Parasiten Schmetterlingsraupen im Ameisenpelz

Was sieht definitiv nicht aus wie eine Ameise, wird von ihr aber trotzdem für eine gehalten? Mit einer chemischen Verkleidung narrt die Raupe des Moorbläuling-Schmetterlings Ameisen so perfekt, dass die sie für eigenen Nachwuchs halten und durchfüttern - zum Nachteil der ganzen Kolonie.


Warum selbst auf Nahrungssuche gehen, wenn man es doch viel einfacher haben kann? Die Larven des Kleinen Moorbläulings, eine Schmetterlingsart, imitieren die Haut von Larven der Knotenameise so gekonnt, dass die Ameisen sie für ihre eigenen Larven halten und die heranwachsenden Schmetterlinge in den Ameisenstaat aufnehmen. Dort werden sie von den Arbeiterinnen gefüttert und erfahren dabei sogar eine Vorzugsbehandlung. Das haben David Nash und seine Kollegen vom Institut für Genetik und Ökologie der Universität Kopenhagen herausgefunden.

Chemisch verkleidet: Eine Rote Gartenameise hält die Raupe des Moorbläulings für eigenen Nachwuchs
David Nash

Chemisch verkleidet: Eine Rote Gartenameise hält die Raupe des Moorbläulings für eigenen Nachwuchs

Den Raupen gelingt es, die Ameisen zu narren, indem sie sich chemisch maskieren: Sie imitieren die Oberfläche und Chemie der Ameisenhaut so perfekt, dass die Ameisen sie für ihren eigenen Nachwuchs halten und regelrecht adoptieren. Die Ameisen bringen die Schmetterlings-Raupen in ihr Nest und füttern sie durch - zulasten des eigenen Nachwuchses. Das geht sogar so weit, dass die Vorzugsbehandlung der Raupen zu einer Verkleinerung der Ameisenkolonie führt, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Science".

Die Wissenschaftler hatten in Dänemark verschiedene Populationen des Bläulings untersucht, der seine Eier zunächst auf dem Lungenenzian ablegt. Nach dem Schlüpfen werden die Raupen von Arbeitern der Roten Gartenameise (Myrmica rubra) und der Knotenameise (Myrmica ruginodis) ins eigene Nest geschleppt.

Wettrüsten zwischen Ameise und Raupe

Aber zwischen Raupe und Ameise findet ein evolutionäres Wettrüsten statt: Die Ameisen entwickelten immer feinere Mechanismen, um die Fremdlinge zu erkennen, schreiben die Forscher. Und die Parasiten wiederum versuchten beständig, diese Abwehr zu unterlaufen. Je genauer eine Schmetterlingspopulation die Kohlenwasserstoffchemie der Ameisenhaut nachbilde, desto erfolgreicher seien die parasitären Raupen.

Moorbläuling: Schickt seine Raupen zum Großwerden in Ameisennester
David Nash

Moorbläuling: Schickt seine Raupen zum Großwerden in Ameisennester

Eine der zwei Wirtsarten, die Knotenameise, begegnet den Parasiten sogar mit einer eigenen evolutionären Anpassung, fanden die Forscher heraus: In von Schmetterlingsraupen infiltrierten Kolonien verändern die Ameisenlarven die Oberfläche ihrer Außenhaut so weit, bis sie wieder von den Parasiten unterschieden werden können. Die auf diese Weise gleichzeitig stattfindende Evolution von Wirt und Parasit führt zu einer Entfremdung zwischen Kolonien dieser Ameisenart, erklären die Wissenschaftler. Diese Entwicklung gehe sogar so weit, dass sich diese nicht mehr untereinander fortpflanzen könnten.

Die feinen chemischen Unterschiede der Ameisenhaut von Standort zu Standort müssten auch bei Projekten zur Wiederansiedelung des seltenen Bläulings beachtet werden, betonen die Forscher. Die parasitäre Raupenentwicklung des Bläulings ist seit langem bekannt, unklar waren die genauen Details des chemischen Rüstungswettlaufs der Insekten.

lub/ddp/dpa



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