Größtes Binnenfeuchtgebiet der Welt Feuersbrünste in Brasilien vernichten doppelt so viel Fläche wie in Kalifornien

Im Pantanal wüten die schlimmsten Brände seit Beginn der Aufzeichnungen in Brasilien. Die Folgen für die Tierwelt sind verheerend.
Jaguar mit verbrannten Pfoten in Brasilien

Jaguar mit verbrannten Pfoten in Brasilien

Foto: Ueslei Marcelino / REUTERS

Von den mächtigen Tatzen von Jaguar "Ousado" ist nur noch verbranntes Fleisch übrig. Normalerweise hinterlässt das Tier bei seinen Streifzügen durch das Pantanal im Südwesten von Brasilien eindrucksvolle Fußabdrücke im Boden. Doch nun quälen ihn an der Unterseite offene Wunden, aus denen die Knochen hervorschauen - ein erschütternder Anblick. Der Jaguar ist in Süd- und Mittelamerika der König des Dschungels. Und nirgendwo leben so viele Jaguare wie im Pantanal. Aber wie ein König sieht "Ousado", wie die Mitarbeiter einer Hilfsorganisation das gerettete Tier genannt haben, nicht aus. Seine Pfoten stecken in langen Verbänden. Erschöpft liegt die Großkatze in ihrer Unterkunft.

Das Bild des Jaguars ging kürzlich um die Welt. "Ousado" hat sich seine Pfoten auf der Flucht vor den Flammen verbrannt. Im Pantanal, einem der größten Feuchtgebiete der Erde, wüten die schlimmsten Brände seit Beginn der Aufzeichnungen in Brasilien. Normalerweise ist die Region ein Paradies für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Im Augenblick ist es die Hölle.

In der Region leben Hunderte Vogelarten, darunter der bedrohte Hyazinth-Ara. Im Gras- und Buschland, zwischen Sümpfen und Seen finden sie so viel Platz wie auf der gesamten Fläche der alten Bundesländer in Deutschland.

Jaguar "Ousado" wird von Tierschützern versorgt

Jaguar "Ousado" wird von Tierschützern versorgt

Foto: Ueslei Marcelino / REUTERS

Die Brände zerstörten bis zu 30.000 Quadratkilometer - eine Fläche, die doppelt so groß ist wie das durch Feuer in Kalifornien zerstörte Gebiet. Es sehe aus, als bleibe nur Wasser übrig, sagten Beobachter einer Umweltschutzorganisation bereits vor einer Woche.

In den vergangenen Jahren konnte das Pantanal, das überwiegend in den brasilianischen Bundesstaaten Mato Grosso und Mato Grosso do Sul liegt, weitgehend geschützt werden. Auch wenn am Rand der Region Ranches und Viehweiden zunahmen. Doch die jährliche Feuersaison von Juli bis Oktober, meist angefacht durch absichtlich gelegte Brände, ist dieses Jahr teils außer Kontrolle geraten.

Eine heftige Dürre in der Region begünstigt die Feuer. Während der letzten Regenzeit von Dezember 2019 bis April dieses Jahres fiel wenig Niederschlag. Die Feuchtgebiete konnten sich deshalb nur unzureichend mit Regen auffüllen. Außerdem loderten noch vereinzelt Feuer aus dem letzten Jahr, und aufgrund der Dürre überstanden manche Brandherde auch noch die Regenzeit. Die Feuerwehr gelangte schnell an ihre Grenzen.

Das linke Bild zeigt die Szene in natürlichen Farben. Das rechte kombiniert kurzwelliges Infrarot, nahes Infrarot und grünes Licht, um aktive Feuer (hellrot), verkohltes Land (dunkleres Rot) und intakte Vegetation (grün) hervorzuheben
Das linke Bild zeigt die Szene in natürlichen Farben. Das rechte kombiniert kurzwelliges Infrarot, nahes Infrarot und grünes Licht, um aktive Feuer (hellrot), verkohltes Land (dunkleres Rot) und intakte Vegetation (grün) hervorzuheben

Das linke Bild zeigt die Szene in natürlichen Farben. Das rechte kombiniert kurzwelliges Infrarot, nahes Infrarot und grünes Licht, um aktive Feuer (hellrot), verkohltes Land (dunkleres Rot) und intakte Vegetation (grün) hervorzuheben

Foto: NASA Earth Observatory / NASA Earth Observatory

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro wiegelte beim Thema Waldbrände ab, so hatte er es auch bei den Feuern in der weiter nördlich gelegenen Amazonasregion  getan. Man sehe solche Brände in Brasilien seit Jahren, so das Staatsoberhaupt. Tatsächlich gibt es auch natürliche Brandursachen - die Vegetation kann mit dem Feuer koexistieren. Manche Pflanzenarten benötigen im Pantanal die Wärme von Bränden, um zu keimen. Normalerweise richten die Feuer nur geringe Schäden an. Zwischen den Feuchtgebieten können sie sich nicht groß ausbreiten.

Die derzeitige Situation ist jedoch außergewöhnlich. Die Daten des Nationalen Weltrauminstituts (Inpe), aufgenommen seit 1999, registrierten allein in diesem Jahr fast 16.000 Feuer - mehr als jemals zuvor festgestellt wurde.

Den Schaden erfasst die Nasa mit dem "Landsat 8"-Satelliten. Das Falschfarbenbild oben, das mit Intrarot-Sensoren aufgenommen wurde, um die Brandnarben deutlicher hervorzuheben, zeigt lodernde Feuer in hellrot. Verkohltes Land wird auf dem Bild vom 27. August 2020 in dunklem Rot dargestellt. Die Brandnarben entstanden über einen längeren Zeitraum, schreibt die Nasa. Das älteste Feuer brannte bereits im April, zwei andere wurden im Juli entzündet.

"Was in diesem Jahr passiert, ist extrem und in der Satelliten-Ära beispiellos", sagt Douglas Morton, Leiter der Abteilung für Biosphärenwissenschaften am Goddard Space Flight Center der Nasa. Morton schätzt die Größe der vernichteten Fläche etwas niedriger als die Inpe. Er geht von 24.000 Quadratkilometern aus. Das wären "mehr als zehn Prozent des Pantanal - und wir haben noch einige Wochen bis zum Beginn der Regenzeit."

Düstere Aussichten für die Zukunft

Auch die Steigerungsrate der Feuersbrünste im Vergleich zu vergangenen Jahren ist beträchtlich. Laut Satellitenbeobachtungen der Nasa und der US-Wetterbehörde NOAA sowie dem gemeinnützigen Instituto Centro de Vida gab es im August 2020 4200 Hotspots im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso. Im Vergleich zu 71 im August 2018 und 184 im August 2019.

Experten befürchten, dass sich das einzigartige Ökosystem des Pantanal nicht mehr erholen wird. Und auch für die Zukunft sieht es düster aus, prophezeien Forscher. Laut einem Klimamodell  könnte die Region bis zum Ende des Jahrhunderts einen Temperaturanstieg von bis zu sieben Grad Celsius erleben. Auch Niederschläge würden zurückgehen.

Noch heißer und noch trockener - für den Lebensraum der Könige des Dschungels ist diese Nachricht eine Katastrophe. Es scheint, dass der einzige, der im Pantanal langfristig Fußabdrücke hinterlassen wird, der Mensch ist.

joe
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