Studie über Abfall in den Meeren Plastikmüll to go

Die Folgen von Fastfood belasten die Meere, zeigen Studien. Der Großteil des Plastikmülls sind Verpackungen to go. Dazu haben Forscher ein Ranking von Europas größten Verursachern erstellt.
Plastikmüll im Sand

Plastikmüll im Sand

Foto: Giovanni Candemi / EyeEm / Getty Images

In der Coronapandemie hat es mancher geahnt, der hin und wieder Speisen von seinem Lieblingsrestaurant abgeholt hat: So richtig gut kann der Verpackungsmüll nicht sein, der bei jeder Lieferung zusammenkommt.

Wo ein Teil solcher Verpackungen landet, haben nun zwei Studien gezeigt: in den Flüssen und Meeren. Laut der Arbeit von spanischen Forschern stammt ein Großteil der Müllteilchen aus europäischen Flüssen von Essen- und Getränkeverpackungen zum Mitnehmen. Jedes Jahr gelangen zwischen 307 und 925 Millionen solcher größeren Plastikteile letztlich in die Meere, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin »Nature Sustainability«. 

Untersucht wurde nicht etwa Mikroplastik – dabei handelt es sich um viel kleinere Teile, die von schon stärker zersetztem Müll stammen – sondern Makroabfall: Teile mit mehr als 2,5 Zentimetern Größe. Sie machen rund 80 Prozent des weltweit in die Ozeane gespülten Plastiks aus.

Für ihre Arbeit hatten die Wissenschaftler bereits vorhandene Verzeichnisse von Abfällen in den unterschiedlichen Bereichen der Meere vereinheitlicht und den Müll klassifiziert. An Küsten waren Plastiktüten am häufigsten, während im offenen Ozean knapp zwei Drittel des Makroabfalls mit Fischereiaktivitäten in Zusammenhang stehen. Hier schwirren etwa Seile, Netze, Bojen und weiteres Fischereizubehör herum. Den geringsten Kunststoffanteil wies der Müll in Flussbetten auf, wo auch viel Holz, Metall, Gummi und Textilien zu finden waren. Der Abfall im Flusswasser bestand fast ausschließlich aus schwimmfähigem Kunststoff.

Aus der Verteilung des schwimmenden Abfalls im Meer schließen die Forscher, dass ein Großteil des vom Land eingetragenen Mülls zunächst einmal in den Küstenregionen festgehalten wird. Möglicherweise werde der Müll dabei wiederholt angespült und abgelagert. Dies verzögere die Aufnahme von Plastik in die Ansammlungszonen des offenen Ozeans, schreiben die Wissenschaftler. Mikroplastik entsteht ihrer Auffassung nach großenteils an den Küsten: »Die Zersetzung von Kunststoffartikeln, die hohen Temperaturen ausgesetzt sind, und die mechanischen Kräfte beim Brechen von Wellen beschleunigen die Rissbildung und Fragmentierung von Plastikmüll an der Küste.«

Dass die Meeresverschmutzung nicht nur ein Problem von Staaten mit einer unterentwickelten Müllentsorgung ist, zeigt eine zweite Studie , für die Makroabfall in verschiedenen europäischen Flüssen und meeresnahen Becken untersucht wurde – darunter auch drei Gebiete an der deutschen Nordseeküste. Zudem griffen die Forscher auf Daten aus früheren Untersuchungen zurück und ermittelten mit Computermodellen, wie viel Müll über Flüsse sowie küstennahe Bäche und Becken ins Meer gelangt.

Nach Ursprungsstaaten geordnet, sind das die größten Verursacher von Abfällen im Meer:

  • Türkei (16,8 Prozent)

  • Italien (11,3 Prozent)

  • Großbritannien (8,4 Prozent)

  • Spanien (8,21 Prozent)

  • und Griechenland (6,7 Prozent)

Deutschland, mit wesentlich weniger Küste als diese Länder, liegt mit weniger als zwei Prozent im Mittelfeld der untersuchten Staaten. Auf den obersten Plätzen seien viele reichere Länder mit guten Müll-Management-Systemen. Eine weitere wichtige Erkenntnis war, dass der Eintrag von kleinen Gewässern, mit einem Wassereinzugsgebiet von weniger als 100 Quadratkilometern, bisher unterschätzt worden ist. Dabei seien die Einzugsgebiete dieser Flüsse und Becken mit durchschnittlich 217 Einwohnern pro Quadratkilometern deutlich dichter besiedelt als die großen Flüsse mit 87 Einwohnern pro Quadratkilometer. Außerdem würden Dämme und Wehre in den größeren Flüssen Abfall zurückhalten, vermuten die Wissenschaftler.

Kaum Systeme mit Marktreife

In einer weiteren Studie  untersuchten Wissenschaftler um Nikoleta Bellou vom Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht innovative Lösungen zur Bekämpfung der Meeresverschmutzung. Sie stellen fest, dass 60 Prozent der vorgeschlagenen Lösungen auf die Überwachung ausgerichtet sind und die meisten erst in den vergangenen drei Jahren entwickelt wurden. Nur wenige seien zur Marktreife entwickelt oder auf den Markt gelangt.

Die Produktion und Nutzung von Plastik müssten dringend auf globaler Ebene reguliert werden, schreiben schon die spanischen Forscher. Der Massenkonsum und die schnelle Entsorgung von menschengemachten Produkten stellen ein akutes weltweites Entsorgungsproblem dar. »Metall-, Textil-, Glas-, Papier-, Keramik-, Gummi- und insbesondere Kunststoffgegenstände sammeln sich weltweit an Küsten, in Gewässern und Meeresböden an«. Und dort bleiben sie für sehr lange Zeit.

Global stammt der Großteil aus Asien

Schon frühere Studien hatten die Herkunft von Plastikmüll in den Meeren untersucht. Laut einer »Nature«-Studie  stammte der mit Abstand meiste Plastikmüll aus dem Jangtse, dem längsten Fluss Chinas – er spülte 2015 schätzungsweise 333.000 Tonnen in die Ozeane. Auf dem zweiten Rang folgt der Ganges mit etwa 115.000 Tonnen. Laut Schätzungen stammen 86 Prozent des Plastiks in den Weltmeeren aus Asien – vor allem aus China. Zum Vergleich: Flüsse in Afrika trugen knapp acht Prozent zur Verschmutzung der Weltmeere mit Kunststoff bei, europäische 0,28 Prozent.

Allein in Deutschland gelangen nach einer Studie von 2018 jährlich rund 446.000 Tonnen Kunststoff in die Umwelt. Inzwischen reagiert die Politik: So beschloss die EU ein ab Mitte 2021 geltendes Herstellungsverbot für Einwegplastik, 2019 wurden im Rahmen der Basler Konvention die Regeln für den Export von Kunststoffabfällen verschärft.

joe/dpa