Pazifik El Niño hat einen großen Bruder

Mal herrschen im Pazifik die Sardinen, mal die Sardellen. Der Ozean wird, wie Fischereidaten zeigen, nicht nur vom launischen El Niño heimgesucht, sondern auch von langfristigen Klimaschwankungen.


Vor 15 Jahren war die Welt noch in Ordnung - zumindest für die kalifornischen Fischer. Ohne groß zu suchen, zogen sie Unmengen von Sardinen aus dem Pazifik. Mittlerweile hat sich das geändert, die Sardinen sind rar geworden, dafür verfangen sich immer mehr Sardellen in den Fischernetzen.

Karte der Meereshöhe des Pazifiks (während des El Niño 1997): Schwanken zwischen Sardinen- und Sardellen-System
NASA/ JPL

Karte der Meereshöhe des Pazifiks (während des El Niño 1997): Schwanken zwischen Sardinen- und Sardellen-System

Zwar dürfte Überfischung einen großen Anteil am Niedergang der Sardinen haben. Doch Francisco Chavez glaubt noch eine weitere Erklärung für den Wandel gefunden zu haben: Wie der Meeresbiologe vom kalifornischen Monterey Bay Aquarium zusammen mit Kollegen im Wissenschaftsmagazin "Science" schreibt, ändern sich im Pazifik in regelmäßigen Abständen auch Wassertemperatur und Strömungsverhältnisse.

Chavez stützt seine These nicht allein auf Fischereidaten. Er hat auch bis zu 100 Jahre alte Aufzeichnungen über Oberflächentemperaturen, Strömungen und Kohlendioxidkonzentrationen studiert. Dabei habe sich gezeigt, so der Forscher in "Science", dass der Rückgang der Sardinen nicht nur Kalifornien, sondern zeitgleich auch Peru und Japan getroffen hat. "Der Fisch marschiert in weiten Teilen des Pazifiks im selben Rhythmus", sagt Chavez, "ein Rhythmus, der auch die Strömungsverhältnisse und den globalen Kohlenstoffkreislauf bestimmt."

Offenbar pendelt der gesamte Pazifik zwischen einem warmen "Sardinen-System" und einem kalten "Sardellen-System". Etwa alle 25 Jahre wechselt die dominierende Fischart, und mit ihr die Verhältnisse: Während der kälteren Sardellen-Zeiten herrschen im östlichen Pazifik starke Strömungen vor, die viele Nährstoffe mit sich führen. Dadurch steigt die Zahl der Lachse und Seevögel an. Im Westen sind die Verhältnisse genau umgekehrt.

Chavez und Kollegen sind überzeugt, dass diese natürlichen Schwankungen nicht nur in die Berechnungen von Fangquoten für die Fischereiwirtschaft einfließen müssen. Auch Studien zum weltweiten Klimawandel sollten künftig die Variationen im Pazifik berücksichtigen.

Schließlich seien die dortigen Vorgänge vergleichbar mit dem launischen El-Niño-Phänomen, das einem drei- bis siebenjährigen Rhythmus folgt. Passend zum Begriff El Niño ("der Junge") schlagen die Forscher daher vor, die längerfristigen Veränderungen "El Viejo" zu nennen - übersetzt "der Alte".



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.