Simulationsstudie Neuer Plastikmüll im Meer könnte sich bis 2040 fast verdreifachen

Die Welt steht vor einem gewaltigen Müllproblem. Forscher haben simuliert, wie viel Plastik in den kommenden Jahrzehnten hergestellt und wie es entsorgt wird. Die Prognose ist düster.
Simulation (Fotomontage) von Plastikmüll am Strand: Das Problem könnte sich gegenüber heute noch deutlich verschärfen

Simulation (Fotomontage) von Plastikmüll am Strand: Das Problem könnte sich gegenüber heute noch deutlich verschärfen

Foto: Anton Petrus/ Getty Images

Plastikmüll ist allgegenwärtig: Er findet sich in Ozeanen, Flüssen und Seen weltweit. Winzige Partikel sind auch in Menschen und Tieren nachweisbar. In den kommenden Jahren könnte das Problem noch größer werden, wenn sich nichts ändert: 1,3 Milliarden Tonnen Kunststoffmüll würden dann bis zum Jahr 2040 in die Umwelt gelangen.

Die gute Nachricht: Der Eintrag in Meere und terrestrische Landschaften ließe sich gegenüber dem "weiter-wie-bisher"-Szenario um ungefähr 80 Prozent reduzieren und im Vergleich zu der Menge, die 2016 in die Umwelt gelangt ist, um 40 Prozent.

Statt der 1,3 Milliarden Tonnen Plastik würden die Ökosysteme dann zwischen 2016 und 2040 noch mit 710 Millionen Tonnen belastet - 460 Millionen Tonnen würden unsachgemäß an Land entsorgt, 250 Millionen in den Ozeanen landen. Doch selbst um dieses Ziel zu erreichen, müssten Regierungen weltweit geschlossen handeln, berichtet eine Expertengruppe im Fachmagazin "Science" .

446.000 Tonnen Plastik in die Umwelt entsorgt

17 Mitarbeiter von Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftler der Universitäten Oxford und Leeds haben untersucht, wie Plastikmüll heute entsorgt wird. Mithilfe von Simulationsprogrammen ermittelten sie anschließend, was das für die zwischen 2016 und 2040 erzeugte Müllmenge bedeutet.

Allein in Deutschland gelangen nach einer Untersuchung von 2018  jährlich rund 446.000 Tonnen Kunststoff in die Umwelt. Inzwischen reagiert die Politik: So beschloss die EU ein ab Mitte 2021 geltendes Herstellungsverbot für Einwegplastik, 2019 wurden im Rahmen der Basler Konvention die Regeln für den Export von Kunststoffabfällen verschärft.

Laut der neuen Untersuchung werden momentan jährlich weltweit

  • fast 30 Millionen Tonnen Plastik unsachgemäß an Land entsorgt,

  • etwa 11 Millionen Tonnen gelangen in die Ozeane und

  • rund 49 Millionen Tonnen werden offen verbrannt.

Ändert sich bis 2040 nichts, könnte sich die Menge in allen Bereichen fast verdreifachen. Demnach könnte

  • die Plastikmüllmenge, die jedes Jahr an Land entsorgt wird, auf 77 Millionen Tonnen anwachsen,

  • 29 Millionen Tonnen Plastik werden in die Ozeane gelangen und

  • 130 Millionen Tonnen Plastikmüll könnten offen verbrannt werden.

Verbrennen ist keine Alternative

So enorm die Menge Plastik heute schon sei, "sie könnte noch größer sein, wenn nicht eine große Menge Abfall offen verbrannt würde", sagt Costas Velis von der Universität Leeds. Allerdings sei auch das Verbrennen mit erheblichen Umweltkosten verbunden. Dabei entstünden etwa das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2), was die Erderwärmung fördert, und giftige Dämpfe.

Ohne schärfere Regulierung könnten zwischen 2016 und 2040 insgesamt 2,25 Milliarden Tonnen Plastikmüll offen verbrannt werden. Das ist fast doppelt so viel wie ins Meer und in terrestrische Landschaften gelangen würden.

"Moderne Verbrennungsanlagen mit Luftreinhaltungs-Technologie stoßen nur sehr wenige gefährliche Stoffe aus", sagt Velis Kollege Ed Cook. "Offene Verbrennung ist jedoch häufig unvollständig. Dabei werden alle möglichen potenziell toxischen Emissionen frei."

95 Prozent der Verpackungen nicht wiederverwertet

Eine einfache Lösung für das Plastikmüllproblem sehen die Fachleute daher nicht. In den Simulationen brachte keine einzige Maßnahme allein entscheidende Fortschritte. Stattdessen brauche es ein Maßnahmenpaket.

Ein zentrales Problem sei, dass etwa 95 Prozent der Kunststoffverpackungen nicht wiederverwendet würden. Laut der Analyse waren die größte Quelle für Plastikverschmutzung auf der Straße entsorgte Siedlungsabfälle, viele davon normaler Haushaltsmüll.

Derzeit werde ungefähr ein Viertel des Plastikmülls nicht ordnungsgemäß entsorgt, berichten die Forscher. Sie rechnen damit, dass der Anteil bis 2040 auf ein Drittel ansteigt. Laut einer Analyse der Vereinten Nationen (Uno) haben etwa zwei Milliarden Menschen weltweit keinen Zugang zu regulärer Müllentsorgung. In den nächsten Jahrzehnten könnte sich die Zahl verdoppeln.

Unbekannte Helden des Recyclings

Mehr Müll einzusammeln, sodass er erst gar nicht in die Umwelt gelangt, wäre daher die einfachste Methode, die Verschmutzung zu reduzieren. "Wenn es keine Müllabfuhr oder Ähnliches gibt, verbrennen die Leute ihren Müll, deponieren ihn an Land oder werfen ihn in Flüsse und Küstengewässer", sagt Velis.

Um das Müllproblem zu lösen, müssten außerdem Müllsammler unterstützt und besser vor Gefahren geschützt werden. "Müllsammler sind die unbekannten Helden des Recyclings", so Velis. Konservativen Schätzungen zufolge gibt es weltweit etwa elf Millionen Müllsammler, die nach Materialien zur Wiederverwertung suchen. Es wird davon ausgegangen, dass sie 58 Prozent des Plastiks einsammeln, das weltweit recycelt wird.

Ganz grundlegend müsse allerdings weniger Plastik produziert und konsumiert werden, schreiben die Forscher. Kunststoffe müssten durch andere kompostierbare Materialien ersetzt werden, Verpackungen so konzipiert werden, dass sie wiederverwertbar seien. Auch Plastikexporte, bei denen der Verbleib des Mülls oft fraglich ist, trügen zur Verschmutzung bei.

Mit Material von dpa