlene E-Mails britischer Wissenschaftler wachsam auf alles, was bei der Klimaforschung nur entfernt nach einem Skandal aussehen könnte. Da sind Pannen wie die vermasselte Himalaja-Prognose pures Gift für das Renommee. "Das ist ein peinlicher Fehler, der nicht passieren durfte", sagt Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Er zeigt, dass das IPCC-Verfahren weiter verbessert werden muss." Es bestehe Reformbedarf: "Man sollte über die Struktur des Rates und den Zuschnitt der Arbeitsgruppen nachdenken."

Der Weltklimarat forscht dabei nicht selbst, sondern trägt die öffentlich verfügbaren Erkenntnisse über den Klimawandel zusammen. Der Großteil der Arbeit wird in drei Gremien erledigt:

  • Arbeitsgruppe I kümmert sich um die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimasystems und der Klimaänderung.
  • Arbeitsgruppe II beschäftigt sich mit dem Einfluss der Änderungen auf sozioökonomische und ökologische Systeme.
  • Arbeitsgruppe III sammelt Informationen über Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels.

Himalaja

Die drei Arbeitsgruppen veröffentlichen eigene Berichte, wobei der -Fehler in Arbeitsgruppe II passiert ist. Die Autoren der beanstandeten Passage in Kapitel 10  hatten sich nicht auf Studien in von Experten geprüften Fachmagazinen gestützt (peer reviewed journals), sondern nur auf einen Artikel im populärwissenschaftlichen Magazin "New Scientist". Den wiederum hatte die Umweltschutzorganisation WWF in einem Bericht aufgegriffen.

Dass diese sogenannte Graue Literatur überhaupt in den Publikationen des IPCC zitiert werden darf, war ein ausdrücklicher Wunsch vieler Entwicklungsländer bei der Gründung des Gremiums. Nur so ließ sich aus ihrer Sicht die Dominanz westlicher Forscher in den Griff bekommen.

Die Angst vor zu großem Einfluss der Industrienationen kann man auch aus der Besetzung der IPCC-Autorenteams herauslesen: Die regionalen Kapitel im Bericht der Arbeitsgruppe II wurden jeweils von Vertretern des betreffenden Kontinents verfasst. Man kann mutmaßen, dass im einen oder anderen Fall dabei Regionalproporz vor Kompetenz gegangen sein mag. "Der Rekrutierungsprozess der führenden Autoren braucht eine noch striktere Qualitätssicherung", formuliert es Klimaforscher Schellnhuber diplomatisch.

Große Reformen nicht absehbar

Nach bisheriger Planung wird der Weltklimarat seinen fünften Sachstandsbericht im Jahr 2014 vorlegen. Bei einem Treffen in Bali im vergangenen Oktober haben sich die Staaten schon auf die Struktur der drei Abschnitte geeinigt. Große Reformen an der Arbeitsweise des Rates sind also nicht sehr wahrscheinlich.

"Ich finde die Spielregeln gut und klar. Sie müssen aber auch strikt befolgt werden", sagt Gletscherforscher Kaser. Ginge es nach Schellnhuber, würde der Rat etwa schärfere Kriterien für das Material aufstellen, das in die IPCC-Berichte einfließt: "Vielleicht muss man sogar Fachmagazine der zweiten oder dritten Reihe noch kritischer begutachten."

Kaser hingegen hält von diesem Vorschlag wenig: "Das finde ich nicht sehr sinnvoll, weil dann auch reine Datensammlungen nicht mehr verwendet werden dürfen. Man soll das Kind nicht mit dem Bade ausschütten." Vielleicht gebe es einen vergleichsweise einfachen Weg, um zu noch mehr Qualität zu kommen: "Die naturwissenschaftliche Community muss sich auch die Berichte der Arbeitsgruppen II und III genau ansehen - und sich nicht nur auf den ersten Teil stürzen."