Hochrechnung Plastik in Ozeanen kostet Weltwirtschaft bis zu 2,2 Milliarden Euro pro Jahr

Es driftet durch die Arktis, sinkt in die Tiefsee und ist sogar im menschlichen Körper nachweisbar: Plastik ist überall. Forscher haben nun den wirtschaftlichen Schaden der Verschmutzung geschätzt.

Plastik im Meer und an Stränden belastet nicht nur die Umwelt, sondern auch die Wirtschaft
Robert Plesko/ iStockphoto/ Getty Images

Plastik im Meer und an Stränden belastet nicht nur die Umwelt, sondern auch die Wirtschaft


Als die Walkuh vor der italienischen Küste strandete, steckten in ihrem Magen Müllsäcke, Fischernetze und die Verpackung eines Waschmittels. Selbst der Barcode auf der Packung war laut Umweltschützern noch zu erkennen. Insgesamt hatte das Walweibchen gut 22 Kilogramm Plastik geschluckt, bevor ihr Kadaver vor wenigen Tagen angespült wurde.

Meldungen wie diese zeigen, wie Plastik das Leben in den Weltmeeren gefährdet. Jedes Jahr landen zwischen vier bis 13 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen, je nach Schätzung. Die ökonomischen Kosten sind bisher unterschätzt worden, warnen Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Marine Pollution Bulletin".

Ihren Berechnungen zufolge richtet jede Tonne marinen Plastiks einen wirtschaftlichen Schaden zwischen 2900 Euro und 29.000 Euro an - und zwar, indem der Abfall die potenziellen Erträge aus den Meeren vermindert. Hochgerechnet auf die Weltwirtschaft bedeutet das Einbußen von bis zu 2,2 Milliarden Euro pro Jahr.

"Plastik mit einem Preisschild versehen"

Für ihre Analyse hatten die Forscher mehr als 1100 Datensätze aus verschiedenen Publikationen ausgewertet. Solche Übersichtsstudien gelten in der Forschung im Vergleich zu einzelnen Untersuchungen als aussagekräftiger, weil sie auf eine größere Datenbasis zugreifen.

Dennoch ist es schwierig, die Kosten genau zu beziffern, die durch Plastikverschmutzung entstehen. Dadurch erklären sich auch die hohen Schwankungen, die die Forscher bei den hochgerechneten Kosten angeben. Die aktuelle Studie ist deshalb nur eine Annäherung, die auf verschiedenen Modellrechnungen beruht.

"Unsere Berechnungen sind ein erster Schritt, Plastik mit einem Preisschild zu versehen", sagt Nicola Beaumont vom Plymouth Marine Laboratory in England zum "Guardian". Den Forschern sei bewusst, dass weitere Analysen notwendig sind. "Aber wir sind überzeugt, dass wir die tatsächlichen Kosten für die globale Gesellschaft unterschätzen", so die Studienautorin.

Den Forschern zufolge braucht es Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, bis Plastik im Meer verrottet. In dieser Zeit kann sich der Müll Tausende Kilometer von seinem Ursprungsort entfernen. Schon jetzt treiben fünf riesige Müllstrudel durch die Ozeane. Der Abfall biete Bakterien und Algen einen neuen Lebensraum, die sich dadurch weltweit massenhaft verbreiten könnten, warnen die Forscher. Die Auswirkungen auf bestehende Ökosysteme seien kaum vorherzusehen.

Auch für die Fischereiindustrie bedeute Plastik ein schwer zu kalkulierendes Risiko. Fisch und Meeresfrüchte machen für 1,5 Milliarden Menschen weltweit ein Fünftel ihrer Nahrung aus, berichten die Forscher. Vorherige Studien hatten Hinweise geliefert, dass beispielsweise die Weichmacher in Plastik das Wachstum von Fischen beeinträchtigen und sich auf die Reproduktion auswirken können. Die Verschmutzung sei eine Bedrohung für Fischbestände, schlussfolgern die Wissenschaftler, und damit auch für die Nahrungsgrundlage vieler Menschen.

Neben der Fischerei haben die Forscher die möglichen Kosten für folgende Bereiche bilanziert:

  • Zerstörung von Welterbestätten
  • Einbußen beim Tourismus
  • Steigende Kosten durch gesundheitliche Risiken
  • Gesellschaftliche Folgeschäden

Der wirtschaftliche Ertrag aus maritimen Ökosystemen im Jahr 2011 lag bei rund 44,3 Billionen Euro, schreiben die Forscher. Durch die Plastikverschmutzung droht dieser Anteil um ein bis fünf Prozent zu sinken. Dadurch kommen sie auf die Summe von etwa 2,2 Milliarden Euro pro Jahr. Da die weltweite Plastikproduktion seitdem weiter gewachsen ist, könnten die aktuellen Kosten noch deutlich darüber liegen, betonen die Forscher.

Im Vergleich zu anderen Hochrechnungen sind die Schätzungen der Forscher zurückhaltend. Die EU-Kommission geht von deutlich höheren Kosten aus. Demnach sollen bis 2030 Umweltschäden von 22 Milliarden Euro vermieden werden, allein durch das beschlossene EU-Verbot von bestimmten Wegwerfprodukten.

"Eine Tonne Plastik zu recyceln kostet Hunderte Dollar im Vergleich zu Tausenden Dollar, wenn es ins Meer gelangt ist", sagt Beaumont. Die Forscher schlagen deshalb eine Abgabe für Plastik vor, die vergleichbar mit den Preisen im Emissionshandel wäre.

koe

insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
rene.macon 04.04.2019
1. Ich verstehe nicht, warum unser "Gelber Müll" noch immer exportiert...
...wird. Er landet dann in Ländern wie Malaysia und von dort wg. laxer Kontrollen im Meer. Daran ändert dann auch ein Wattestäbchenverbot der EU nichts...
constantin11 04.04.2019
2. Plastikmüll
Wir sollten die Plastikherstellung für Verpackungen sofort verbieten, wenn wir unsere Natur noch retten wollen.
latimer 04.04.2019
3. Leider wissen wir’s schon lange...
Und trotzdem werden einige Parteien wieder auf Freiwilligkeit und unverbindliche Selbstverpflichtung setzten...
x_Vendetta_x 04.04.2019
4. Ich bin mal gespannt...
ob und wann sich mal jemand damit beschäftigt wie unser Plastikmüll, der ja zu einem Großteil beinahe vorbildlich gesammelt wird, in die Weltmeere gelangt und was man dagegen machen kann. Oder falls es nicht unser Abfall ist, woher und wie der Plastikmüll überhaupt ins Meer kommt. Evtl. könnte man, wenn man denn das Ergebnis überhaupt wissen will, daraus Schlüsse ziehen und geeignete Maßnahmen ergreifen, die evtl. billiger sind als 2,2 Milliarden... Vielleicht ist es aber auch nicht mehr zeitgemäß, sachlich nach den Ursachen von Problemen zu suchen und entsprechend zu handeln. Verbote von Strohhalmen und Wattestäbchen scheinen wohl eher das Mittel der Wahl zu sein, oder?
isar56 04.04.2019
5. Die Rettung naht
setzen wir Wale ein, um unseren Kunststoffmüll zu fressen, zur Reinigung der Meere, die wir rücksichtslos zumüllen. Verbitterte Grüße, ich gebe es zu
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