Parlamentsurteil zum Datenskandal Rüge und Entlastung für britische Klimaforscher

Britische Klimaforscher, die nach einem Datenklau unter Fälschungsverdacht geraten waren, wurden von einem Parlamentsausschuss teilweise entlastet. Es gebe keine Hinweise auf Datenmanipulation, heißt es in einem Untersuchungsbericht. Deutliche Kritik gibt es in dem Papier aber auch.

Landtemperaturen (Dezember 2009): "Gewinner wird am Ende die Klimawissenschaft sein."
REUTERS/Nasa Earth Observations Project

Landtemperaturen (Dezember 2009): "Gewinner wird am Ende die Klimawissenschaft sein."


London - Es ist der erste offizielle Untersuchungsbericht zur Affäre um gestohlene E-Mails von Klimaforschern in Großbritannien - und er stellt den Beteiligten ein zweischneidiges Zeugnis aus. Der Ausschuss für Wissenschaft und Technologie des britischen Unterhauses hatte sich mit der Causa Phil Jones befasst. Der von ihm geleiteten Climatic Research Unit an der University of East Anglia waren im November - auf nach wie vor ungeklärte Weise - zahlreiche E-Mails und Dokumente abhanden gekommen.

Einige Beobachter hatten in den gestohlenen und anschließend veröffentlichten Daten Hinweise darauf vermutet, dass in den Klimawissenschaften manipuliert worden sei. Die Parlamentarier sehen das nun aber nicht so. "Man kann nicht leugnen, dass einige von ihnen ziemlich erschreckend sind", sagte Komiteechef Phil Willis zu den Mails. Doch gibt es nach Ansicht der Parlamentarier keine Belege für wissenschaftliche Manipulationen - und auch nicht dafür, dass Forscher den Begutachtungsprozess für wissenschaftliche Texte (Peer-Review-Prozess) missbraucht hätten, um missliebige Artikel aus dem Weltklimabericht herauszuhalten.

Ein viel kritisiertes Zitat aus einer privaten Mail von Jones, in der dieser von einem "Trick" im Zusammenhang mit den Klimadaten gesprochen habe, ist nach Ansicht des Ausschusses mit der umgangssprachlichen Wortwahl in einer privaten Unterhaltung zu erklären.

Die 14 Parlamentarier rügen allerdings, dass sich die CRU-Forscher geweigert hätten, ihre Daten anderen zur Verfügung zu stellen. Die Mails zeigten eine "unverblümte Ablehnung, Daten mit anderen zu teilen", sagte Willis. Die Forscher, so das Urteil des Untersuchungsgremiums, hätten sich selbst eine Menge Ärger gespart, wenn sie ihre Informationen freigegeben hätten.

Statt eine aggressive Veröffentlichungsstrategie zu entwickeln, hätten die Forscher sich lieber damit befasst, Kritiker in die Ecke zu drängen. Immer wieder hatte die CRU Anfragen negativ beschieden, die sich auf das britische Informationsfreiheitsgesetz berufen hatten. Dafür waren Jones und seine Kollegen bereits vom britischen Information Commissioner's Office gerügt worden.

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Für Jones und seine Kollegen könnte der Bericht eine Art Etappensieg darstellen. Bislang hatte Jones in der öffentlichen Aufarbeitung der Angelegenheit eine wenig gute Figur gemacht. Kritiker dürften allerdings monieren, dass das Komitee seine Erkenntnisse in einiger Eile formulieren musste - weil sie vor der kommenden Wahl veröffentlicht werden sollten. Ein Termin dafür steht zwar noch nicht fest, doch gilt es als wahrscheinlich, dass die Abstimmung in rund einem Monat stattfindet.

Gerade einmal einen Tag dauerten zum Beispiel die mündlichen Anhörungen für den Bericht, zu denen unter anderem Jones in London erschienen war. Die Parlamentarier weisen auf das Problem freilich direkt hin - und erklären, dass ihrer Untersuchung noch weitere folgen würden.

Ein Gremium unter der Leitung von Muir Russell, dem Ex-Vizechef der Universität Glasgow, untersucht im Auftrag der University of East Anglia die E-Mail-Affäre im Detail. Ein weiteres Untersuchungsgremium prüft, ebenfalls im Auftrag der Universität, die wissenschaftliche Leistung der Climatic Research Unit im Allgemeinen. Dabei sollen Experten der renommierten Royal Society helfen. Dazu kommen die Ermittlungen der Polizei zu dem Datendiebstahl.

Der Aufwand lohnt sich, gibt sich Parlamentskomiteechef Willis sicher: "Der Gewinner wird am Ende die Klimawissenschaft sein."

chs/ap/apn/afp

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