Chemie in der Landwirtschaft Pestizide bedrohen die Tierwelt

Pestizide schädigen Bienen, Schmetterlinge und andere nützliche Insekten - und zwar stärker als angenommen. Eine Forschergruppe hat Hunderte Studien zum Einsatz von Schädlingsmitteln analysiert. Die Ergebnisse sind dramatisch.
Pflanzenschutzmittel auf einem Feld (Archiv): Forscher fordern Stopp schädlicher Pestizide

Pflanzenschutzmittel auf einem Feld (Archiv): Forscher fordern Stopp schädlicher Pestizide

Foto: Patrick Pleul/ picture-alliance/ ZB

Pestizide, insbesondere Neonicotinoide und Fipronil, töten massenweise Honigbienen - so viel ist bekannt. Dennoch tun sich die Regierungen weltweit schwer damit, die Chemikalien zur Schädlingsbekämpfung zu verbieten. Eine unabhängige Wissenschaftlergruppe, bestehend aus 29 Forschern unterschiedlicher Disziplinen, hat nun mehr als 800 Einzelstudien zu dem Thema untersucht.

Das Fazit: Die Pestizide spielen nicht nur eine Schlüsselrolle beim Bienenschwund, sie richten auch erheblichen Schaden bei anderen Bestäubern an, etwa bei Schmetterlingen. Außerdem gefährden sie andere Tiere, beispielsweise Regenwürmer und Vögel.

Es sei höchste Zeit, die Verwendung von Neonicotinoiden zu stoppen, mahnen die Forscher. Die Schäden für die Umwelt seien noch viel umfassender, als die Einzelstudien bisher ahnen ließen.

Auch Nektar und Pollen sind giftig

Das Problem mit den Neonicotinoiden sei, dass sie - anders als andere Pestizide - nicht nur auf den Blättern der Pflanze bleiben, schreiben die Forscher in einer Pressemitteilung. Statt dessen verteilen sie sich auch in Blüten, Wurzeln, Stamm und sogar in Nektar und Pollen. Wenn Tiere diese Pflanzenteile oder -produkte verspeisen, nehmen sie die Neonicotinoide auf.

Je nach Spezies und konsumierter Menge können die Folgen unmittelbar tödlich sein oder auch langfristige chronische Schäden verursachen. Neonicotinoide greifen das Nervensystem der Insekten an. Sie schädigen Geruch und Orientierungssinn oder führen zu eingeschränkter Nahrungsaufnahme.

Nicht einmal die neue Analyse konnte alle Schäden erfassen. Doch allein eine Untersuchung der unmittelbaren Effekte der Stoffe hat gezeigt, dass einige von ihnen 5000 bis 10.000 mal tödlicher für Bienen sind als das hochgiftige Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT).

Hinzu kommt, dass selbst ein natürlicher Zerfall der Neonicotinoide das Problem nicht löst. "Ihre Metaboliten - also die Einzelbestandteile, in die sie zerfallen - sind oft genauso giftig oder sogar noch giftiger als der Ausgangsstoff", schreiben die Forscher.

Schon längst haben die gefährlichen Pflanzenschutzmittel sich ihren Weg ins Ökosystem gesucht - weit weg von den ursprünglichen Einsatzorten. Vor allem über den Wasserweg verbreiten sich die Neonicotinoide. Der Regen spült sie in die Erde. Von dort gelangen sie ins Grundwasser und weiter über Rinnsale, Bäche und Flüsse in die größeren Gewässer.

Vom Segen zum Fluch

Viele dieser Langzeitfolgen wurden erst durch die neue Analyse, die im kommenden Monat in der Zeitschrift "Environment Science and Pollution Research" erscheinen wird, deutlich. Als sie 1991 entwickelt wurden und Mitte der Neunzigerjahre in Umlauf gelangten, schienen die Neonicotinoide noch ein attraktiver Pflanzenschutz zu sein. Mit wenig ließ sich schon viel bewirken: Einmal in den Boden gebracht bewahrten sie viele Monate wenn nicht gar Jahre die Pflanzen vor Schädlingsbefall. Ihre Wirkung entfalten sie vor allem im Nervensystem von Insekten, für Wirbeltiere hingegen galten sie bislang als recht harmlos.

Das machte die Neonicotinoide zu einem beliebten Breitband-Pestizid. Mittlerweile gehen Schätzungen davon aus, dass sie weltweit einen Marktanteil von 40 Prozent haben. Noch weitaus größer ist ihr Anteil bei der präventiven Behandlung von Saatgut. Bereits 2008 lag ihr Marktanteil bei den Verkäufen von Saatgutbehandlungsmitteln bei 80 Prozent.

Das, so die Forscher, muss schnellstmöglich ein Ende haben. "Die Forschungsergebnisse über Neonicotinoide und Fipronil sind aufs Schwerste beunruhigend", erklärt der Vorsitzende der Gruppe, Maarten Bijleveld van Lexmond.

Die Autoren der Studie fordern, dass "regulative Organisationen mehr Vorsichtsmaßnahmen und schärfere Regulierungen gegen Neonicotinoide und Fipronil in Kraft treten lassen." Außerdem solle ein globaler Stopp oder zumindest eine starke Einschränkung der weltweiten Nutzung angestrebt werden.

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