Fotostrecke

Der Schwarze Tod: Als die Pestwelle auf den Menschen traf

Foto: Museum of London

Pest-Genom entziffert Am Anfang war der Schwarze Tod

Er tötete fast halb Europa, jetzt haben Forscher erstmals das Erbgut des Pesterregers entziffert. Die Wissenschaftler können daraus schlussfolgern, wann das Ur-Pest-Bakterium entstand - und warum der Schwarze Tod im Mittelalter viele Millionen Menschen dahinraffte.

Binnen weniger Jahre raffte sie ein Drittel, vielleicht sogar die Hälfte der Bevölkerung Europas dahin: Mitte des 14. Jahrhunderts wütete die Pest - der Schwarze Tod. Auf den ersten großen Ausbruch folgten immer wieder neue, kleinere. Bis heute bleibt die Krankheit gefährlich, kann allerdings mit Antibiotika behandelt werden.

Zeitweise zweifelten Forscher an, ob es überhaupt Pest-Bakterien waren, die die verheerende Pandemie im Mittelalter auslösten. Erbgut-Spuren von Pest-Erregern, die bei Londoner Opfern der ersten Krankheitswelle nachgewiesen wurden, untermauerten jedoch kürzlich, dass tatsächlich Yersinia pestis die Pest verursacht hatte.

Ein internationales Forscherteam um Kirsten Bos von der McMaster University in Kanada hat jetzt das Erbgut mittelalterlicher Pest-Bakterien entschlüsselt und mit dem heutiger Erreger verglichen, um mehr über die Mikroben herauszufinden. Dabei zeigte sich, wie sie im Wissenschaftsjournal "Nature"  berichten: Die Pest-Bakterien müssen sich erst relativ kurz vor dem ersten Ausbruch des Schwarzen Todes so entwickelt haben, dass sie Menschen infizieren konnten. Und: Heutige Stämme von Yersinia pestis unterscheiden sich nicht stark vom Auslöser des Schwarzen Todes.

Bakterien-DNA aus Knochen und Zähnen angereichert

Um das Erbgut der Bakterien zu entschlüsseln, reicherten die Forscher kleine Fragmente der Erreger-DNA aus mittelalterlichen Knochen- und Zahnproben an. Die menschlichen Überreste stammen aus einem der Londoner Massengräber von East Smithfield, dort bestattete die Stadtbevölkerung ab 1348 für kurze Zeit die Opfer der Seuche.

"Die Reihenfolge der Gene lässt sich nicht mehr ermitteln", sagt Johannes Krause von der Universität Tübingen, der an der Studie beteiligt war. Sie seien mit den Perlen an einer Kette vergleichbar, die man auch neu anordnen könne, erklärt er. Mit dieser Einschränkung gelang es den Forschern, das Genom der mittelalterlichen Mikroben zu rekonstruieren.

Die Erreger besaßen wie ihre heutigen Verwandten ein Bakterienchromosom, das aus rund 4,6 Millionen Einzelbausteinen, den Basenpaaren, besteht. Dazu kommen noch drei unterschiedliche kleinere Erbgutringe, die als Plasmide bezeichnet werden, und je rund 100.000 Basenpaare besitzen - eines davon hatten die Forscher aus Tübingen zusammen mit Kollegen aus Kanada und den USA schon zuvor entschlüsselt.

Das rekonstruierte Erbgut verglichen die Wissenschaftler mit dem heutigen sogenannten Referenzgenom von Y. pestis. Dabei zeigte sich, dass sich das Erbgut der mittelalterlichen Mikrobe an weniger als 100 einzelnen Stellen vom heutigen unterscheidet - man spricht von Punktmutationen. Das sind erstaunlich wenige Differenzen.

Plasmide machten Pest-Bakterien gefährlich

Anhand der Zahl der Punktmutationen konnten die Forscher berechnen, wann das Ur-Pest-Bakterium existiert haben muss. Ihr Ergebnis: vor 668 bis 729 Jahren, also frühstens um das Jahr 1282 herum, ist jener gemeinsame Vorfahre aller Pest-Erreger entstanden, die Menschen befallen können. "Dieser Vorfahre ist nur zwei Punktmutationen von den Bakterien von East Smithfield entfernt", sagt Krause.

Daraus ziehen die Forscher einen Schluss: Der mittelalterliche Schwarze Tod war höchstwahrscheinlich das Ereignis, mit dem sich der Krankheitserreger in der menschlichen Bevölkerung erstmals großflächig ausbreitete. Dass das menschliche Immunsystem diesem Erreger zuvor nie begegnet war, könnte auch erklären, warum die Pest so verheerend wütete.

Yersinia-pestis-Bakterien haben sich aus dem im Boden vorkommenden, harmlosen Mikroorganismus Yersinia psuedotuberculosis entwickelt. Entscheidend dafür war, dass sie einige spezielle Plasmide in das Zellinnere aufnahmen. Diese enthalten wichtige Baupläne für das Bakterium, die es ihm ermöglichen, Säugetiere zu infizieren. Vor den humanpathogenen Pest-Stämmen entwickelten sich Mikroben, die Nagetiere anstecken. Diese seien wahrscheinlich vor 2000 bis 3000 Jahren entstanden, sagt Krause.

Aus dem Ergebnis der Studie ergibt sich allerdings ein neues medizinhistorisches Rätsel: Was löste die Justinianische Pest aus, die zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert wütete? Dafür könne ein Pest-Stamm verantwortlich gewesen sein, der sich von den heute zirkulierenden Stämmen klar unterscheide, mutmaßen die Wissenschaftler - oder es war gar ein ganz anderer Krankheitserreger.