Klimadaten korrigiert Und die Erde erwärmt sich doch

Seit gut 15 Jahren schien der globale Temperaturanstieg gebremst, Forscher sprachen von einer Pause der Erderwärmung. Nun finden Experten Fehler in der Analyse. Wie gut sind die Daten überhaupt?
Indischer Ozean bei Sonnenuntergang: Die vermeintliche Pause der Erderwärmung beruht offenbar auf mangelhaften Daten.

Indischer Ozean bei Sonnenuntergang: Die vermeintliche Pause der Erderwärmung beruht offenbar auf mangelhaften Daten.

Foto: GREG WOOD/ AFP

Etwa 40 Erklärungen haben Klimaforscher dafür geliefert, warum die globale Durchschnittstemperatur in Bodennähe seit der Jahrhundertwende kaum noch gestiegen ist. Eine Pause der Erwärmung konstatierte auch der Uno-Klimarat in seinem Sachstandsbericht, obwohl die Jahre seit 2000 sämtlich zu den wärmsten seit 1880 gehören. Klimamodelle mussten aufwendigen Prüfungen unterzogen werden, denn sie hatten die Pause nicht auf der Rechnung.

Umso größer ist jetzt die Überraschung.

Die angebliche Pause der Erwärmung gebe es nicht, berichten Forscher des staatlichen Klimaforschungszentrums der USA, der NOAA. Das Phänomen beruhe auf mangelhaften Daten, schreiben sie im Magazin "Science" . Fehlerhafte Interpretationen der Messungen hätten die Temperaturen systematisch verfälscht.

Neben der neuen Temperaturreihe der NOAA gibt es zwar weitere, die nach wie vor eine gebremste Erwärmung seit der Jahrhundertwende zeigen. Doch auch sie könnten auf falsch interpretierten Daten beruhen, meinen die Autoren der neuen Studie um Thomas Karl von der NOAA.

Sie haben Temperaturdaten seit 1998 korrigiert, weil sie entdeckt hatten, dass die Daten teils auf falschen Annahmen basierten: Besonders die Veränderung der Ozeantemperaturen ist schwierig zu bestimmen, weil die Messmethoden variierten.

Neue Daten: Erwärmung ohne Pause (zum Vergrößern anklicken)

Neue Daten: Erwärmung ohne Pause (zum Vergrößern anklicken)

Foto: NOAA

Messung im Holzeimer

Lange wurde von Schiffen aus per Holzeimer das Wasser gemessen, dann vermehrt in Plastikgefäßen, heute meist automatisch am Rumpf - die Daten waren der neuen Studie zufolge aber teils falsch bewertet worden. Jüngst hatten Forscher zum Beispiel entdeckt, dass länger mit Holzeimer gemessen wurde als angenommen. Zudem hätten Bojen unter der Meeresoberfläche zu kaltes Wasser vorgetäuscht.

Auch Messungen abgelegener Regionen an Land hätten in jüngster Zeit korrigiert werden müssen, berichten Karl und seine Kollegen. Den Berechnungen zufolge verschwindet die Erwärmungspause, werden die mutmaßlich verzerrten Daten korrigiert: Von 2000 bis 2014 stieg die globale Durchschnittstemperatur demnach um 0,116 Grad pro Jahrzehnt - und damit sogar etwas schneller als zwischen 1950 bis 1999.

"Und wir unterschätzen die Erwärmung immer noch - wegen der unvollständigen Erfassung der Arktis, die sich stark erwärmt hat in den letzten Jahren", schreiben die Forscher. Ihrer Studie zufolge wärmte sich das Klima zwischen 1998 bis 2012 im Vergleich zu den höchsten Berechnungen des Uno-Klimarats doppelt so schnell.

Alles Unfug?

Sind der Uno-Bericht und Hunderte Studien der letzten Jahre also Unfug?

"Das wäre eine dumme Behauptung", sagt Gavin Schmidt, Direktor des Klimadatenzentrums der Nasa (GISS). Die neu berechnete Temperaturentwicklung unterscheide sich nicht gravierend von vorigen. Indes: Von einer Pause der Erwärmung könne keine Rede sein, der langfristige Klimatrend zeige eine deutliche Erwärmung.

Die Studie erscheine plausibel, sagt auch Hans von Storch, Direktor am Helmholtz-Zentrum Geesthacht GKSS, ein prominenter Kritiker zahlreicher Arbeiten. Sie stelle allerdings nicht nur die Pause der Erwärmung infrage, sondern die Qualität der Temperaturdaten insgesamt: "Die Arbeit zeigt, dass selbst die wichtigsten Daten der Klimaforschung ständig überprüft werden müssen", sagt von Storch.

Dass solch eine kritische Arbeit im renommierten Magazin "Science" erscheine, zeige, dass es nun offenbar salonfähig werde, selbst grundlegende Erkenntnisse der Klimaforschung infrage zu stellen.

Test bestanden

"Wir sehen hier den üblichen Selbstkorrekturprozess der Wissenschaft", meint Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie. Die Aussage, die Pause der Erwärmung verschwinde, erscheine ihm jedoch "etwas übertrieben". Weiterhin sei der globale Temperaturanstieg über die letzten Jahre geringer als zuvor.

Man müsse nach wie vor von einer Unterbrechung des Erwärmungstrends - einem Hiatus - sprechen, meint auch Piers Forster, Klimadatenexperte an der University of Leeds in Großbritannien. Andere ebenso gute Datensätze, auf denen etwa das Resümee des Uno-Klimarats basierte, zeigten weiterhin eine nur schwache Erwärmung seit der Jahrhundertwende. "Die neuen Berechnungen werden also nicht das letzte Wort sein."

Für die Computersimulationen des Klimas bedeute die neue Studie keinen Freispruch, sagt Eduardo Zorita vom GKSS. Sie zeigten nach wie vor eine zu starke Erwärmung für die vergangenen Jahre. Die Modelle gehörten weiterhin auf den Prüfstand.

Einen entscheidenden Test hatten die Simulationen aber jüngst bestanden - unabhängig von der angeblichen Pause der Erwärmung.

Zusammengefasst: Die Pause der Erderwärmung gibt es wahrscheinlich gar nicht. Forscher erklären das Stagnieren des globalen Temperaturanstiegs vielmehr mit Verzerrungen in den Messdaten. Werden diese Fehler korrigiert, ist die globale Durchschnittstemperatur von 2000 bis 2014 um 0,116 Grad pro Jahrzehnt gestiegen - und damit sogar etwas schneller als zwischen 1950 bis 1999.

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